Nolans Odyssee: Wie ein antiker Heimweg zur Geschichte von Krieg, Schuld und Trauma wird
Im Sommer lief Christopher Nolans „Odyssee“ mit Matt Damon als Odysseus auch in den Marburger Kinos erfolgreich. Am 16. Juli, dem Tag der Deutschlandpremiere, saßen Studierende in einer Sondervorstellung im voll besetzten Marburger Cineplex. Zuvor hatte das Marburger Centrum Antike Welt (MCAW) zu einem Gespräch eingeladen: Florian Krüpe sprach mit der Marburger Gräzistik-Professorin Sabine Föllinger über die Bedeutung, literarische Wirkung und Aktualität des Stoffes, danach wurde der Film gezeigt.
Für Föllinger ist das Publikumsinteresse mehr als ein Kinoerfolg. Es zeigt, wie lebendig die Antike geblieben ist – und könnte, so ihre Hoffnung, auch die Gräzistik stärken, ein sogenanntes „kleines Fach“ an den Hochschulen. Seit vielen Jahren beschäftigt sie sich wissenschaftlich und in der Lehre mit den großen griechischen Epen. Die „Ilias“ las sie bereits während ihrer Zwischenprüfung im Griechisch-Studium an der Universität Freiburg im Original.
Ein Heimweg voller Gewalt, Verlust und Entscheidungen
Homers „Odyssee“ erzählt von der zehnjährigen Heimfahrt des griechischen Helden Odysseus und seiner Gefährten nach Ithaka zu seiner Frau Penelope. Gefahren, Rückschläge und immer neue Prüfungen liegen auf dieser Strecke. Odysseus muss sich in zahlreichen bedrohlichen Situationen bewähren; seine Irrfahrten wurden sogar zum Ursprung des Begriffs „Odyssee“.
Gerade die Figuren haben Föllinger schon beim Lesen der „Ilias“ gepackt. Der Konflikt zwischen Achill und Agamemnon etwa sei detailliert geschildert. Homers Sprache, sagt sie, sei nicht pathetisch und vermittle Gefühle sehr gut. In Seminaren zur „Odyssee“ stoßen bei Studierenden vor allem die vielfältigen Charaktere und Dialoge auf Interesse, außerdem das Zusammenspiel von Göttern und Menschen, die mit dem Krieg verbundene Trauer und Odysseus’ leidvoller, langer Heimweg.
Anders als in vielen Hollywood-Darstellungen ist Odysseus bei Homer keine eindimensionale Heldenfigur. Nolan macht daraus einen vom Krieg traumatisierten Mann, der viele Erinnerungen verloren hat und womöglich gar nicht mehr nach Hause zurückkehren will. Föllinger sieht darin eine zeitgemäße Aktualisierung und zugleich ein Element des Antikriegsfilms. Dass Kriege in der Antike als normal galten, verschweigt sie dabei nicht.
Die Adaption „Die Odyssee“ aus dem Jahr 2026 rückt die psychischen Folgen von Odysseus’ Kriegshandlungen stärker ins Zentrum. Matt Damon kehrt als Odysseus nach 20 Jahren zu Penelope, gespielt von Anne Hathaway, und zu Telemachos, dargestellt von Tom Holland, zurück. Zyklop, Zauberinnen und Meeresungeheuer bleiben erhalten, doch ihre Bedeutung verschiebt sich: Göttliche Strafen erscheinen als Folgen menschlicher Entscheidungen, magische Ereignisse bekommen psychologische oder menschliche Erklärungen.
Die Götter greifen kaum noch direkt ein. Athene, gespielt von Zendaya, bleibt als Beschützerin und Vertraute präsent; Zeus, Poseidon, Hermes und Helios treten nicht persönlich auf. Donner und Stürme deuten Odysseus und seine Gefährten weiterhin als göttlichen Zorn, sicher ist das aber nicht. Der Film lässt offen, ob tatsächlich eine Gottheit am Werk ist. So muss Odysseus die Folgen seiner Irrfahrt stärker als Ergebnis eigener Entscheidungen betrachten.
Auch das Trojanische Pferd wird zur persönlichen Schuldgeschichte. Troja ist zu Beginn bereits gefallen. Nolan ergänzt Sinon, gespielt von Elliot Page, eine Figur, die in Homers „Odyssee“ nicht vorkommt, aber aus späteren antiken Überlieferungen bekannt ist. Odysseus verschweigt ihm, dass Soldaten im Pferd sitzen, und nimmt Sinons Tod in Kauf. In der Unterwelt begegnet er später dessen Geist. Sinon wirft ihm Verrat und unterlassene Bestattung vor. Das Pferd steht damit nicht nur für strategische Klugheit, sondern auch für Schuld und die langen Schatten eines Sieges.
Was Nolan verändert – und was davon bleibt
Eine weitere Verschiebung betrifft Kalypso und die Lotosesser. Bei Homer führen die Lotosfrüchte zum Verlust des Interesses an der Heimkehr. Kalypso hält Odysseus sieben Jahre auf ihrer Insel fest und verspricht ihm Unsterblichkeit. Im Film gibt Kalypso, gespielt von Charlize Theron, Odysseus Lotosblüten, die seine Erinnerungen und seinen Schmerz über Troja abschwächen. Seine jahrelange Untätigkeit wirkt dadurch auch wie eine Flucht vor der Vergangenheit. Kalypso behauptet, er sei noch nicht bereit für sein früheres Leben.
Kirkes Episode wird ebenfalls entmythologisiert. Homers Kirke, dargestellt von Samantha Morton, verwandelt Odysseus’ Männer mit einem Trank in Schweine. Im Film erklärt sie die Verwandlung mit dem Verhalten der Männer: Beim Essen hätten sie sich bereits wie Schweine benommen. Ein trockener Satz, der den Zauber ziemlich gründlich auf den Boden der menschlichen Erfahrung zurückholt.
Föllinger hält Abweichungen von Homers Vorlage grundsätzlich für ein legitimes Mittel der Filmkunst. Kritischer sieht sie die geringere Bedeutung der Frauenfiguren. Penelope werde gegenüber Homer reduziert, obwohl sie dort eigenständig den Königshof regiert. Die Königstochter Nausikaa, die Odysseus rettet und seine Heimkehr ermöglicht, fehlt vollständig.
Neu ist im Film auch Odysseus’ Schuldgefühl, weil er seine sterbenden Gefährten nicht begraben konnte. Das Thema Schuld spielt in Homers Vorlage dagegen kaum eine Rolle. Zur Wirkung tragen neben solchen tragischen Momenten auch Action- und Kampfszenen sowie spektakuläre Bilder bei, etwa die Durchfahrt zwischen Skylla und Charybdis. Krieg, Gewalt, Rache, Leid und Trauer reichen dabei über die antike Welt hinaus.
Die Rückkehr nach Ithaka bleibt im Grundsatz erhalten. Odysseus kommt als Bettler zurück, prüft die Loyalität seiner Angehörigen und kämpft gemeinsam mit Telemachos gegen die Freier unter Antinoos, gespielt von Robert Pattinson. Danach erobern Vater und Sohn den Palast zurück. Das extreme Gewaltende Homers wird jedoch reduziert: In der „Odyssee“ werden alle Freier getötet; anschließend lässt Telemachos mehrere versklavte Frauen erhängen, die mit den Freiern geschlafen haben. Die Angehörigen der Toten wollen Rache, bevor Athene den Kampf beendet. Nolan konzentriert sich stattdessen auf die Frage, ob nach Jahren von Krieg, Verrat und Gesetzlosigkeit wieder eine Gesellschaft entstehen kann.
Eumaios, der Odysseus treu gebliebene Schweinehirte, ist im Film blind. Bei Homer ist er es nicht. Darin kann eine Anspielung auf die traditionelle Vorstellung vom blinden Dichter Homer liegen. Zugleich erkennt Eumaios als blinder Charakter besonders klar, wem er vertrauen kann.
Warum die Antike noch immer herumgeistert
Föllinger beeindruckt an Homers Figuren, dass sie so genau beobachtet sind: Menschen mit Angst, Zorn, Sehnsucht und ziemlich schlechten Entscheidungen. Antike Figuren und Begriffe bleiben ihrer Ansicht nach gegenwartsrelevant, weil sie in Kunst, Politik und Rhetorik weiterverwendet werden. Dazu gehören die homerischen Helden ebenso wie Prometheus, politische Konzepte des Geschichtsschreibers Thukydides und antike Debatten über die Macht des Stärkeren.
Homers Epen gelten als Grundlage der westlichen Erzählkunst und wandern seit Jahrhunderten von einer Form in die nächste. James Joyce übertrug die Irrfahrten in „Ulysses“ von 1922 auf einen einzigen Tag, den 16. Juni 1904 in Dublin. Leopold Bloom verkörpert dort den modernen Odysseus; Joyce’ Bewusstseinsstrom prägte die moderne Literatur.
Margaret Atwoods „The Penelopiad“ aus dem Jahr 2005 erzählt die Ereignisse der „Odyssee“ aus der Sicht Penelopes und ihrer gehängten Mägde. Madeline Millers Debütroman „The Song of Achilles“ von 2011, ein weltweiter Bestseller, stellt die homoromantische Beziehung zwischen Achilles und Patroklos in den Mittelpunkt.
Auch das Kino hat die alten Stoffe kräftig umgebaut. In Wolfgang Petersens „Troja“ von 2004, dessen geschätztes Budget 175 Millionen US-Dollar betrug, stehen Achilles, gespielt von Brad Pitt, und der trojanische Prinz Hektor im Zentrum. Die griechischen Götter greifen nicht ein; übernatürliche Elemente werden durch psychologische Motive ersetzt, wodurch eine historisch-realistischere Atmosphäre entsteht.
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