Heute, am 24. Oktober 2026, ist die Stimmung an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) gedämpft: Der Forschungsverbund H_CORE hat im bundesweiten Exzellenzwettbewerb keine Förderung erhalten. Damit entgehen der Universität 27 Millionen Euro, die größtenteils für die Unterstützung von Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftlern vorgesehen waren.

Die JLU war mit drei Exzellenzclustern angetreten und hatte sich im Vorfeld gute Chancen ausgerechnet. Bekannt wurde die Entscheidung bei einer gemeinsamen Veranstaltung mit der Philipps-Universität Marburg. Dort zeigte sich: H_CORE wurde nicht ausgewählt. Beide Universitäten erhielten damit auch nicht den Titel „Exzellenzuniversität“.

Interne Sitzung, klare Rückmeldungen

Im Anschluss befasste sich der JLU-Senat in nichtöffentlicher Sitzung mit den Gründen für das Ausscheiden. Präsidentin Katharina Lorenz erklärte, der Ausschluss der Öffentlichkeit diene der internen Planung und der strategischen Ausrichtung. Aus dem Bundeswettbewerb gebe es bereits erste Rückmeldungen, die auf drei wesentliche Schwachstellen hinwiesen.

  • Zu geringe Breite der Forschungsstärke: Neben herausragenden Leistungen einzelner Exzellenzcluster sei die Universität insgesamt „weit unterdurchschnittlich“ aufgestellt.
  • Unzureichender Wissenschaftstransfer: Forschungsergebnisse müssten stärker in Gesellschaft und Region vermittelt und genutzt werden.
  • Mangelnde Sichtbarkeit: Die JLU kommuniziere ihre Forschungsleistungen nicht ausreichend in der Wissenschaftslandschaft.

Auch die Kooperationen mit regionalen Partnern müsse die Universität gezielter und intensiver ausbauen. Als positives Beispiel für Wissenstransfer nannte Lorenz Erfolge von JLU-Gründungen beim Wettbewerb „Hessen Ideen“. Ganz ohne Rückenwind ist die Universität also nicht unterwegs – nur reicht er derzeit offenbar nicht weit genug.

Die Jury lobte die JLU für ihre Interdisziplinarität und die Ausrichtung auf eine frühe Eigenständigkeit junger Wissenschaftler. Lorenz betonte außerdem, dass die JLU trotz des Misserfolgs weiterhin zu den 14 erfolgreichsten Universitäten bei den Exzellenzclustern gehöre. Die Vorbereitung auf den Wettbewerb habe der Universität Erkenntnisse über eigene Potenziale und institutionelle Grenzen vermittelt.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Vier Cluster hinter H_CORE

Der gemeinsame Antrag „H_CORE – Hessian Collaboration for Research Excellence“ wurde von insgesamt vier Exzellenzclustern aus Gießen und Marburg unterstützt. An der JLU sind drei Exzellenzcluster bewilligt. Sie decken die Forschungsbereiche Wahrnehmung, Herz-Lunge und Batterien ab.

Beim Cluster TAM – The Adaptive Mind geht es um grundlegende Prozesse der menschlichen Wahrnehmung, des Denkens und Verhaltens sowie um die menschliche Anpassungsfähigkeit. Beteiligt sind die JLU, die Philipps-Universität Marburg und die Technische Universität Darmstadt; die JLU führt den Verbund.

Das CPI – Cardiopulmonary Institute erforscht Herz- und Lungenerkrankungen und entwickelt entsprechende Therapien. Partner sind die JLU, die Goethe-Universität Frankfurt und das Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung in Bad Nauheim.

Im Cluster POLiS – Post Lithium Energy Storage geht es um Grundlagenforschung für leistungsfähigere, zuverlässigere und umweltfreundlichere Energiespeicher. Dazu arbeiten die JLU, die Universität Ulm und das Karlsruher Institut für Technologie zusammen.

Zusätzlich ist eine Arbeitsgruppe der Gießener Bioinformatik am Marburger Exzellenzcluster M4C – Microbes for Climate beteiligt. Getragen wird M4C von der Philipps-Universität Marburg, dem Max-Planck-Institut für Terrestrische Mikrobiologie und dem LOEWE-Zentrum SYNMIKRO.

Der nächste Anlauf

Die JLU, die Philipps-Universität Marburg und die Technische Hochschule Mittelhessen wollen ihre Spitzenforschung und Innovationskraft in der Region weiter ausbauen. Für Gießen bedeutet das nun vor allem: die bestehenden Exzellenzcluster bestmöglich durch die aktuelle Förderphase zu führen, die benannten Schwächen zu bearbeiten und die Universität für den nächsten Wettbewerb stärker aufzustellen.

Angesichts sinkender Fördermittel müsse sich die JLU überzeugender als bisher positionieren, sagte Lorenz. Sie hofft, dass es weitere Chancen im Exzellenzwettbewerb geben wird. Welche Auswirkungen die Kürzungen bei der Forschungsförderung auf den Wettbewerb haben, ist noch unklar.

Gefragt ist dabei auch das Land Hessen. Lorenz forderte Unterstützung, damit Gießen und Hessen als Wissenschaftsstandort nicht zurückfallen. Die Förderentscheidung zu den Exzellenzclustern fiel am 22. Mai 2025; die aktuellen Informationen stammen aus einer gemeinsamen Pressemitteilung der Universitäten Gießen und Marburg vom 2. Oktober 2026. In Gießen geht die Arbeit trotzdem weiter – mit drei Clustern, neuen Baustellen und der ziemlich nüchternen Erkenntnis, dass gute Forschung allein im Wettbewerb nicht immer laut genug spricht.