Göttinger Literaturherbst 2026 verbindet Literatur, Wissenschaft und neue Veranstaltungsorte
Nach zehn Tagen Literatur, Musik, Wissenschaft und ziemlich vielen Begegnungen ist der Göttinger Literaturherbst 2026 vorbei. Rund 80 Veranstaltungen lockten mehr als 24.000 Besucherinnen und Besucher an die Uni Göttingen und weitere Orte in der Region. Rekord war das nicht – die Geschäftsführung wertet die Zahl dennoch als sehr gutes Ergebnis. Im Vorjahr waren 27.500 Besucher:innen gekommen.
Allein in der Sheddachhalle saßen bei 16 Veranstaltungen mehr als 9.000 Menschen. Der Abschluss fand erstmals im Fitnesszentrum FiZ der Universität Göttingen statt: zwischen Kraftmaschinen, Ergometern, Hantelbänken und einer Spiegelwand las Verena Keßler aus „Gym“, ihrem Buch über Selbstoptimierung. Ein passender Ort, irgendwie. Literatur zwischen Muskelkater und Spiegelbild.
Volle Häuser, neue Orte und ein Nachholtermin
Organisiert wurde das Festival von einem festen Team und mehr als 30 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Dazu kamen Kooperationen mit dem Healthy Campus der Zentralen Einrichtung für Sport und Gesundheit, dem Jazzfestival mit einem Miles-Davis-Abend sowie dem Kunsthaus mit Schoeller-Ausstellung und Festivalzentrum.
Erstmals gab es Lesungen in der Seniorenresidenz Stiemerling in Hattorf, wo Helene Bracht auftrat, und im Sport- und Gesundheitszentrum des Bovender SV mit Ronald Reng. Zu den größeren Veranstaltungen gehörten außerdem Auftritte von Caroline Wahl, Dörte Hansen und Robert Habeck. Zwei Veranstaltungen mussten krankheitsbedingt ausfallen, eine wurde verschoben. Bjarne Mädel und Fritzi Haberlandt sollen ihren Auftritt am 12. Dezember in der Sheddachhalle nachholen. Sie lesen Geschichten von Ingrid Lausund.
Besonders gut lief das digitale Angebot: Die On-Air-Tickets für Livestreams und Aufzeichnungen wurden bisher mehr als 2.300-mal verkauft – Rekord und 20 Prozent mehr als 2025. Rund 70.000 Zugriffe verzeichneten die Online-Angebote bislang. Livestreams und Aufzeichnungen bleiben bis zum 30. November verfügbar, On-Air-Tickets können weiter gekauft werden.
Das Festival hatte für 2026 ein breites Programm angekündigt: Literatur und Sachbücher, Musik, Wissenschaft und Comedy, dazu barrierearme Angebote. Das ON-AIR-Ticket kostete einmalig 29 Euro und ermöglichte den Stream von mehr als 60 Veranstaltungen bis Ende November. Der Vorverkauf begann am 13. August 2026 um 0 Uhr, das Festivalbüro öffnete dafür um 10 Uhr. Tickets, Gutscheine und Informationen waren online sowie an Reservix-Vorverkaufsstellen erhältlich.
Von Göttingen bis Einbeck
In der Belletristik traten unter anderem Edgar Selge, Dörte Hansen, Şeyda Kurt, Sven Regener und Lara Rüter mit neuen Büchern auf. Das Gastland der Frankfurter Buchmesse wurde durch Jaroslav Rudiš und Alice Horáčková vertreten. Aus Irland kam Louise Kennedy, aus den USA Colson Whitehead; die deutschen Passagen seiner Lesung las Benito Bause. Schauspieler Daniel Donskoy stellte sein Debüt vor.
Das Regionsprogramm verteilte sich weit über Göttingen hinaus. Caroline Wahl las in Northeim, Hannah Häffner kam ebenfalls in die Region. Katerina Poladjan, Anja Rützel, Annika Brockschmidt und Hubertus Meyer-Burckhardt bildeten den KWS-Triple. Kristof Magnusson eröffnete den Veranstaltungsblock in Bad Gandersheim rund um das Roswitha-Wochenende. Peter Wohlleben trat im PS.SPEICHER in Einbeck auf. Sarah Kuttner, Elisa Hoven, Julia Franck, Christian Berkel, Helene Bracht und Ronald Reng gehörten ebenfalls zu den Gästen. Inhaltlich reichte die Strecke von Rilke bis Fußball.
In Kooperation mit der Niedersächsischen Akademie der Wissenschaften sprachen Volker Depkat, Ute Daniel und Bettina Schöne-Seifert über internationale Geschichte und Medizinethik. Die Reihe „Science & Arts“ mit der Universität Göttingen brachte erneut einen Science Slam auf die Bühne. Gesa Dane, Thedel von Wallmoden und Benjamin Möckel widmeten sich dem literarischen Nachlass von Alma Hirschel, der Mutter Ruth Klügers. Sandra Funck sprach über Schüler:innenrevolten und Klassenkämpfe; „Forst erklärt“ lud zu einem experimentellen Waldspaziergang ein.
Weitere Namen aus dem Sachbuch- und Wissenschaftsprogramm waren Lea Dohm, Jana Hensel, Meike Winnemuth, Ingo Zamperoni, Jiffer Bourguignon, Annette Dittert und Dirk Steffens. PEN Deutschland beteiligte sich mit der „frei&geist“-Tour, angekündigt waren Elke Schmitter, Helmut Heit und Constantin Schreiber. Auch der frühere Vizekanzler Robert Habeck kam nach Göttingen.
Musik, Feminismus und ein bisschen böse Komik
Harald Eggebrecht stellte in einer „music lecture“ den Trompeter Håkan Hardenberger vor. Das Martin Auer Quintett und Christian Brückner würdigten 100 Jahre Miles Davis. Franziska Meier sprach über Giovanni Boccaccio, begleitet vom Vokalensemble Tempera Mente. Kent Nagano und Inge Kloepfer unterhielten sich über Begegnungen durch Musik. Harald Kimmig und Annette Pehnt verbanden bei einem „Sound Writing“ Liveimprovisation und Text.
Unter dem Titel „FeminisMUSS“ veröffentlichten Mandy Mangler und Esther Kogelboom eine Anleitung zur Klitoris. Thea Mengeler sprach über digitale sexualisierte Gewalt. Sophia Fritz, Dana von Suffrin und Verena Keßler behandelten unterschiedliche Geschlechterverhältnisse. Beim FEMfest traten Veronika Kracher, Sibel Schick und Edith Löhle auf. Rinah Lang thematisierte in einer Graphic Novel die Menopause, Roya Soraya Identität zwischen zwei Kulturen, politische Unterdrückung und Erinnerung.
Auch die komische Seite bekam Raum. Die Improvisationstheatergruppe Improsant gab noch vor Festivalbeginn einen Einblick in ihr Programm. Julius Fischer präsentierte ein Programm über seinen Hass gegenüber Menschen. Annette Frier und Maren Kroymann lasen Texte über Frauenfreundschaften der Weltliteratur. Leonie Swann stellte die Fortsetzung ihres Schafkrimis „Glennkill“ vor. Und dann waren da eben noch Bjarne Mädel und Fritzi Haberlandt – deren Ingrid-Lausund-Abend jetzt im Dezember nachgeholt werden soll.
Max-Planck-Institute, Auszeichnungen und einfache Sprache
Die MPI-Wissenschaftsreihe mit den Göttinger Max-Planck-Instituten und der SUB Göttingen kreiste um Einsamkeit, Künstliche Intelligenz, Demokratie und Moral. Beteiligt waren Maike Luhmann, Katharina Zweig, Carolin Amlinger, Oliver Nachtwey und Philipp Hübl. Weitere Abende galten Fledermäusen mit Yossi Yovel, der Geschichte des Universums mit Günther Hasinger, Kooperation in der Natur mit Dirk Brockmann, einem handlungsfähigen Staat mit Julia Jäkel, dem Zuhören mit Bernhard Pörksen und Zweifeln in der Wissenschaft mit Tim Palmer.
Berücksichtigt beziehungsweise verliehen wurden 2026 der Deutsche Buchpreis, der NDR Sachbuchpreis und der LifeScienceXplained Award. Beim Roswitha-Wochenende sprach Heike Specht über Frauen in der Geschichte. Lucy Fricke las aus „Die Diplomatin“; sie hatte zuvor den Roswitha-Literaturpreis erhalten. Die Comic-Künstlerin Barbara Yelin bekam den Preis, der seit 1973 vergeben wird.
Das Junge Theater Göttingen spielte zugunsten des Fördervereins „Kinder- und Jugendhospiz Sternenlichter“ Joachim Meyerhoffs „Man kann auch in die Höhe fallen“. Die stillen hunde führten „Sherlock Holmes: Ein Skandal in Böhmen“ in Einfacher Sprache auf, Annette Pehnt las aus „Einen Vulkan besteigen“. Vier Veranstaltungen des Hauptprogramms wurden live in Deutsche Gebärdensprache übersetzt.
Im Kunstquartier blieb es nach den Lesungen ebenfalls nicht still. Das Festivalzentrum bot an den Festivalabenden Gespräche, Getränke und Speisen von Jacqueline Amirfallah und dem Team von apex. Die Galerie Ahlers, das Günter Grass Archiv und das Antiquariat Zeitzeug öffneten ebenfalls. Im Kunsthaus war ab Samstag, 3. Oktober, Martin Schoellers Ausstellung „Drag Queens and other stories“ zu sehen; während des Festivals blieb sie bis 23 Uhr kostenlos geöffnet. Göttinger Studierende erhielten mit dem Kulturticket an der Abendkasse kostenlosen Zugang, sofern Plätze frei waren.
Der Göttinger Literaturherbst gehört damit zu einer großen, ziemlich bunten Festivalfamilie. Literaturfestivals sind Veranstaltungen zur Präsentation literarischer Werke, meist lesen Autorinnen
