In Neustadt am Rübenberge in der Region Hannover fuhr ein Auto zweimal in eine Menschengruppe. Mehrere Menschen wurden verletzt und in Krankenhäuser gebracht. Nach ersten Erkenntnissen der Polizei kannten sich die Beteiligten untereinander. Sie sollen Großfamilien angehören; Teile dieser Familien waren laut Polizei bereits im Zusammenhang mit Clankriminalität aufgefallen.

Der mutmaßliche Fahrer wurde am Dienstag widerstandslos festgenommen. Gegen den 36-Jährigen erließ ein Gericht am Mittwochabend Haftbefehl. Er sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ermittelt unter anderem wegen versuchten Totschlags in fünf Fällen.

Auto, Schüsse und eine verängstigte Nachbarschaft

Ein Augenzeugenvideo zeigt nahe einer Leine-Brücke eine Auseinandersetzung mit mehreren Personen und Autos. Ein Wagen fährt in eine Gruppe, setzt zurück und fährt erneut hinein. Danach fährt das Auto davon, Schüsse sind zu hören. Später kommt es zu weiteren Auseinandersetzungen, bis Einsatzkräfte eintreffen.

Eine Anwohnerin berichtete, sie sei gegen 23.50 Uhr durch aggressives Geschrei geweckt worden. Sie habe gesehen, wie ein schnelles Auto in eine Menschengruppe fuhr. Während sie die Polizei rief, seien Schüsse gefallen. Aus Angst vor möglichen Treffern legten sie und andere sich auf den Boden.

Eine frühere Mitteilung über drei vorläufige Festnahmen war nach Angaben der Polizei falsch. Dahinter habe ein „interner Übermittlungsfehler“ gesteckt; tatsächlich habe es lediglich eine allgemeine Personenkontrolle gegeben. Einen Anschlag schließt die Polizei aus. Eine Gefahr für andere Bürgerinnen und Bürger habe nicht bestanden.

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In Neustadt gab es bereits zuvor mehrere gewalttätige Auseinandersetzungen. Im April 2023 kam es zu einem Streit mit etwa 40 Beteiligten. Etwa einen Monat zuvor wurde auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants geprügelt. Im Dezember 2021 sollen sich rund 25 Männer am Schützenplatz geschlagen haben, im April 2018 griffen sich Familien in einem Eiscafé an.

Die früher beteiligten Gruppen gehörten laut Polizei zu zwei Strängen einer als Clan eingestuften Familie aus Hannover und dem Umland. Der aktuelle Fall wirft damit erneut die Frage auf, was genau hinter dem Begriff steckt – und ob mehr Polizeipräsenz allein genügt.

„Mehr Polizei reicht nicht“

Alexander Baur, Direktor der Abteilung für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug sowie Inhaber eines entsprechenden Lehrstuhls an der Universität Göttingen, ordnet die Entwicklung vorsichtig ein. Die registrierten Fälle von Clankriminalität seien in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen. Im Vergleich zur allgemeinen Kriminalität liege der Anteil der Rohheitsdelikte, darunter Gewalt- und Freiheitsdelikte, allerdings höher.

Gewalt spiele bei Clankriminalität eine Rolle, sagt Baur. Eindeutig feststellen, dass die Taten insgesamt deutlich schlimmer würden, könne er jedoch nicht. In polizeilichen Lagebildern werden als „Clan“ Gruppen bezeichnet, deren Mitglieder durch verwandtschaftliche Beziehungen oder eine gemeinsame ethnische Herkunft verbunden sind. Begrifflich unterscheidet sich Clankriminalität damit von Organisierter Kriminalität und Bandenkriminalität.

Gerade die Definition über familiäre oder ethnische Verbundenheit hält Baur teilweise für problematisch. Mehr Polizei könne Kriminalität zwar teilweise eindämmen, erfasse aber nicht die sozialen und individuellen Ursachen. Neben Polizeipräsenz brauche es mehr Sozialarbeit sowie eine Untersuchung der Strukturen und Gründe, aus denen die Kriminalität entsteht. Polizei sei häufig die erste politische Reaktion und könne wirksam sein – dabei sollte es jedoch nicht bleiben.

Forderungen aus Politik und Polizei

Die Gewerkschaft der Polizei Niedersachsen fordert mehr Personal in kleineren Städten, damit Einsatzkräfte schneller vor Ort sein können. Im aktuellen Fall sei das schnelle Eintreffen der Polizei laut GdP-Landesvorsitzendem Kevin Komolka dem Zufall zu verdanken gewesen: In der Nähe befand sich eine Verkehrskontrolle.

CDU-Landeschef Sebastian Lechner, der in Neustadt lebt, sprach von einer „Clanlage“ und forderte Konsequenzen von Innenministerium und Sicherheitsbehörden. Innenministerin Daniela Behrens (SPD) bezeichnete die Tat als schockierend und kündigte an, das Phänomen der Clankriminalität zu bekämpfen. AfD-Innenpolitiker Stephan Bothe forderte, mögliche Clanstreitigkeiten, Organisierte Kriminalität oder persönliche Konflikte konsequent zu untersuchen.

Was Organisierte Kriminalität davon unterscheidet

Das Bundeskriminalamt dokumentiert im Bundeslagebild „Organisierte Kriminalität“ aktuelle Erkenntnisse zur Lage und Entwicklung der Organisierten Kriminalität in Deutschland. Das Lagebild bildet die Ergebnisse polizeilicher Strafverfolgungsaktivitäten ab.

Organisierte Kriminalität ist demnach gekennzeichnet durch die planmäßige Begehung erheblicher Straftaten aus Gewinn- oder Machtstreben, die Beteiligung von mehr als zwei Personen, arbeitsteiliges Vorgehen und eine Ausrichtung auf längere oder unbestimmte Dauer. Die Taten werden unter Nutzung gewerblicher oder geschäftsähnlicher Strukturen, von Gewalt oder anderen einschüchternden Mitteln sowie durch Einflussnahme auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft begangen.

Schwerpunkte liegen beim Rauschgifthandel und Rauschgiftschmuggel, bei Kriminalität im Zusammenhang mit dem Wirtschaftsleben und bei Eigentumskriminalität. Die hohe Zahl der OK-Verfahren mit Auslandsbezügen verweist auf die internationale Ausrichtung. International agierende Straftäter nutzen außerdem Möglichkeiten verschlüsselter Telekommunikation intensiv, um teilweise schwerste Straftaten zu planen und durchzuführen.