Göttingen, 3. November 2026 – Ein Zaun, den man nicht sieht und trotzdem ernst nehmen soll: Bei virtuellen Weidezäunen legt der Landwirt die Grenze per Smartphone fest. Halsbänder mit GPS- beziehungsweise GNSS-Ortung, Mobilfunk und Sensoren übertragen die Position jedes Tieres an eine App. Stromführende Litzen, die jedes Frühjahr mühsam auf- und im Herbst wieder abgebaut werden müssen, könnten dadurch teilweise entfallen.

Nähert sich eine Kuh, ein Schaf oder eine Ziege der digitalen Linie, piepst das Halsband zunächst. Läuft das Tier weiter, folgt ein kurzer elektrischer Impuls. Die Kombination aus Ton und Impuls soll dazu führen, dass die Tiere die Grenze nach wenigen Tagen kennen. Innerhalb der Weide werden die Positionsdaten in größeren Abständen aktualisiert, in Grenznähe häufiger. Wird die Grenze überschritten, bekommt der Landwirt eine Alarmmeldung aufs Smartphone.

Forschung auf dem Biohof im Osterzgebirge

Ob das unter echten Bedingungen zuverlässig funktioniert, untersucht die Universität Göttingen über zwei Jahre im Projekt „Grazing4Future“. Gestartet ist es im Juli 2026 auf dem Biohof von Christoph und Andreas Hänel im Osterzgebirge. Auf dem Prüfstand stehen unter anderem die Stressbelastung im Vergleich zum herkömmlichen Elektrozaun, die optimale Gewöhnung der Tiere sowie die praktische Eignung für Weidehaltung und Naturschutz.

Die möglichen Einsatzorte liegen dort, wo ein normaler Zaun schnell zur Plackerei wird oder selbst stört: in kupiertem Gelände, auf Flächen mit Orchideen, Altgrasstreifen oder Teichbereichen. Kleine sensible Teilflächen könnten gezielt ausgespart werden. Regelmäßige Beweidung soll verhindern, dass Naturschutzflächen verbuschen oder sich durch Sukzession verändern. Kühe, Schafe und Ziegen ließen sich dann auch ohne Schäfer gezielt führen, während empfindliche Stellen außen vor bleiben.

Die Geräte unterscheiden sich am Markt unter anderem in Bauform, Energieversorgung und beim Kontakt zur Haut. Moderne Systeme liefern zusätzlich Bewegungsmuster, Vitaldaten und Aktivitätswerte; auffälliges Verhalten oder mögliche Brunst können erkannt werden. Manche Halsbänder erlauben sogar ein digitales „Treiben“ über Vibrationssignale. In einem niederländischen Pilotprojekt wurden Kühe so zu bestimmten Weideparzellen oder zum Melkroboter geleitet – dafür mussten sie allerdings trainiert werden.

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Jan Langbein vom Forschungsinstitut für Nutztierbiologie in Dummerstorf zufolge lassen sich Bewegung und Fresszeiten zuverlässig erfassen, Abweichungen würden sofort sichtbar. Auch ungewöhnliche Aktivität in einer Herde, etwa bei einem möglichen Wolfsangriff, könnte einen Alarm auslösen. Ob die Technik dabei nicht nur auf dem Papier, sondern auch bei Regen, dichtem Bewuchs und allerlei Unruhe auf der Weide mitspielt, soll „Grazing4Future“ klären.

Zwischen Arbeitserleichterung und Tierschutzrecht

Der rechtliche Haken sitzt nicht bei GPS, Ortung oder App, sondern beim elektrischen Impuls am Halsband. Nach § 3 Nr. 11 Tierschutzgesetz sind Geräte verboten, die durch direkte Stromeinwirkung das artgemäße Verhalten oder die Bewegung eines Tieres erheblich einschränken oder es zu bestimmten Bewegungen zwingen. Das gilt nach der bisherigen Rechtsprechung auch für virtuelle Zaunsysteme, obwohl die ursprüngliche Gesetzgebung andere Anwendungen im Blick hatte.

Ein vorgeschaltetes Warnsignal ändert daran nichts: Der Stromstoß hindert das Tier am Weitergehen und kann Schmerzen verursachen. Das Bundesverwaltungsgericht hat festgestellt, dass das Verbot grundsätzlich gilt, unabhängig von der Stromstärke. Wer solche Geräte nutzt, begeht eine Ordnungswidrigkeit; möglich sind bis zu 25.000 Euro Bußgeld. Ausnahmegenehmigungen kommen nur im Einzelfall infrage, etwa für Forschungsprojekte.

In einer gemeinsamen Publikation fordern 21 Forschende aus elf deutschen Forschungsanstalten deshalb eine Änderung. Ihr Vorschlag: ein gesetzliches Rahmenwerk, das virtuelle Zäune als Ergänzung zu physischen Barrieren zulässt und zugleich Versicherungs- sowie Haftungsfragen regelt. Dina Hamidi von der Universität Potsdam, Erstautorin der Publikation, sieht darin eine Möglichkeit, Tierwohl und moderne Weidehaltung miteinander zu verbinden.

Nationale und internationale Studien berichten laut dem zugrunde liegenden Artikel von keinen nachteiligen Auswirkungen auf das Tierwohl. Eine dreijährige Studie der Schweizer Forschungsanstalt Agroscope stellte bei Kühen weder chronischen Stress noch Leistungseinbußen fest. Das Göttinger Projekt GreenGrass fand keine negativen Auswirkungen auf Verhalten, Aktivität oder Tiergesundheit. Tiere akzeptieren die Technik demnach nach kurzer Eingewöhnung und halten die virtuellen Grenzen zuverlässig ein.

Das Thünen-Institut sieht außerdem eine Arbeitserleichterung für Betriebe. Grünland und Gewässer könnten kleinteilig abgeschirmt, Weideflächen flexibler genutzt und der regelmäßige Weidegang gerade auf ökologischen Betrieben erleichtert werden. Landwirt Benedikt Bösel berichtet, dass sich Flächen dadurch gezielter und beweglicher bewirtschaften ließen – weniger Zaunrollen schleppen, mehr Spielraum auf der Weide.

Erfahrungen aus dem Ausland, offene Fragen in Deutschland

In Irland, dem Vereinigten Königreich, Dänemark und Norwegen wird die Technik bereits eingesetzt, ebenso in den Niederlanden, Australien, Neuseeland und den USA. Schweden will virtuelle Zäune ab 2026 unter bestimmten Auflagen zulassen. In Deutschland bleibt der Einsatz für Rinder, Schafe und Ziegen derzeit verboten. Rechtssicher wäre er nur nach einer Gesetzesänderung oder mit ausdrücklicher Ausnahmegenehmigung.

Die Vorteile klingen zunächst ziemlich praktisch: flexiblere Parzellierung, weniger Arbeitsaufwand, Schutz empfindlicher Flächen und eine leichtere Organisation des Weidegangs. Zugleich empfehlen Studien an sensiblen Stellen, etwa in Straßennähe, weiterhin zusätzliche physische Zäune. Ein virtueller Rand ist für ein Tier vielleicht lernbar – für einen Wanderer bleibt er unsichtbar. Und gegen Wölfe oder Hunde schützt er nicht automatisch.

Genau diese Punkte tauchen auch in Leserkommentaren auf: die bislang fehlende Einbindung von Ethikkommissionen und Versicherungswirtschaft, der fehlende Schutz vor Wölfen und Hunden, die unsichtbare Grenze für Spaziergänger sowie die Frage, ob zusätzlich physische oder wolfsabweisende Zäune nötig bleiben. Das sind keine Nebensachen, wenn Tiere an Straßen stehen oder eine Herde nachts plötzlich in Bewegung gerät.

Ob virtuelle Zäune in Deutschland künftig zugelassen werden, hängt deshalb neben den Ergebnissen von „Grazing4Future“ von weiteren Forschungsergebnissen und politischen Entscheidungen ab. Bis dahin können sich interessierte Betriebe an Studien und Erfahrungen aus dem Ausland orientieren. Auf dem Biohof im Osterzgebirge piepst es derweil weiter an der digitalen Grenze – und irgendwo sitzt jemand mit dem Smartphone in der Hand und schaut nach, ob die Herde dort bleibt, wo sie bleiben soll.