Galeria meldet zum vierten Mal seit 2020 Insolvenz an
Die Warenhauskette Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Für die rund 12.000 Beschäftigten geht damit erneut die bange Frage um den Arbeitsplatz los. Der Betrieb in den 83 Filialen soll zunächst weiterlaufen.
Galeria erklärte, das Verfahren solle helfen, die aktuelle Lage zu ordnen, das Unternehmen zu stabilisieren und eine nachhaltige Zukunft zu ermöglichen. Zu den konkreten Hintergründen machte die Geschäftsführung zunächst keine weiteren Angaben. Offen ist auch, ob die Beschäftigten Insolvenzgeld erhalten und welche Standorte möglicherweise schließen müssen.
Vierter Insolvenzantrag seit 2020
Es ist der vierte Insolvenzantrag von Galeria seit 2020 – nach 2020, 2022, 2024 und nun 2026. Beim bislang letzten Antrag vor gut zweieinhalb Jahren firmierte das Unternehmen noch als Galeria Karstadt Kaufhof. Auslöser war damals die Insolvenz des Mutterkonzerns Signa. Neun von 92 Warenhäusern schlossen.
Seit Sommer 2024 gehört Galeria der US-Investmentgesellschaft NRDC und einer Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz. Die Namen Karstadt und Kaufhof verschwanden aus dem Firmennamen, der Unternehmenssitz wechselte von Essen nach Düsseldorf. Frühere Insolvenzverfahren hatten bereits zahlreiche Filialen gekostet; Gläubiger verzichteten auf Forderungen in Milliardenhöhe.
Im April 2026 berichteten mehrere Vermieter über ausbleibende Mietzahlungen. Galeria verwies auf Schwankungen bei der Liquidität und bestätigte, Vermieter um Zahlungsaufschübe gebeten zu haben. Bereits im März hatte das Unternehmen angekündigt, die Mietverträge von acht Filialen neu verhandeln zu wollen. Schließungen waren damals nicht ausgeschlossen worden.
Kredit, Warenbestände und ein harter Sanierungsplan
Im Juni 2026 erhielt Galeria eine Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro von der US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers. Die Verhandlungen dauerten mehrere Wochen, Voraussetzung war ein Gutachten der Unternehmensberatung AlixPartners zur wirtschaftlichen Lage. Als Sicherheit dient die Ware von Galeria.
Die Finanzierung ist an einen auf drei Jahre angelegten Sanierungsplan gebunden, der nun umgesetzt werden soll. Zunächst soll damit ein Kredit des Minderheitsgesellschafters Bain Capital über etwa 80 Millionen Euro abgelöst werden. Außerdem stehen Mietzahlungen aus. Ein Teil des Geldes wird für Investitionen gebraucht – wie viel dafür tatsächlich übrig bleibt, ist unklar. Galeria benötigt auch Mittel, um Waren für die Herbst- und Wintersaison zu bestellen.
Der Plan sieht weitere Filialschließungen vor. Das gesamte Netz soll darauf geprüft werden, ob die einzelnen Warenhäuser künftig wirtschaftlich tragfähig sind. Rund 30 der derzeit 83 Standorte gelten als gefährdet und sollen besonders gründlich untersucht werden. Galeria will mit Vermietern über Mietsenkungen und flexiblere Vertragsbedingungen verhandeln und prüfen, welche Standorte überhaupt vermietbar sind.
Im Juli kündigte das Unternehmen an, 33 Warenhäuser zu überprüfen. Die Fortführung einzelner Filialen sei ohne tragfähige Lösungen gefährdet, hieß es. Alle Warenhäuser müssten dauerhaft profitabel arbeiten. Eine Entscheidung über die Zukunft der überprüften Filialen lag zuletzt noch nicht vor. In drei Jahren dürfte Galeria ein deutlich kleineres Filialnetz haben; eine spätere Wiedereröffnung an früheren Standorten wird zugleich nicht ausgeschlossen.
Schließungen können teuer werden: Sozialpläne, Abfindungen und Entschädigungen an Vermieter belasten die Rechnung zusätzlich. Zuletzt versuchte Galeria, den Umsatz mit umfangreichen Rabattaktionen anzukurbeln. Zwischen roten Zahlen, Mietverhandlungen und Warenbestellungen bleibt da wenig Luft – und in den Filialen läuft der Verkauf erst einmal weiter.
Eine lange Geschichte mit vielen Einschnitten
Warenhäuser prägen deutsche Innenstädte seit den 1880er-Jahren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden sie zu zentralen Konsumorten. Die Wurzeln der beiden späteren Marken reichen noch weiter zurück: 1879 eröffnete Leonhard Tietz in Stralsund ein Textilgeschäft, aus dem später Kaufhof hervorging. Rudolph Karstadt gründete 1881 in Wismar ein „Tuch-, Manufactur- und Confectionsgeschäft“. Beide setzten auf Festpreise statt auf Preisverhandlungen.
In den 1980er-Jahren verloren die Kaufhäuser zunehmend Kundschaft. 1994 blieben nach zwei Fusionen Kaufhof und Karstadt als große deutsche Warenhausketten übrig: Kaufhof übernahm Horten, Karstadt die Hertie-Gruppe.
1999 fusionierte Karstadt mit dem Versandhaus Quelle-Schickedanz zur KarstadtQuelle AG. Der Konzern beschäftigte mehr als 116.000 Menschen, erzielte 32,5 Milliarden D-Mark Umsatz, war 4,5 Milliarden Euro wert und wurde in den DAX aufgenommen. 2000 übernahm Wolfgang Urban den Vorstandsvorsitz von Walter Deuss, strich 7.000 Stellen und plante eine Fusion mit Kaufhof. Die „Deutsche Warenhaus AG“ kam jedoch nicht zustande.
Als Thomas Middelhoff 2005 die Führung bei KarstadtQuelle übernahm, bezeichnete er den Konzern als existenzgefährdet. Konzernimmobilien wurden für insgesamt 4,5 Milliarden Euro verkauft. Die anschließend hohen Mietzahlungen entwickelten sich später zur Belastung. 2007 wurde KarstadtQuelle in Arcandor umbenannt. Durch die Übernahme des britischen Reiseveranstalters MyTravel wuchs die Tochter Thomas Cook zum damals drittgrößten Reiseanbieter der Welt, während die Warenhäuser weiter drückten. Im Geschäftsjahr 2007/08 betrug der Jahresverlust 745,7 Millionen Euro.
2009 beantragte Arcandor während der Finanzkrise Insolvenz für Quelle und Karstadt – eine der größten Pleiten der deutschen Wirtschaftsgeschichte. Bund und Länder stellten eine Bürgschaft von 50 Millionen Euro bereit. Zehn Filialen sollten schließen, 1.200 Beschäftigte ihren Arbeitsplatz verlieren.
Zwischen 2010 und 2014 erhielt der US-Investor Nicolas Berggruen den Zuschlag für die verbliebenen Karstadt-Kaufhäuser. Mehr als 2.000 der 25.000 verbliebenen Stellen wurden gestrichen. Karstadt machte trotzdem weiter hohe Verluste, 2012/13 insgesamt 131 Millionen Euro.
Von Karstadt und Kaufhof zu Galeria
2014 zog sich Berggruen nach vier Jahren zurück. René Benko übernahm Karstadt für einen symbolischen Euro und sah in einer möglichen Fusion mit Galeria Kaufhof eine Sanierungschance. 2015 kaufte der US-Handelskonzern HBC Galeria Kaufhof von Metro. Benkos Plan einer gemeinsamen „Deutsche Warenhaus AG“ war damit zunächst vom Tisch.
2018 vereinbarten HBC und Benkos Signa-Holding eine „Fusion unter Gleichen“. Signa erhielt 51,01 Prozent der Anteile, die Warenhäuser firmierten künftig als Galeria Karstadt Kaufhof.
Dann kam die Corona-Pandemie. Im April 2020 meldete Galeria Karstadt Kaufhof Insolvenz an. Schon davor waren die Verluste hoch; während des Lockdowns verlor der Konzern mehr als 80 Millionen Euro pro Woche. Nach einem Monat war er zahlungsunfähig und beantragte ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren.
Von September 2020 bis 2022 kündigte der Insolvenzverwalter einen Schuldenschnitt an. Der Bund sagte im Januar 2021 ein Darlehen von 460 Millionen Euro zu, 2022 kam eine stille Einlage von 220 Millionen Euro hinzu. Die Staatshilfen beliefen sich damit auf insgesamt 680 Millionen Euro. Alle Warenhäuser sollten einheitlich Galeria heißen.
Im Oktober 2022 beantragte Galeria erneut ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren. Laut Insolvenzverwalter sollten nur profitable Filialen erhalten bleiben. Im Mai 2023 wurde die Schließung von 41 der 129 Filialen angekündigt. Galeria-Gläubiger verzichteten auf Kredite von angeblich 1,3 Milliarden Euro. Im Juni schlossen die ersten 19 Filialen, die übrigen 21 Schließungen sollten bis Ende Januar 2024 folgen. Zugleich zeichneten sich Schwierigkeiten in Benkos Immobilienkonzern ab.
Im Dezember 2023 gerieten die Signa-Holding und weitere zentrale Signa-Gesellschaften nacheinander in Insolvenz. Galerias verbliebene Filialen erzielten zuletzt zwar einen operativen Gewinn von 70 Millionen Euro, der Gesamtkonzern blieb dennoch defizitär.
Am 9. Januar 2024 meldete Galeria zum dritten Mal innerhalb weniger Jahre Insolvenz an. Das Unternehmen wollte sich nach eigenen Angaben von den durch Signa geschaffenen Rahmenbedingungen lösen und einen Eigentümerwechsel erreichen
