Am 3. Oktober 2026 beschäftigt ein Mordfall aus Südengland auch die britische Politik: Ein 28-jähriger Brite soll nicht nur wegen des Todes der früheren Abgeordneten Ann Widdecombe verfolgt werden. Die britische Staatsanwaltschaft wirft ihm außerdem „Handlungen zur Vorbereitung terroristischer Anschläge“ vor. Zu den mutmaßlichen Zielen soll Nigel Farage, Vorsitzender der Partei Reform UK, gehört haben.

Der Angeklagte soll am 7. Oktober in London vor Gericht erscheinen. Leitender Staatsanwalt für Terrorismusbekämpfung ist Frank Ferguson. Er sagte, es gebe „ausreichende Beweise“ für eine Anklage. Nach Angaben der Anti-Terror-Polizei beziehen sich die Vorwürfe auf Handlungen zwischen dem 31. Mai 2024 und dem 8. Juli 2026. Deputy Assistant Commissioner Vicki Evans sprach von intensiven und komplexen Ermittlungen, die sich über längere Zeit erstreckt hätten. Die Anklage sei das Ergebnis der Arbeit von Ermittlern im gesamten britischen Netzwerk zur Terrorismusbekämpfung.

Ein Angriff im Bungalow am Dartmoor

Ann Widdecombe, 78, war Anfang Juli tot in ihrem Haus am Rand des Dartmoors in Devon gefunden worden. Ihre Leiche wies schwere Verletzungen auf, woraufhin die Polizei eine Mordermittlung einleitete. Laut Anklageschrift drang der 28-jährige Joshua K. mittags in ihren Bungalow ein, verlangte nach Ausweis und Bankkarten und schlug Widdecombe 21-mal mit einem Hammer. Die Staatsanwaltschaft sprach von „brutalster Gewalt“.

Überwachungskameraaufnahmen sollen den Angriff und das anschließende Verlassen des Hauses dokumentieren. Entdeckt wurde Widdecombe, nachdem sie nicht zu einem geplanten Video-Interview erschienen war; ein Gärtner fand sie tot. Der mutmaßliche Täter soll am Tattag mehrere hundert Kilometer von seinem Wohnort Rotherham nach Südengland gefahren sein. Joshua K. befindet sich in Untersuchungshaft. Das Motiv ist weiterhin ungeklärt. Wegen Widdecombes Bekanntheit und des gezielten Angriffs prüft die nationale Anti-Terror-Einheit auch ein politisches Motiv.

Die Ermittlungen verliefen in mehreren Schritten. Zunächst ging man davon aus, Widdecombe sei eines natürlichen Todes gestorben. Später wurde ein Mordverfahren eingeleitet. Ein zunächst festgenommener 26-jähriger Mann wurde wieder freigelassen; die Polizei hatte damals erklärt, es gebe keine Hinweise auf ein politisches oder terroristisches Motiv. Anschließend wurde Joshua K. festgenommen. Entgegen den ersten Angaben wurde schließlich doch die Anti-Terror-Einheit einbezogen.

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Eine polarisierende Stimme der britischen Politik

Widdecombe war über Jahrzehnte eine prägende und polarisierende Figur. Von 1987 bis 2010 saß sie für die Konservativen im britischen Parlament, unter Premierminister John Major war sie Ministerin. Später unterstützte sie den Brexit und saß für Nigel Farages Brexit-Partei im Europäischen Parlament. Zuletzt war sie migrationspolitische Sprecherin von Reform UK unter Farage und danach Sprecherin der Nachfolgepartei Reform UK.

Sie unterstützte unter anderem Massenabschiebungen und lehnte Schwangerschaftsabbrüche sowie die gleichgeschlechtliche Ehe ab, häufig mit Verweis auf ihren katholischen Glauben. Nach ihrem Ausscheiden aus dem Parlament trat sie mehrfach im Reality-TV auf. Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union bleibt umstritten. Premierminister Andy Burnham hatte kürzlich sogar eine mögliche Rückkehr Großbritanniens in die EU ins Gespräch gebracht.

Abgeordnete aller Parteien bekundeten nach Widdecombes Tod ihr Beileid. Andy Burnham, der kurz darauf Premierminister wurde, sagte, die politische Debatte sei stärker vergiftet als früher. Er kündigte an, den Schutz von Politikern grundsätzlich überprüfen zu wollen. Im Unterhaus soll außerdem eine Gedenkplakette für Widdecombe angebracht werden – sie wäre dort die dritte Gedenkplakette.

Farage und die Frage nach dem Schutz

Innenministerin Shabana Mahmood sprach Nigel Farage ihr tiefes Mitgefühl aus. Auf der Plattform X zeigte sie sich besorgt über die Sicherheit von Politikern und schrieb: Ein Angriff auf einen Politiker sei ein Angriff auf die gesamte Gesellschaft. Nach der Sitzungspause des Parlaments will Mahmood Maßnahmen zur Verbesserung des Schutzes von Personen vorstellen, die ein öffentliches Amt übernehmen.

Die Sicherheitsdebatte betrifft Farage unmittelbar. Er hatte kurz zuvor eine nicht deklarierte Parteispende in Millionenhöhe unter anderem mit persönlichem Schutz begründet und erklärt, der staatliche Personenschutz sei unzureichend. Innenministerin Shabana Mahmmood wies diese Darstellung zurück. Medien berichteten, Farage habe zuvor einen staatlich angebotenen Bodyguard und Fahrer abgelehnt. Mahmmood will mit dem zuständigen RAVEC-Gremium den Schutz von Reform-Politikern beraten – auch von Personen außerhalb des Parlaments.

Reform UK machte Medien und politische Gegner mitverantwortlich. Zia Yusuf erklärte, ein dauerhaftes Narrativ, Reform UK sei eine zu stoppende Bedrohung, komme einer Anstiftung gleich. Der Sprecher des Unterhauses, Lindsay Hoyle, wies den Vorwurf zurück, Reform-Politiker würden schlechter geschützt. Alle Abgeordneten würden gleich behandelt. Zugleich äußerte er sich besorgt über die zahlreichen Bedrohungen gegen Parlamentarier.

Mahmood kündigte im Unterhaus eine umfassende Prüfung der bestehenden Sicherheitsmaßnahmen an und bot Farage ein Gespräch über dessen öffentlich geäußerte Sicherheitsbedenken an. Politik sei eine Berufung, dürfe aber nicht gefährlich sein, erklärte sie.

Erinnerungen an Jo Cox und David Amess

Der Fall erinnert an frühere Morde an britischen Politikern. Die Labour-Abgeordnete Jo Cox wurde 2016, kurz vor dem Brexit-Referendum, auf offener Straße erstochen. Ihr rechtsextremer Mörder erhielt lebenslange Haft. 2021 wurde der konservative Abgeordnete David Amess während einer Bürgersprechstunde in einer Kirche niedergestochen. Der Täter war wegen radikal-islamistischer Ansichten bekannt und hatte Abgeordnete gezielt verfolgt.

In den vergangenen zehn Jahren wurden in Großbritannien zwei Abgeordnete von politisch motivierten Gewalttätern ermordet. Der Mord an Widdecombe hat deshalb im britischen Parlament eine neue Debatte über die Sicherheit politischer Akteure und anderer prominenter Briten ausgelöst. Die britische Antiterror-Polizei hat die Ermittlungen übernommen – und in Westminster dürfte die Frage nach dem richtigen Schutz von Politikern vorerst nicht von der Tagesordnung verschwinden.

Der Bericht entstand für das Studenten- und Wissenschafts-Magazin an der Uni Freiburg. Quellen: Radio Köln / dpa, Tagesschau und Der Standard.