In Kassel wird wieder über Panzer gesprochen. Rheinmetall will den Standort deutlich ausbauen – zum „größten Panzerwerk Europas“, wie es in den Planungen heißt. Die Stadt, die schon vor und während des Zweiten Weltkriegs ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie war, könnte damit erneut zu einem gewichtigen Rüstungsstandort werden.

Historiker Thomas Vollmer zählte während der NS-Zeit 21 Rüstungsbetriebe in Kassel. Heute prägen vor allem Rheinmetall und KNDS das Bild. Beide Unternehmen reichen unter anderem auf die Lokomotivfabrik Henschel und die Waggonfabrik Wegmann zurück. Ein Blick auf diese Geschichte ist deshalb nicht bloß ein Ausflug in alte Werkhallen, sondern führt mitten hinein in die industrielle Entwicklung der Stadt.

Von Geschützen, Lokomotiven und frühen Panzern

Georg Christian Carl Henschel fertigte schon vor der Unternehmensgründung im Jahr 1810 als fürstlicher Stückgießer Geschütze. Im 19. Jahrhundert verschob sich der Schwerpunkt dann zunehmend zum Lokomotivbau. Wegmann, 1882 gegründet, stieg erst im Ersten Weltkrieg in die Rüstungsproduktion ein: Zunächst entstanden Feldwagen für Nachschubtruppen, später der „Panzerkampfwagen K“, einer der frühen deutschen Panzer.

Auch Henschel nahm im Ersten Weltkrieg die Fertigung militärischer Güter wieder auf. Gleichzeitig verdoppelte das Unternehmen den Lokomotivenabsatz auf rund 1000 Stück jährlich. Lokomotiven wurden für Truppenbewegungen gebraucht, und die Nachfrage lief entsprechend heiß.

Nach dem Krieg untersagte der Versailler Vertrag Deutschland den Bau von Panzern und Waffen. In der Weimarer Republik wurde dieses Verbot jedoch durch verdeckte Rüstungsproduktion umgangen. Unter Tarnbezeichnungen wie „Großtraktor“ und „Kettenschlepper“ entstanden ab Ende der 1920er-Jahre erste Panzer und Militärlastwagen. Henschel entwickelte ab 1931 einen leichten Panzer, offiziell ein „Landwirtschaftlicher Schlepper“.

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Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 wurde daraus der „Panzerkampfwagen I“. 1934 begann bei Henschel die Serienfertigung. Wegmann kehrte ebenfalls in die Rüstungsproduktion zurück und fertigte gemeinsam mit Henschel, Krupp und MAN Nachfolgemodelle. Deutschlandweit produzierten damals nur fünf Unternehmen Panzer; laut Vollmer kamen 40 Prozent davon aus Kassel. Von 1934 bis 1943 montierte Henschel mehr als 2000 Panzerkampfwagen verschiedener Ausführungen.

Eine Stadt wird zur Kriegsfabrik

Zur Panzerproduktion kam die Flugzeugindustrie. 1933 wurden die Henschel-Flugzeug-Werke gegründet. Ab 1936 fertigte Henschel auf dem Gelände des heutigen VW-Werks in Baunatal Daimler-Benz-Motoren für Kriegsflugzeuge in Lizenz.

Der Flugzeugbauer Gerhard Fieseler beteiligte sich bereits ab 1930 mit einem Werk in Kassel an der Rüstungsproduktion. Bekanntestes Produkt war der Fieseler Storch, der unter anderem zur Aufklärung eingesetzt wurde. Später liefen dort auch Messerschmitt-Jagdflugzeuge in Lizenz vom Band. Fieseler wuchs von rund 5000 Beschäftigten im Jahr 1938 auf knapp 7500 bei Kriegsende.

Ein 1940 eröffnetes Kasseler Zweigwerk der Junkers-Flugzeug- und Motorenwerke beschäftigte Ende der 1930er-Jahre ebenfalls mehr als 5000 Menschen. Henschel selbst wuchs von etwa 2000 Beschäftigten 1933 auf 19.000 im Jahr 1943. In den Kasseler Rüstungsbetrieben stieg die Beschäftigtenzahl vom letzten Friedensjahr mit 2650 auf rund 20.000 während der NS-Zeit.

Hinter diesen Zahlen standen lange Schichten und Zwang. Während des Kriegs wurden zahlreiche Zwangsarbeiter eingesetzt, zugleich stieg die Wochenarbeitszeit auf 60 Stunden. Das Dröhnen der Maschinen hatte also viele Gesichter – und längst nicht alle waren freiwillig in den Werkhallen.

Im August 1942 begann in Kassel unter strenger Geheimhaltung die Serienproduktion des Tiger-I-Panzers. Henschel fertigte die Fahrgestelle, Wegmann die Aufbauten. Wegen der hohen deutschen Panzerverluste an der Ostfront wurde der Tiger ohne umfangreiche Erprobung ausgeliefert. Bis 1944 entstanden insgesamt 1355 Tiger I.

Vom Tiger II, dem „Königstiger“, wurden zwischen 1943 und 1945 insgesamt 484 Exemplare gebaut. Die schweren Panzer sollten die drohende deutsche Niederlage abwenden. Doch technische Mängel machten ihnen zu schaffen: Mehr Fahrzeuge gingen durch Defekte und Selbstzerstörung verloren als durch gegnerische Angriffe.

Bombennacht und die letzten Königstiger

Trotz der Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943 stiegen die Produktionszahlen in den Panzerwerken anschließend weiter deutlich an. Nach Vollmers Auswertung zielten die britischen Bomber vor allem auf Wohngebiete, um die Moral der Bevölkerung zu brechen. Fabriken wurden zwar getroffen, die Produktion aber nicht entscheidend beeinträchtigt.

Die letzten Königstiger verließen Ende März 1945 die Kasseler Werkhallen. Einige setzte die Wehrmacht noch bei einem Vorstoß nach Süden ein, während US-Truppen auf Kassel vorrückten. Der dreitägige Kampf um die Stadt endete am 4. April 1945 mit ihrer Kapitulation – etwa einen Monat vor Kriegsende.

Der Wiederaufbau der Kasseler Industrie zog sich bis in die 1960er Jahre. Die Entwicklung verlief nicht geradlinig: Im Ersten Weltkrieg dominierte die Kriegswirtschaft, in der Weimarer Republik musste die Metallindustrie mühsam zur Zivilproduktion zurückfinden. Anfang der 1930er Jahre brachte die Weltwirtschaftskrise einen vorübergehenden Niedergang, bevor Kassel während der NS-Zeit rasant zu einem Zentrum der Kriegsindustrie wurde.

Henschel prägte das industrielle Geschehen der Stadt bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs – mit Lokomotivbau, Waggonbau und Panzerbau. Offiziell beschäftigte das Unternehmen mehr als 20.000 Menschen. Heute entfallen etwa zehn Prozent der Industriebeschäftigung in Kassel auf Rüstungsunternehmen; genannt werden KMW und Rheinmetall.

Neue Aufträge, alte industrielle Linien

Nun plant Rheinmetall, die Panzerproduktion am Standort Kassel deutlich auszubauen, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Im Projekt „Arminius“ erwartet der Konzern Bundeswehr-Bestellungen im Gesamtwert von knapp 40 Milliarden Euro. Laut CEO Armin Papperger könnte die Auftragslage das Werk bis mindestens 2040 auslasten.

Im Zentrum steht eine geplante Großbestellung des Radpanzers Boxer. Rheinmetall produziert ihn gemeinsam mit KNDS Deutschland in einem Joint Venture. In der ersten Beschaffungsrunde könnte Rheinmetall einen Auftrag über 12,4 Milliarden Euro erhalten. Er würde laut „Handelsblatt“ mehr als 1.500 Boxer umfassen. Weitere Rahmenvereinbarungen im Umfang von 14 bis 26 Milliarden Euro seien möglich. Insgesamt könnte die Bundeswehr dadurch mehr als 5.000 Boxer erhalten.

Damit das klappt, soll die Belegschaft in Kassel von derzeit 2.200 auf 3.000 Mitarbeiter bis Ende 2028 wachsen. Anfang 2022 beschäftigte das Werk noch rund 1.000 Menschen. Künftig will Rheinmetall bis zu 500 Boxer pro Jahr in Kassel produzieren; sämtliche Boxer-Fahrzeuge für die Bundeswehr sollen dort gebaut werden.

Der Standort erzielt derzeit einen Jahresumsatz von rund 1,5 Milliarden Euro. Durch Investitionen und die Großbestellung könnte dieser auf etwa fünf Milliarden Euro steigen. Rheinmetall und die Bundeswehr wollen die letzten Details der Boxer-Bestellung in der zweiten Septemberwoche klären. Eine Beschlussvorlage für die Großbeschaffung könnte am 9. Dezember dem Haushaltsausschuss des Bundestags vorgelegt werden.

Papperger zufolge begannen die Planungen bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Nach zwei weiteren Gesprächen mit der Staatskanzlei sei der Plan festgestanden. In Kassel trifft dabei eine sehr alte industrielle Spur auf eine neue militärische Großbestellung: von Henschels Geschützen und Lokomotiven über Tiger und Königstiger bis zum Boxer.

Wie sich diese Geschichte einordnen lässt, war auch Thema eines Vortrags von Dr. Michael Lacher am 5. Oktober 2023 von 18:00–20:00 Uhr in der Volkshochschule, Wilhelmshöher Allee 19–21, Kassel. Sein Thema: die Entwicklung der