Studierende blockieren Hochschulen: Gen Z regelt mobilisiert gegen Wehrpflicht und Bildungskürzungen
Am 28. Oktober 2026 haben Studierende zwei Hochschulgebäude in Berlin und Hamburg blockiert. Heute, am 29.10.2026, ist die Lage an der Universität Hamburg besonders präsent: Die Proteste der Initiative „Gen Z regelt“ sollen am kommenden Samstag bundesweit weitergehen – für Bildung, soziale Gerechtigkeit und gegen eine neue Wehrpflicht.
In Berlin besetzten Studierende seit dem Morgen das Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin (FU). Teile der Eingänge waren mit Bauzäunen, Mülltonnen und weiteren Gegenständen versperrt, Transparente hingen an den Fassaden. Eine Teilnehmerin nannte als Gründe die Ablehnung von Militarisierung und Aufrüstung, den Widerstand gegen die Wehrpflicht, die Forderung nach einem Stopp und der Rücknahme von Sozialkürzungen sowie die Solidarität mit Streikenden in Frankreich und anderen Ländern. Die Proteste aus Frankreich kämen zunehmend in Deutschland an, erklärte sie.
Blockaden an zwei Hochschulen
Die Protestierenden kritisierten außerdem den Zustand vieler Universitäten und die Kürzungen im Hochschulbereich. Organisiert wurde die Aktion von „Gen Z regelt“, für den Nachmittag war eine Pressekonferenz vor dem Institut angekündigt. Die FU erklärte, sie respektiere friedlichen Protest, solange er gewaltfrei bleibe, und beobachte die Lage. Damit der Lehrbetrieb weiterlaufen konnte, wurden Lehrende aufgefordert, ihre Veranstaltungen an diesem Tag digital abzuhalten.
In einer Stellungnahme auf Instagram forderte das Aktionskomitee, Kürzungen an Hochschulen rückgängig zu machen. Nach Darstellung der Organisatoren würden Berliner Hochschulen sowie Bildungs- und Sozialeinrichtungen gezielt finanziell geschwächt, während gleichzeitig Milliardenbeträge in die Aufrüstung flössen. Als Beispiele nannten sie marode Gebäude an der Technischen Universität und geplante Streichungen bei kritischen Lehrangeboten an der FU.
Das Otto-Suhr-Institut sei ausgewählt worden, weil dort insbesondere das Politikstudium stark geschädigt werde. Unter anderem sollten Stellen beliebter Mitarbeiter gestrichen werden. In Hamburg blockierten Demonstranten ebenfalls ein Gebäude der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) auf dem Kunst- und Mediencampus Finkenau. Die Polizei sprach von etwa 50 Teilnehmern; die zunächst nicht angemeldete Versammlung wurde gegen 7.30 Uhr gemeldet. Aufnahmen zeigten blockierte Eingänge mit Baustellenabsperrungen und Müllcontainern.
Laut HAW wurden Mitarbeitende und Studierende allerdings nicht am Zugang gehindert. Der Hochschulbetrieb lief weiter, Veranstaltungen wurden nicht abgesagt. Ein Transparent warb für die für Samstag geplante Demonstration von „Gen Z regelt“. Darauf standen Forderungen nach einem besseren und bezahlbaren Leben, einer Zukunft für junge Menschen sowie „100 Milliarden für Bildung und Soziales“.
23 Städte, viele Forderungen
„Gen Z regelt“ ruft für den kommenden Samstag in 23 Städten zu Demonstrationen auf. In Berlin, Hamburg, München, Frankfurt am Main und Köln organisiert die Initiative die Kundgebungen hauptverantwortlich, in 18 weiteren Städten unterstützt sie örtliche Gruppen. Im Internet haben knapp 140.000 Menschen ihre Teilnahme zugesagt: in Köln rund 12.000, in Frankfurt knapp 11.000, in Hamburg mehr als 8.000, in Berlin ebenfalls mehr als 8.000 und in München knapp 7.000.
Auf der Liste stehen bessere Bildung und Lernbedingungen, ein bezahlbares Leben, eine stärkere politische Berücksichtigung junger Menschen, mehr Investitionen in Bildung, Soziales, Kultur und Gesundheit sowie eine gerechtere Verteilung gesellschaftlicher Lasten. Gefordert werden außerdem weniger Überwachung und die Ablehnung der neuen Wehrpflicht und der Musterung junger Männer. Die Initiatoren kritisieren steigende Lebenshaltungskosten, fehlende Zukunftsperspektiven und Kürzungen, die junge Menschen belasteten, während Großunternehmen profitierten und hohe Summen in Aufrüstung flössen. Der Fachkräftemangel verschärfe die Probleme in Schulen, Pflege und Gesundheitsversorgung.
Die Initiative bezeichnet sich als unabhängigen, überparteilichen und losen Zusammenschluss junger Menschen. Sie will Menschen unabhängig von ihrer politischen Richtung einbeziehen, schließt aber extremistische Gruppen, verfassungsfeindliche Symbole, Rassismus, Hetze und Gewalt aus. Aufgerufen wird ausschließlich zu friedlichen Protesten. Grünen-Chef Banaszak warnte vor einer vorschnellen Kriminalisierung der deutschen Demonstrationen und forderte, die Gründe für die Proteste ernst zu nehmen.
Ob die Proteste überall stattfinden, war laut Bericht zunächst ungewiss. Nach einem Bericht des „Tagesspiegel“ herrsche in Berlin Unordnung rund um die Organisation. Mehrere junge Influencer zogen sich wegen einer aus ihrer Sicht unklaren Ausrichtung und einer unübersichtlichen Beteiligtenstruktur zurück. Das klingt nach Streit hinter den Kulissen – und nach einer Bewegung, die noch herausfinden muss, wie viel lose Vernetzung sie aushält.
Zwischen Solidarität und Sicherheitsdebatte
In mehreren europäischen Ländern protestieren vor allem junge Menschen gegen soziale, politische und wirtschaftliche Missstände. In Frankreich begannen Proteste für bessere Lernbedingungen, Teile der Bewegung mündeten in Ausschreitungen. Auch in Italien, Spanien und Albanien kam es bei Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten und Probleme im Bildungsbereich zu Gewalt. Frankreich war von schweren Ausschreitungen und Plünderungen betroffen; Geschäfte und öffentliche Gebäude wurden beschädigt, Einsatzkräfte verletzt. Bei Protesten in Barcelona nahm die Polizei rund 100 Menschen fest, etwa ein Viertel davon minderjährig.
Das Bundesinnenministerium fordert deshalb eine klare Unterscheidung zwischen friedlichen Schülerprotesten und gewaltbereiten extremistischen Gruppen, die Demonstrationen für Gewalt nutzen könnten. Polizei und Innenpolitiker warnen vor einer möglichen Unterwanderung der deutschen Proteste, insbesondere durch international vernetzte Linksextremisten und kriminelle Gruppen. Der SPD-Innenpolitiker Sebastian Fiedler sieht auch Personen im digitalen Raum als relevant an, die die Lage anheizen könnten.
Bund und Länder stimmen sich über das Gemeinsame Extremismus- und Terrorismusabwehrzentrum (GETZ) ab und erstellen fortlaufend Gefährdungsbewertungen. Das Bundesamt für Verfassungsschutz verstärkt die Beobachtung einschlägiger Internetseiten und Social-Media-Kanäle, auf denen zu Gewalt aufgerufen werden könnte. Bei den Demonstrationen sollen mehrere tausend Polizisten eingesetzt werden; die Bundespolizei kann die Länder bei Bedarf unterstützen. Personen, die zur gewaltsamen Teilnahme einreisen wollen, sollen bereits an der Grenze zurückgewiesen werden.
Die Deutsche Polizeigewerkschaft weist zudem darauf hin, dass die Demonstrationen zeitlich mit Halloween zusammenfallen. Das könne zusätzliche Herausforderungen bringen, etwa bei der Durchsetzung des Vermummungsverbots. Zwischen Transparenten, Baustellenabsperrungen und verkleideten Menschen dürfte es am Samstag also gelegentlich ziemlich unübersichtlich werden.
Ein weltweites Muster – mit sehr unterschiedlichen Ausgängen
Die aktuellen Proteste stehen in einer langen Reihe von Bewegungen, bei denen junge Menschen soziale Ungleichheit, Korruption, Autoritarismus, Polizeigewalt oder schlechte Bildung anprangerten. In Hongkong protestierten Menschen vom 9. Juni 2019 bis Mitte 2020 gegen ein Auslieferungsgesetz, den Abbau der Autonomie, Zensur, Autoritarismus, Polizeigewalt und soziale Ungleichheit. Das Gesetz wurde zurückgezogen, anschließend wurden ein Sicherheitsgesetz und ein Vermummungsverbot verabschiedet. Es folgten Massenauswanderung, Änderungen des Wahlrechts und Repressionen gegen Oppositionelle. Die Proteste entwickelten neue Taktiken, scheiterten jedoch insgesamt.
In Chile dauerten die Proteste vom 7. Oktober 2019 bis 18. März 2020. Höhere Preise im öffentlichen Verkehr, steigende Lebenshaltungskosten, Jugendarbeitslosigkeit, Privatisierungen, soziale Ungleichheit und die Pinochet-Verfassung trieben die Menschen auf die Straße. Die Preiserhöhung wurde zurückgenommen, Kabinettsposten wurden neu besetzt und ein Referendum über eine neue Verfassung angesetzt. Die Entwürfe von 2022 und 2023 wurden allerdings abgelehnt; Reformen wurden dennoch erreicht.
Im Libanon protestierten Menschen vom 17. Oktober 2019 bis 14. Oktober 2021 wegen Wirtschaftskrise, Austerität, Korruption, Sektarismus und Arbeitslosigkeit. Die Premierminister Saad Hariri und Hassan Diab traten zurück, die Regierung wurde gestürzt. In der Dominikanischen Republik führten der Abbruch und die Verschiebung von Kommunalwahlen wegen technischer Probleme vom 16. Februar bis 12. März 2020 zu Misstrauen gegenüber der Wahlkommission und Vorwürfen möglicher Manipulation. Ermittlungen gegen die Wahlkommission wurden eingeleitet, bei den Kommunalwahlen wurde die Regierung abgewählt; Reformen wurden erreicht.
Thailand erleb
