Gießener Turkologie vor dem Aus: Lehrstuhlstreichung gefährdet Türkischlehrkräfte-Ausbildung in Hessen
An der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) wird die Professur für Turkologie nach der Pensionierung des derzeitigen Stelleninhabers nicht neu besetzt. Der Lehrstuhl soll ab Oktober 2026 frei bleiben. Das Fach Turkologie wird an der JLU damit vor dem Hintergrund der Einsparungen im hessischen Hochschulbereich geschlossen.
Die Entscheidung sorgt für Unruhe – nicht zuletzt, weil die Professur an einem Vorhaben beteiligt war, das über die Universität hinausreicht. Die Abgeordneten der Grünen, Sascha Meier, Daniel May, Nina Eisenhardt und Katrin Schleenbecker, kritisieren, dass damit auch ein Konzept für das Studienfach „Didaktik des Türkischen“ wegfällt. Es sollte Lehrkräfte für den Schulversuch „Türkisch als Fremdsprache“ ausbilden. Mit der Professur verschwänden somit sowohl die Studienmöglichkeit als auch der konzeptionelle Unterbau für eine mögliche Weiterentwicklung zum regulären Unterrichtsfach.
Minister verweist auf Hochschulpakt und Autonomie
Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) verteidigt die Entscheidung. Im Hochschulpakt 2026–2031 hätten sich die Hochschulen verpflichtet, notwendige Einsparungen eigenverantwortlich umzusetzen. Die Landesregierung sehe deshalb keinen Anlass, die Entscheidung der JLU infrage zu stellen.
Der Hochschulpakt sichere den Hochschulen trotz der Konsolidierungen bis 2031 verbindliche Mittel zu, erklärt das Wissenschaftsministerium. Zugleich würden bürokratische Vorgaben verringert und strategische Weiterentwicklung ermöglicht. Die JLU habe ihre Entscheidung nach eigenen Angaben an mehreren Kriterien ausgerichtet: am Erhalt eines flexiblen Fächerprofils, an erfolgreichen Studienangeboten, sichtbarer Spitzenforschung sowie internen und externen Kooperationen. Diese Punkte seien für das Präsidium und den zuständigen Fachbereich maßgeblich gewesen.
Die Universität hat die Professur vor dem Hintergrund der aktuellen finanziellen Rahmenbedingungen nicht nachbesetzt. Für bereits immatrikulierte Studierende soll das Studium in Gießen ordnungsgemäß fortgesetzt und abgeschlossen werden können. Dazu ist die JLU gesetzlich verpflichtet. Der entsprechende Beitrag der Universität trägt das Datum 16. Juni 2026.
Türkisch-Unterricht läuft weiter
An der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar läuft der Schulversuch laut den Grünen erfolgreich. Die erste teilnehmende Jahrgangskohorte kommt nun in die zehnte Klasse. Ob Türkisch auch in der elften Klasse angeboten wird, ist unklar.
Im Schuljahr 2025/2026 nahmen zwei Schulen an dem Versuch teil: An der Georg-August-Zinn-Schule in Kassel lernten sieben Schülerinnen und Schüler Türkisch, an der Clemens-Brentano-Europaschule in Lollar waren es 58. Hessen prüft den Fremdsprachenkanon nach Angaben des Ministeriums fortlaufend und damit auch mögliche Erweiterungen. Eine dauerhafte Einführung von Türkisch als zweiter Fremdsprache ist allerdings noch nicht beschlossen.
Das Ministerium bewertet den Bedarf an entsprechend qualifizierten Lehrkräften derzeit als „sehr überschaubar und planbar“. Für den Unterricht könne ein Turkologiestudium oder eine Lehrbefähigung in einer modernen Fremdsprache vorausgesetzt werden. Eine entsprechende Lehrkräfteausbildung ist in Deutschland unter anderem an der Universität Duisburg-Essen und der Freien Universität Berlin möglich.
Die Gießener Professur war drei Jahre lang wissenschaftlich in den Schulversuch eingebunden. Eine längere Begleitung sei von Anfang an nicht vorgesehen gewesen, heißt es aus dem Ministerium. Der Versuch soll unabhängig von der Schließung der Turkologie fortgeführt werden; qualifiziertes Personal stehe derzeit zur Verfügung. Fragen der langfristigen Personalgewinnung würden erst geprüft, sollte Türkisch dauerhaft eingeführt werden. Die personellen Veränderungen an der JLU hätten aktuell keine Auswirkungen auf den laufenden Versuch.
Ein kleines Fach mit großer Reichweite
Nach Angaben der Arbeitsstelle für Kleine Fächer in Mainz wird Turkologie derzeit an 13 deutschen Hochschulstandorten angeboten. Das Fach beschäftigt sich mit Kultur, Sprache und Geschichte der Turkvölker. Die Sprachfamilie umfasst rund 40 Sprachen mit mehr als 170 Millionen Sprecherinnen und Sprechern.
Der frühere Gießener Turkologie-Professor Mark Kirchner hatte zudem auf die Bedeutung des Fachs für Diplomatie und Völkerverständigung hingewiesen. In Deutschland leben rund 2,5 Millionen türkische Gastarbeiter und deren Nachkommen – nach Kirchners Darstellung die größte migrantische Gruppe im Land.
Die Petition von Cumali Yağmur, veröffentlicht am 3. Juni 2026, fordert die hessische Landesregierung deshalb auf, die Finanzierung der Turkologie-Professur dauerhaft zu sichern. Nach der Pensionierung des bisherigen Lehrstuhlinhabers ab Oktober 2026 soll der Lehrstuhl nahtlos wiederbesetzt werden und nicht den Sparvorgaben des Hessischen Hochschulpakts zum Opfer fallen.
Laut Petition wurde im Koalitionsvertrag von CDU und SPD der Ausbau des herkunftssprachlichen Unterrichts vereinbart. Das Wissenschafts- und das Kultusministerium hätten in der vergangenen Legislaturperiode außerdem ein Projekt zur Entwicklung des Studienfachs „Didaktik des Türkischen“ in Auftrag gegeben und finanziert. Das zweijährige Projekt sei abgeschlossen, das wissenschaftliche Konzept liege vor. Eine Streichung der Professur würde dessen Umsetzung verhindern und die dafür eingesetzten Steuermittel ungenutzt lassen.
Petition fordert Landesprofessur
Die türkeistämmige Bevölkerung bildet laut Petition mit mehreren hunderttausend Menschen die größte Bevölkerungsgruppe nichtdeutscher Herkunft in Hessen. Türkisch sei die meistgesprochene Herkunftssprache im Bundesland. Ohne die Professur fehle die universitäre Ausbildung künftiger Türkischlehrkräfte für hessische Schulen.
Als prüfungsrelevante reguläre Fremdsprachen seien an hessischen Schulen Russisch, Italienisch, Spanisch, Portugiesisch, Arabisch, Polnisch und Ukrainisch etabliert. Strukturen für Türkisch als Fremdsprache würden dagegen trotz der großen Zahl Türkischsprechender nicht entsprechend ausgebaut, kritisiert die Petition.
Die Gießener Turkologie befasst sich demnach mit dem gesamten zentralasiatischen Raum – einer Region, die für die deutsche Wirtschaft und die europäische Rohstoffsicherheit wichtig sei. Gefordert wird, das Fach in Gießen als Sondertatbestand und Landesprofessur direkt durch das Land Hessen zu finanzieren. Die Verantwortung solle nicht allein bei der Universität liegen, die den Zwängen des Hochschulpakts unterliegt.
Als Initiatorin beziehungsweise Unterstützerin wird Ayse Asar aus Berlin genannt. Die Petition ist über den Kurzlink openpetition.org/cnmlf erreichbar. Während draußen an diesem 2.10.2026 der Hochschulbetrieb weiterläuft, bleibt in Gießen damit eine Frage offen, die sich nicht nur in Haushaltszahlen messen lässt: ob und wo Türkisch künftig an hessischen Schulen gelernt werden kann.
