Warum Gruseln guttut: Justus’ Kinderuni erforscht Angst und Gefühle
In der Aula der Justus-Liebig-Universität Gießen wurde am Dienstag, 3. November 2026, ordentlich gegruselt. Rund 110 Kinder kamen zum Auftakt von Justus’ Kinderuni im Wintersemester 2026/27 zusammen, um der Frage nachzugehen: „Warum fühlt sich Gruseln manchmal gut an?“
Die Veranstaltung in der Aula im Hauptgebäude der JLU an der Ludwigstraße 23 richtete sich an Mädchen und Jungen zwischen acht und zwölf Jahren beziehungsweise aus der 3. bis 6. Klasse. Viele brachten eigene Erlebnisse mit: Halloween, Geisterbahnen oder Situationen, in denen die Angst plötzlich da war. Geleitet wurde die Kindervorlesung von den Psychologinnen Carolin Röse-Werkmann und Dr. Naomi Werkmann aus der Klinischen Kinder- und Jugendpsychologie.
Mehr als 200 Gefühle – und nicht alle sind angenehm
Gleich zu Beginn sammelten die Kinder Gefühle. Mehr als 200 verschiedene gebe es, erklärten die Referentinnen. Vier davon kamen genauer unter die Lupe: Freude, Wut, Traurigkeit und Angst. Mit Karten zeigten die Kinder, ob sie die jeweiligen Gefühle eher als gut oder schlecht empfinden.
Bei der Freude war die Sache ziemlich klar: überwiegend positiv. Wut und Traurigkeit landeten eher auf der unangenehmen Seite. Bei der Angst gingen die Einschätzungen auseinander. Kein Wunder eigentlich – Angst kann einen ganz schön nerven, aber sie kann auch davor bewahren, etwas Gefährliches zu tun.
Die Vorlesung behandelte außerdem die Frage, warum Gefühle oft schneller entstehen als bewusste Gedanken. Sie können Hinweise auf die eigene Person und die aktuelle Umgebung geben, manchmal aber auch in die falsche Richtung weisen. Und was wäre ein Leben ohne Freude, Ärger, Stolz oder Traurigkeit? Eine ziemlich farblose Angelegenheit, fand offenbar nicht nur das Publikum.
Wie stark Wissen eine Situation verändert, zeigte ein Experiment. An einer Tür kratzte es. Viele Kinder empfanden Freude oder nur wenig Angst, weil sie wussten, dass dahinter ein Hund stand. Als diese Information fehlte, bekam die vortragende Psychologin starke Angst. Derselbe Laut, zwei völlig verschiedene Reaktionen.
Wozu Gefühle gut sind
Zwei Filme machten sichtbar, welche Funktionen Gefühle haben können. Freude signalisiert, was Menschen gefällt. Wut kann dazu antreiben, gegen Ungerechtigkeit vorzugehen. Traurigkeit kann bewirken, dass andere Menschen Trost spenden. Angst wiederum warnt vor Gefahren. Die Forscherinnen nannten Gefühle deshalb das „Navi unseres Lebens“.
Dass dieses Navi nicht bei allen gleich funktioniert, zeigte ein weiteres Beispiel: Für manche ist der Sprung vom Dreimeterbrett aufregend und vielleicht sogar großartig, für andere fühlt er sich schlicht furchtbar an. Menschen erleben dieselbe Situation unterschiedlich.
Beim Gruseln kommt noch etwas hinzu. Nach dem Schrecken folgen oft Erleichterung und Stolz darüber, die Angst überwunden zu haben. Genau dieser Wechsel kann sich angenehm anfühlen. Im abschließenden Quiz erkannten fast alle Kinder, dass Aufregung Spaß machen kann und auch das Nachlassen der Angst als angenehm empfunden wird. Ein bisschen Herzklopfen darf also sein.
Mit zunehmendem Alter gelingt der Umgang mit Gefühlen meist besser. Die Kinderuni wollte deshalb nicht nur erklären, was Angst, Wut, Traurigkeit und Freude bedeuten, sondern auch zeigen, wie Kinder Gefühle besser verstehen und mit ihnen umgehen können.
Was Kinder beim Regulieren ihrer Gefühle brauchen
Wie pädagogische Fachkräfte Kinder im Vorschulalter bei genau dieser Entwicklung unterstützen, wurde an der Universität Münster untersucht. Im Mittelpunkt standen emotional herausfordernde Situationen in Kindertageseinrichtungen sowie der Umgang 4- bis 6-jähriger Kinder mit Ärger, Wut und Trauer.
Die Untersuchung befasste sich mit dem Zusammenhang zwischen Koregulation durch Fachkräfte und der Selbstregulation der Kinder. Jüngere Kinder erhielten häufiger solche Unterstützung als ältere – möglicherweise, weil bei ihnen ein größerer Unterstützungsbedarf wahrgenommen wurde.
Bei den jüngeren Kindern spiegelten Fachkräfte den emotionalen Ausdruck häufiger durch ihren eigenen Ausdruck wider. Außerdem benannten und beschrieben sie die gezeigten Emotionen öfter. Solche Formen der Begleitung gelten gerade bei jüngeren Kindern auch in der bisherigen Forschung als förderlich für die emotionale Entwicklung.
Kinder, die bereits über höhere Fähigkeiten zur Emotionsregulation verfügten, bekamen dagegen vor allem Anregungen, wie sie ihre Gefühle selbst regulieren können. Das kann ihnen helfen, Schritt für Schritt eigenständiger damit umzugehen – nicht immer sofort, manchmal erst nach einem tiefen Atemzug und einem zweiten Versuch.
Die Teilnahme an Justus’ Kinderuni ist kostenlos. Eine Anmeldung über www.uni-giessen.de/kinderuni wird erbeten, ist aber auch noch direkt vor Veranstaltungsbeginn möglich.
Die nächste Veranstaltung findet am Dienstag, 2. Februar 2027, von 16:15 bis 17:00 Uhr statt. Dann geht es um die Frage „Woher weiß man, was Babys denken?“. Referentin ist Prof. Dr. Bianca Jovanovic aus der Entwicklungspsychologie.
