Pflege neu denken: Internationale Modelle für mehr Selbstständigkeit und Teilhabe
Halle, 4.10.2026. In Deutschland bedeutet Pflege noch immer vor allem eines von zwei Dingen: stationär im Heim oder ambulant zu Hause. Dazwischen klaffen Lücken. Übergänge, Zwischenstufen und Angebote, die den Alltag abfedern, fehlen häufig.
Rund 800.000 pflegebedürftige Menschen leben derzeit in deutschen Pflegeheimen. Nach Prognosen des Statistischen Bundesamtes könnte die Zahl bis 2040 auf knapp eine Million steigen. Pflegewissenschaftlerin Gabriele Meyer warnt, dass dann auch alleinstehende Menschen ohne Kinder schnell auf einen Heimplatz angewiesen sein könnten, sobald der Unterstützungsbedarf wächst. Dabei zeigen andere Länder, dass Pflege auch anders organisiert werden kann: mit mehr Selbstständigkeit, Teilhabe und Hilfe genau dort, wo der Alltag stattfindet.
Zu Hause bleiben – aber nicht allein
Dänemark hat sich weitgehend von klassischen Pflegeheimen verabschiedet. Das Ziel: Menschen sollen möglichst lange selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben. Die ambulante Pflege wird kommunal finanziert, Heimkosten lassen sich meist aus der regulären Rente bezahlen. Kinder werden in der Regel nicht an den Pflegekosten beteiligt. Ein Heim gilt als letzte Option, wenn andere Hilfen nicht reichen.
Der Ansatz war anfangs umstritten. Kritiker bemängelten, dass ein stärker kontrollierter Schutzrahmen für ältere und demenzkranke Menschen fehle. Befürworter halten dagegen: Das Recht auf Freiheit wiege schwerer als eine umfassende Bevormundung. Ein Spannungsfeld, das sich nicht einfach wegorganisieren lässt.
Auch Schweden setzt darauf, dass ältere Menschen möglichst lange zu Hause bleiben. Je nach Kommune helfen häusliche Pflegedienste beim Waschen, Anziehen, Duschen oder Kochen. Die Pflege kostet höchstens etwa 240 Euro im Monat, abhängig von Einkommen und Wohnkosten kann es auch weniger sein. Den größten Teil der Kosten für ambulante und stationäre Altenpflege trägt der Staat aus Steuermitteln.
Ein Umzug ins Heim wird geprüft, wenn täglich mehrere Pflegeeinsätze notwendig sind. Nicht erst, wenn zu Hause längst gar nichts mehr geht.
Großbritannien verfügt trotz der Probleme seines Gesundheitssystems über eine stark ausgebaute ambulante Pflege. Pflegefachkräfte übernehmen dort Aufgaben, die in Deutschland häufig Ärzten vorbehalten sind. Die Grenzen zwischen Krankenhaus, Hausarztpraxis und häuslicher Versorgung sind weniger strikt. Dazu kommen mehr Zwischenangebote, die Menschen nach einem Krankenhausaufenthalt stabilisieren und wieder alltagsfähig machen.
Pflegeforscher halten deshalb manche stationären Leistungen auch zu Hause für möglich – erbracht von Gemeindepflegekräften. Gerade nach einer Entlassung wird es in Deutschland oft heikel: Betroffene kommen zunächst ohne ausreichende Unterstützung nach Hause, während eine Reha erst Wochen später beginnt. Diese Lücke kann Komplikationen und erneute Krankenhausaufenthalte begünstigen.
Ein Dorf für Menschen mit Demenz
In den Niederlanden entstand De Hogeweyk. Die Wohnsiedlung liegt rund 20 Kilometer von Amsterdam entfernt und wurde 2008 für schwer demenzerkrankte Frauen und Männer eröffnet; im Jahr 2009 entstand dort ein dorfähnliches Wohnumfeld. „Demenzdorf“ wird De Hogeweyk häufig genannt, geplant und gebaut wurde es allerdings nicht unter dieser Bezeichnung.
Individuell gestaltete Reihenhäuser bilden das Viertel. In der Regel leben sieben Menschen in einem Haus, jede Person hat ein eigenes Zimmer, Wohnzimmer und weitere Bereiche werden geteilt. Eine Betreuungskraft gehört zur Wohngemeinschaft. Sie wäscht Wäsche, erstellt die Einkaufsliste und kocht – möglichst gemeinsam mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Für jedes Haus gibt es ein monatliches Budget, das eingehalten werden muss.
Rundherum liegen Supermarkt, Kneipe, Restaurant, Theater und verschiedene Clubs, außerdem Café, Park und Marktplatz. Bewohnerinnen und Bewohner können sich frei bewegen, spazieren gehen, in einem Café sitzen oder bei gutem Wetter auf dem Marktplatz bleiben. Häuser, Geschäfte, Friseur und Kulturangebote sind so angeordnet, dass man sich kaum verläuft.
Die Idee dahinter ist kein hübscher Bühnenbau, sondern ein Umfeld, in dem sich Menschen mit schwerer Demenz wohl und sicher fühlen. Freiheit, Autonomie und ein möglichst normales Leben sollen erhalten bleiben. Der Staat übernimmt die Kosten für Wohnen und Versorgung, Freizeitaktivitäten sind ausgenommen. Auch Menschen mit geringem Einkommen können dort leben; wer eigenes Vermögen besitzt oder Angehörige mit hohem Einkommen hat, muss einen Teil der Kosten selbst tragen.
Das Konzept wurde unter anderem von Deutschland, der Schweiz, Dänemark, Frankreich, Italien, Kanada und den USA übernommen. 2014 eröffnete am Stadtrand von Hamel auf einem ehemaligen Ziegeleigelände das erste sogenannte Demenzdorf in Deutschland. Solche Dörfer bleiben umstritten: Kritikerinnen und Kritiker sehen darin einen Widerspruch zu Teilhabe und Inklusion.
Pflegehof, Quartier und Nachbarschaft
Ein weiterer niederländischer Ansatz ist Green Care. Das Konzept wird auf etwa 1.300 Pflegehöfen umgesetzt. Einige sind landwirtschaftliche Betriebe, andere auf Altenpflege spezialisiert. Zwischen Tieren, Feldern und vertrauten Wegen profitieren Bewohner vom familiären, naturnahen Umfeld – und vom Gefühl, nicht eingeschlossen zu sein.
Eine Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Pflegekräfte bei vergleichbaren Anforderungen zufriedener waren als in klassischen Heimen. Die niederländische Pflegeversicherung übernimmt die Kosten grundsätzlich, teilweise fallen jedoch Zusatzkosten an oder es gibt Wartelisten. In Deutschland gibt es Interesse an solchen Höfen, umgesetzt sind sie bislang noch nicht. Der Pflegehof Zernien soll genossenschaftlich organisiert werden und nach Abschluss der Bauarbeiten 2027 erste Gäste aufnehmen. Der Ansatz soll Pflege stärker in den Alltag integrieren, zugleich wird vor überhöhten Erwartungen gewarnt.
In der ambulanten Pflege heißt ein bekanntes Modell Buurtzorg. Es entstand Mitte der 2000er-Jahre und bezieht Angehörige sowie Nachbarn ein. Teams aus zehn bis zwölf Pflegefachkräften versorgen eigenständig 50 bis 60 Menschen in einem klar abgegrenzten Quartier. Klassische Leitungskräfte gibt es innerhalb der Teams nicht.
Das Ziel ist ein möglichst langes selbstbestimmtes Leben. In Leipzig und Dresden wurde das Modell erprobt, scheiterte dort jedoch meist. Laut Evaluationsbericht führten die ungewohnten Organisationsstrukturen zu Konflikten und zur Auflösung von Teams. Die betreuten Seniorinnen und Senioren waren trotzdem sehr zufrieden und entwickelten mehr Selbstständigkeit. Klingt widersprüchlich? Ist es auch ein bisschen.
Neue Pflegekonzepte werden in den Niederlanden häufiger wissenschaftlich untersucht, teilweise auf Initiative der Regierung. Die Ergebnisse fließen in Entscheidungen über das Pflegesystem ein. Gabriele Meyer und Thomas Fischer fordern für Deutschland ebenfalls eine grundlegende Debatte darüber, wie ein gutes, selbstbestimmtes Leben im hohen Alter und bei Pflegebedürftigkeit aussehen kann.
Sie kritisieren die starke Fixierung auf stationäre Pflegeheime und verlangen mehr Prävention, quartiersnahe Angebote und Unterstützung der Selbstständigkeit. Hausärzte, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und weitere Berufsgruppen sollten stärker in einem gemeinsamen Versorgungssystem arbeiten. Fischer plädiert für einen Wechsel von großen Einrichtungen als Verwahrungsort hin zu quartiersnaher, präventiver und ressourcenorientierter Versorgung.
Ein eigener Rhythmus
Wie das aussehen kann, zeigt die Demenzstation „Gammel-Oase“ im Julie-Kolb-Senioren-Zentrum in Marl. Die Bewohner können ihren Tagesablauf weitgehend selbst bestimmen. Es gibt wenige engmaschige Regeln und Vorschriften. Die Menschen sollen ihre letzten Lebensjahre im eigenen Rhythmus verbringen. Bislang gilt das Konzept als einzigartig in Deutschland.
Japan verbindet derweil seit Jahrzehnten die Betreuung von Kindern und pflegebedürftigen älteren Menschen unter einem Dach. Manche Einrichtungen kombinieren Seniorenbetreuung mit Nachmittagsangeboten für Schulkinder, andere beziehen Mütter mit Säuglingen ein. Der Kontakt zu Kindern kann ältere und demenzkranke Menschen aktivieren. Auch in Deutschland gibt es einzelne Beispiele, etwa in Blankenburg.
Was davon nach Halle, Leipzig oder in ein kleines Dorf passt, lässt sich nicht einfach kopieren. Ein Pflegehof braucht Platz, Buurtzorg braucht Teams, die mit Verantwortung und ungewohnten Hierarchien klarkommen, und ein Demenzdorf bleibt die Frage schuldig, wie offen eine eigene Welt wirklich ist. Die PDF-Quelle des internationalen Vergleichs liefert hierzu keinen auswertbaren Artikeltext, sondern PDF-Rohdaten. Für die Debatte bleiben damit vor allem die konkreten Erfahrungen aus den Ländern und Einrichtungen: Freiheit, Nähe, Unterstützung – und die Lücken dazwischen.
