In Straßburg und Mulhouse sind am Freitag, 2. Oktober 2026, erneut zahlreiche Schülerinnen und Schüler auf die Straße gegangen. Die Schulen blieben geschlossen, der Unterricht lief online – und trotzdem war an Ruhe nicht zu denken. Im Elsass protestieren Jugendliche gegen die Zustände an ihren Schulen und gegen die aus ihrer Sicht unzureichende Finanzierung des Bildungswesens.

Auch an der Universität Straßburg schlossen sich Studierende den Protesten an. Vor der Universität kam es am Freitagmorgen wieder zu Auseinandersetzungen mit Sicherheitskräften. Die Polizei setzte Tränengas ein. Nach Angaben der Regionalzeitung „Dernières Nouvelles d’Alsace“ wurden acht Menschen festgenommen. Die Lage war offenbar weniger heftig als an den Vortagen, doch in Straßburg brannten erneut Mülleimer.

Geschlossene Schulen, blockierte Straßen

Im Elsass blieben 18 Gymnasien geschlossen. Für Freitag waren in ganz Frankreich mehr als 400 geschlossene Schulen angekündigt, an denen stattdessen Fernunterricht stattfinden sollte. Bildungsminister Édouard Geffray ließ die Schulen schließen und ordnete den Online-Unterricht an.

In Mulhouse blockierten Protestierende Straßen und warfen mit Feuerwerkskörpern. Der Straßenbahnverkehr wurde unterbrochen, mehrere Geschäfte und ein Einkaufszentrum blieben geschlossen. Bereits am Donnerstag hatten Jugendliche im Elsass mehrere Gymnasien blockiert. Nach Polizeiangaben waren in Straßburg mindestens zehn Gymnasien ganz oder teilweise betroffen.

Die Forderungen klingen wenig überraschend, wenn man sich den Schulalltag anhört: Lehrermangel, überfüllte Klassen, fehlende Klimaanlagen und defekte Toiletten. Genannt werden außerdem marode Schulgebäude, mangelnde Ausstattung und die unzureichende Finanzierung der weiterführenden Schulen. Teilweise richtet sich der Unmut auch gegen die Plattform für Universitätszulassungen.

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Kundgebungen gab es unter anderem an den Gymnasien Lycée Pasteur, Lycée Marie Curie, Lycée Couffignal, Lycée Fustel de Coulanges, Lycée des Pontonniers, Lycée Jean Monnet und Lycée Kléber. Vor dem Lycée Kléber, einer der größten Schulen der Eurometropole, war es bereits am Mittwoch zu Zusammenstößen gekommen; mehrere Personen wurden festgenommen.

Die jüngste Protestwelle hatte am Dienstag, dem Streiktag im öffentlichen Dienst, begonnen und am Donnerstag deutlich an Dynamik gewonnen. Vor mehreren Schulen standen Barrikaden, Mülleimer und Briefkästen brannten, Polizeikräfte setzten Tränengas ein und führten auch Minderjährige ab. Straßenbahnen standen zeitweise still, mehrere Autos brannten aus.

Fast 2.000 Festnahmen

Frankreichweit wurden im Zusammenhang mit den Protesten 1.949 Menschen festgenommen, den meisten wird Gewalt vorgeworfen. Rund 2.000 Festnahmen meldeten die Behörden. Verletzt wurden 305 Polizisten und Gendarmen sowie seit Beginn der Proteste 170 Schüler und 65 Beschäftigte aus dem Bildungswesen.

Neben friedlichen Demonstrationen kam es zu Ausschreitungen: Mülltonnen wurden angezündet, Einsatzkräfte angegriffen und Schulgebäude beschädigt. In Marseille wurde ein Feuerwehrauto in Brand gesetzt. Der öffentliche Nahverkehr war in mehreren Städten eingeschränkt. Das Innenministerium erklärte, die Ereignisse gingen über das legitime Äußern von Forderungen hinaus und zeigten Anzeichen städtischer Unruhen.

Die Proteste hatten sich innerhalb einer Woche von Schülern auf Lehrer und Studierende ausgeweitet. Nach Angaben des Innenministeriums war landesweit etwa ein Drittel der weiterführenden Schulen von Protestaktionen betroffen. Auch an Universitäten wuchs die Solidarität – nicht zuletzt, weil dort ebenfalls Geld für Räume, Ausstattung und den laufenden Betrieb fehlt.

Eine alte Rechnung im Bildungssystem

Die aktuellen Auseinandersetzungen treffen auf Probleme, die im französischen Bildungssystem seit Langem bekannt sind. Unterricht fällt häufig aus, Lehrerstreiks gehören regelmäßig zum Alltag, öffentliche Schulen kämpfen mit Qualitäts- und Ausstattungsproblemen. Wer es sich leisten kann, schickt die eigenen Kinder auf Privatschulen. Laut ZDF-Korrespondent Thomas Walde entsteht dadurch eine Zweiklassengesellschaft im Bildungswesen.

Schulen haben in Frankreich eine besondere symbolische Bedeutung: Sie sollen Kinder zu republikanischen Bürgern erziehen. Das Motto „Liberté, Egalité, Fraternité“ steht laut dem Beitrag an den Schulen. Wenn dieser Anspruch auf kaputte Toiletten, überfüllte Klassen und fehlendes Personal trifft, wächst die Enttäuschung – und irgendwann auch die Wut.

Frankreich gehört zu den am höchsten verschuldeten EU-Ländern und plant Einsparungen von rund 43 Milliarden Euro. Inzwischen gibt das Land mehr Geld für den Schuldendienst aus als für den Bildungsetat. Für die Protestierenden ist das eine ziemlich klare Rechnung, auch wenn sie politisch kaum so einfach aufgeht.

Als mögliche Gründe für die schnelle Eskalation werden die Beteiligung von Vertretern der linksradikalen Partei La France insoumise und das Auftreten sogenannter Black Blocks genannt. Walde berichtet außerdem von sozial benachteiligten und gewaltbereiten Jugendlichen in den Vororten; besonders angespannt sei die Lage in den sozial prekären Banlieues. Die Beteiligung verschiedener Gruppen erschwert den Behörden, Verantwortlichkeiten zuzuordnen und angemessen vorzugehen.

Politikwissenschaftler Ross unterscheidet die Schulproteste von Aktionen linksextremer Gruppen. Zugleich hätten sich gewaltbereite Jugendliche unter die Demonstranten gemischt. Zwischen friedlichen Forderungen und brennenden Mülltonnen liegt damit nicht nur eine Straße, sondern auch eine komplizierte politische Gemengelage.

Regierung setzt auf Gespräche und Härte

Premierminister Sébastien Lecornu berief eine Krisensitzung zur Lage an den Gymnasien ein. Medienberichten zufolge wurden Ministerinnen und Minister gebeten, geplante Reisen abzusagen. Bildungsminister Geffray rief zur Ruhe auf, im Sender France 2 ebenso wie in seinen öffentlichen Stellungnahmen, und kündigte Gespräche mit Vertretern der Gymnasiasten an.

Die Forderungen müssten angehört werden, erklärte Geffray; der einzige Weg sei der Dialog. Gleichzeitig fordert der Justizminister harte Maßnahmen der Staatsanwaltschaft und drohte, Eltern betroffener Schüler für Schäden an Schulen finanziell in Regress zu nehmen.

Die Regierung verfolgt damit eine Doppelstrategie: Sie signalisiert Gesprächsbereitschaft, damit Schüler und Studierende das Gefühl bekommen, gehört zu werden und der Protest abflaut. Zugleich soll die Justiz durchgreifen. Ob das funktioniert, bleibt offen. Ohne zusätzliche Mittel wird die Regierung grundlegende Forderungen der Protestierenden kaum erfüllen können.