Hamburgs Cannabisbilanz: EKOCAN-Forschung trifft medizinische Versorgung
Uni Hamburg, 23.10.2026. Hamburg ist längst mehr als Kulisse für die Debatte über die Teillegalisierung von Cannabis. In der Stadt wird untersucht, was die Reform tatsächlich verändert – beim Jugendschutz, beim Gesundheitsschutz und bei der Kriminalität. Gleichzeitig geht es um eine Frage, die im Alltag von Patientinnen und Patienten ankommt: Wie lässt sich medizinisches Cannabis sicher und zuverlässig verschreiben und beziehen?
Eine zentrale Rolle spielt die offizielle Bundesevaluation des Konsumcannabisgesetzes, kurz EKOCAN. Der Forschungsverbund arbeitet mit starker Hamburger Beteiligung. Den zweiten EKOCAN-Zwischenbericht veröffentlichte die Universität Hamburg 2026; berücksichtigt wurden Erkenntnisse bis März 2026. Forschung klingt dabei manchmal nach Tabellen und langen Sitzungen, aber hinter den Zahlen stehen Jugendliche, Familien, Ärztinnen und Ärzte – und Menschen, die wegen Schmerzen oder chronischer Erkrankungen Hilfe suchen.
Was die Hamburger Daten bisher zeigen
Eine Großstudie des Hamburger Gesundheitswissenschaftlers Jakob Manthey und seiner Kolleginnen und Kollegen nahm die Auswirkungen der Reform anhand einer mehrjährigen, breiten Stichprobe unter die Lupe. Die im Zusammenhang mit der Studie genannten Befunde fallen vorsichtig aus: Ein statistisch signifikanter Anstieg des allgemeinen Konsums zeigte sich nicht. Ebenso gab es keinen messbaren Trendbruch beim Konsum unter Jugendlichen und keine Zunahme des täglichen Konsums.
Weitere Informationen zu dieser Studie stellt das Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung in Hamburg bereit. Die Universität Hamburg vermittelt Forschungsergebnisse außerdem unter anderem in Schulen. Dort prallen wissenschaftliche Begriffe und echte Fragen aufeinander: Was bedeutet Teillegalisierung konkret? Was schützt Jugendliche? Und wann wird aus Konsum ein gesundheitliches Problem?
Die EKOCAN-Veröffentlichungen des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf enthalten eine Literaturliste zur Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland und ihrer Evaluation. Aufgeführt sind Arbeiten aus den Jahren 2024 bis 2026. Sie befassen sich mit einer Zwischenbilanz und den zentralen Ergebnissen der Evaluation, mit der Entwicklung der Cannabis-Konsumprävalenz vor und kurz nach der Teillegalisierung sowie mit methodischen und zeitlichen Voraussetzungen für belastbare Aussagen über die Folgen der Reform.
Daneben führen die Veröffentlichungen Themen wie Angebot und Nachfrage von medizinischem Cannabis nach der Legalisierung, cannabisbezogene Krankenhausaufnahmen nach der Teillegalisierung und mögliche Auswirkungen auf das Fahren unter Cannabiseinfluss im Vergleich zu Österreich auf. Auch erste Evaluationsergebnisse aus juristischer Perspektive, legale und illegale Bezugsquellen von Cannabis sowie Merkmale von Personen, die unter Cannabiseinfluss Auto fahren, gehören dazu.
Weitere Arbeiten widmen sich Gesprächen von Cannabiskonsumierenden mit Hausärztinnen und Hausärzten über ihren Konsum, wahrgenommenem Fremdstigma und Selbststigma sowie möglichen Auswirkungen des deutschen Cannabisgesetzes auf die europäische Drogenpolitik. Untersucht werden außerdem Konsumhäufigkeit, Konsumformen und der gemeinsame Gebrauch von inhalativem Nikotin oder Tabak.
Die genannten Arbeiten erschienen unter anderem in Neue Kriminalpolitik, International Journal of Drug Policy, Sucht, Deutsches Ärzteblatt International, The Lancet Regional Health – Europe, Deutsche Richterzeitung, International Journal of Mental Health and Addiction, Journal of Safety Research und Journal of Cannabis Research. Die UKE-Seite führt dabei Titel, Autorinnen und Autoren, Publikationsangaben sowie DOI- beziehungsweise Webadressen auf; in dem bereitgestellten Text werden keine inhaltlichen Ergebnisse oder weiteren Details der einzelnen Studien ausgeführt.
Vom Forschungsbericht in die Arztpraxis
Der Zusammenhang zwischen wissenschaftlicher Evidenz und moderner Patientenversorgung wird in Hamburg besonders dort sichtbar, wo es um medizinisches Cannabis geht. Dafür ist ein gültiges ärztliches Rezept erforderlich. Die Abgabe erfolgt über angebundene Apotheken.
Verschreibungspflichtige Präparate werden als standardisierte und qualitätsgeprüfte Arzneimittel beschrieben. Die Qualität von medizinischem Cannabis überwacht das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM. Das ist weniger spektakulär als die großen Schlagzeilen zur Legalisierung, für Patientinnen und Patienten aber ziemlich entscheidend: Was genau kommt an, in welcher Qualität und mit welcher ärztlichen Freigabe?
Als Beispiel für ein digitales Liefermodell nennt der Artikel die „Cannabis Expresslieferung Hamburg“ von Can-Doc City. Verschriebe Medikamente werden dort nach ärztlicher Freigabe ausgeliefert. Digitale Verordnung, ärztliche Beratung und Lieferung sollen Patientinnen und Patienten einen schnellen, sicheren und diskreten Zugang ermöglichen.
Für chronisch Kranke und Schmerzpatienten können sich dadurch Wege zu spezialisierten Arztpraxen und Apotheken verkürzen oder ganz vermeiden lassen. Als mögliche Vorteile nennt der Artikel eine lückenlosere Therapie und eine besser nachvollziehbare Qualität der Präparate. Gerade wenn jeder zusätzliche Weg anstrengend wird, ist das keine Kleinigkeit – manchmal ist schon eine eingesparte Fahrt durch die halbe Stadt eine echte Erleichterung.
Hamburg als Verbindung von Forschung und Versorgung
Die Stadt wird damit als Beispiel dafür dargestellt, wie Forschungsergebnisse in eine patientenorientierte Versorgungsstruktur einfließen können. Die Daten zur Teillegalisierung liefern keine schnelle Parole, sondern Bausteine: für Jugendschutz und Gesundheitsschutz, für die Bewertung von Kriminalität und für den Umgang mit medizinischem Cannabis.
Zwischen Zwischenbericht, Schulveranstaltung, Arztgespräch und Apothekenlieferung liegen viele praktische Fragen. Die Hamburger Forschungslandschaft hält sie zumindest sichtbar – und macht aus einer politischen Reform ein Arbeitsfeld, in dem Zahlen, Rechtsfragen und der Alltag chronisch kranker Menschen nebeneinander auf dem Tisch liegen.
