Pommersches Wörterbuch nach 100 Jahren an der Universität Greifswald abgeschlossen
Am 26. September 2026 ist an der Universität Greifswald ein Stück pommerscher Sprachgeschichte vollständig zugänglich: Das Pommersche Wörterbuch ist rund 100 Jahre nach seiner Initiierung abgeschlossen. Die Universität hatte den vollständigen Abschluss am 23. September mitgeteilt. Das zweibändige Werk dokumentiert den niederdeutschen Wortschatz der ehemaligen preußischen Provinz Pommern in den Grenzen von 1936.
Mehr als 65.000 Wortartikel und 53 Karten umfasst das wissenschaftliche, semasiologische Wörterbuch. Im Mittelpunkt steht der allgemeine Mundartwortschatz des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich war ein deutlich umfangreicheres, mehrbändiges großlandschaftliches Mundartwörterbuch geplant; der tatsächliche Umfang wurde etwa halbiert. Konzipiert war das Pommersche Wörterbuch als Ergänzungswörterbuch zum siebenbändigen Mecklenburgischen Wörterbuch.
Ein Archiv voller Stimmen
Die Geschichte des Projekts beginnt 1925. Damals gründete der Germanistikprofessor Wolfgang Stammler die Wörterbuchstelle an der Universität Greifswald. Zwischen 1928 und 1937 erschienen mehrere Ortsmonographien als Vorarbeiten, 1934 veröffentlichte Kurt Mischke die erste lautgeographische Karte Pommerns.
1945 gingen nahezu alle bis dahin gesammelten Daten in den Nachkriegswirren verloren. Unter Professor Hans-Friedrich Rosenfeld starteten neue Erhebungen. Fragebögen wurden erstellt, Mundartsprecher interviewt und Tonbandaufnahmen angefertigt. Für das ehemalige Hinterpommern konnten allerdings nur noch Vertriebene befragt werden.
1948 übernahm die Deutsche Akademie der Wissenschaften zu Berlin das Pommersche Wörterbuch. Bis zum Ende der 1960er Jahre wuchs das neue Belegmaterial auf rund 1,2 Millionen Belegzettel an; das heute beschriebene Wortarchiv umfasst etwa 1.100.000 alphabetisch geordnete Zettel. Die Belege beruhen vor allem auf umfangreichen Fragelisten und Literaturexzerpten. Festgehalten wurden die Bedeutung eines Wortes, seine geographische Verbreitung und die sprachlichen Zusammenhänge, in denen es verwendet wurde.
Ein Teil dieses Archivs blieb in Greifswald erhalten: 526 Zettelkästen, dicht gefüllt mit kleinen sprachlichen Fundstücken. Engagierte Mitarbeiter und Greifswalder ergänzten das Quellenmaterial sogar nach dem offiziellen Abbruch der Arbeiten weiter.
Politischer Abbruch, langer Atem
1952 wurde die Arbeitsstelle wegen der politischen Tabuisierung des Begriffs „Pommern“ in der DDR in „Niederdeutsches Wörterbuch“ umbenannt. 1969 wurde das Vorhaben kurz vor Beginn der Veröffentlichung aus politischen Gründen eingestellt. Dialektwörterbuchredaktionen bearbeiteten nach offizieller Einschätzung für die sozialistische Gesellschaft irrelevante Fragestellungen der bürgerlichen Wissenschaft des 19. Jahrhunderts; Pommernforschung galt nach 1945 als politisch unerwünscht.
Nach der deutschen Wiedervereinigung kam Bewegung in die Sache. Auf Initiative von Professorin Renate Herrmann-Winter, die das Wörterbuch bis zur Einstellung der Arbeiten geleitet hatte, richtete die Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig 1992 eine neue Arbeitsstelle ein. Herrmann-Winter war seit 1992 Herausgeberin. Seit 2007 gab sie das Wörterbuch gemeinsam mit Matthias Vollmer heraus; im April 2014 übernahm Vollmer die Leitung, ab 2015 auch die alleinige Herausgeberschaft.
1999 übernahm das Land Mecklenburg-Vorpommern die alleinige Finanzierung. Im selben Jahr kehrte das Projekt an die Universität Greifswald zurück und ist seither dem Institut für Deutsche Philologie zugeordnet. Seit 1999 gehört das Pommersche Wörterbuch damit wieder zur Universität Greifswald.
Der Weg durch die Bände zog sich trotzdem weiter: Band 1, „A–K“, erschien zwischen 1997 und 2008 bei Akademie in Berlin. Band 2, „L–Z“, folgte zwischen 2008 und 2026 bei Akademie beziehungsweise ab 2014 bei de Gruyter in Berlin. 2026 wurde das Wörterbuch mit der 13. Lieferung des zweiten Bandes abgeschlossen.
Was Wörter über Menschen erzählen
Die Einträge zeigen nicht bloß, wie ein Wort funktioniert. Sie lassen Rückschlüsse darauf zu, wie Menschen in Pommern arbeiteten und ihre Umwelt wahrnahmen. Das Werk dokumentiert regionale Kulturgeschichte und die Lebenswelten der Sprecherinnen und Sprecher pommerscher Mundarten.
Die vollständige Veröffentlichung gilt als Beitrag zur niederdeutschen Philologie. Zugleich macht sie das kulturelle Gedächtnis Pommerns für die Forschung zugänglich. Das Pommersche Wörterbuch gehört zu den großlandschaftlichen Dialektwörterbüchern des Deutschen.
Begründet wurde es von Wolfgang Stammler und fortgeführt von Hans-Friedrich Rosenfeld, Renate Herrmann-Winter und Matthias Vollmer. An der Bearbeitung wirkten außerdem Ulf-Hermann Bader, Wolfgang Fedders, Jürgen Grambow, Ute Neumann, Katharina Oelze und Frank Schnibben mit. Herausgegeben wurde es an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald.
Vom Regionalwort zur norddeutschen Sprachlandschaft
Für die weitere Recherche bietet sich auch das dwn an, ein plattdeutsch-hochdeutsches und hochdeutsch-plattdeutsches Wörterbuch für ganz Norddeutschland. Sein Schwerpunkt liegt auf der niederdeutschen Literatur. Es dokumentiert Sprache und Literatur, erhebt aber keinen normierenden Anspruch.
Vorhandene Normierungen werden dennoch aufgeführt, unter anderem für Teile des Nordniederdeutschen („Sass“), für Ostfriesisch, Westfälisch und Mecklenburgisch. Die Hauptstichwörter, also die Lemmata, richten sich nach den Regeln des „Sass“.
Neben dem Hauptwörterbuch gibt es Autoren-Wörterbücher und regionale Wörterbücher. Der Grund dafür ist ziemlich anschaulich: Niederdeutsche Autoren des 19. und 20. Jahrhunderts schrieben überwiegend in regionalen Dialekten. Eine spezielle Suche in Autoren-Wörterbüchern ist derzeit im Klaus-Groth-Wörterbuch und im Fritz-Reuter-Wörterbuch möglich.
Das dwn ist noch nicht abgeschlossen, deshalb fallen die Rechercheergebnisse unterschiedlich umfangreich aus. Das Wörterbuch für Mecklenburg-Vorpommern entsteht in Kooperation mit dem Kompetenzzentrum für Niederdeutschdidaktik (KND) der Universität Greifswald. Sobald Stichwörter weiterer Teilwörterbücher erstellt sind, werden sie bei der Suche im gesamten Wörterbuch angezeigt. Ein bisschen Geduld gehört also weiterhin dazu.
