Glühende Städte: Wie Landschaftsarchitektur mit Schwammstadt-Prinzipien die Stadtgesundheit schützt
Wenn sich der Asphalt aufheizt, die Luft zwischen Häuserzeilen steht und selbst der Abend keine Erleichterung bringt, wird Stadtplanung plötzlich sehr körperlich. Man merkt die Hitze im Nacken, im Klassenzimmer, im Krankenhausbett. In Hannover widmet sich die Vortragsreihe „Zukunftsraum Landschaft“ am 26. Oktober dem Thema „Glühende Städte – Wie Freiräume Stadtgesundheit sichern“.
Veranstaltungsort ist der Hörsaal Kirchenkanzlei in der Herrenhäuser Straße. Organisiert wird die Reihe vom Bund Deutscher Landschaftsarchitekt:innen (bdla), der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL) und der Leibniz Universität Hannover. Anlass sind zunehmende Hitze und Dürre infolge des Klimawandels, die in Städten und Gemeinden längst spürbar sind.
Wenn die Nacht nicht mehr kühlt
Häufigere und längere Hitzeperioden belasten Menschen, Infrastruktur und Stadtgrün. In dicht bebauten Quartieren stauen sich Wärme und Schadstoffe; die nächtliche Abkühlung bleibt oft aus. Für Kommunen wird Hitzevorsorge damit zu einer zentralen Zukunftsaufgabe – nicht als hübsches Zusatzprogramm, sondern als Frage von Gesundheit und Versorgung.
Städte sind durch häufigere und intensivere Hitzewellen besonders gefährdet. Das betrifft Gebäude und Infrastrukturen ebenso wie die Menschen, die dort leben. Ältere Menschen, Kinder und chronisch Kranke gelten als besonders gefährdet. Eine Studie von Umweltbundesamt und Robert Koch-Institut stellte eine besonders hohe hitzebedingte Sterblichkeit in städtischen Gebieten fest, vor allem in West- und Süddeutschland. Dichte Bebauung, versiegelte Flächen und fehlende nächtliche Abkühlung verschärfen die Lage.
Auch die Verteilung der Grünflächen ist nicht gerecht: Die BBSR-Studie „Wie grün sind deutsche Städte?“ zeigt, dass sie zwischen Stadtvierteln ungleich verteilt sind. Manche Quartiere haben Bäume, Schatten und Parks vor der Tür, andere vor allem Beton. Dazu kommen Glasfassaden, fehlende Verschattung und aufgeheizte Straßen. Menschen verbringen bis zu 90 Prozent ihrer Zeit in Innenräumen – und auch dort ist die Hitze längst angekommen.
Schule, Klinik, Innenhof
Krankenhäuser sind häufig nur unzureichend vorbereitet. Laut einer Blitzumfrage des Deutschen Krankenhausinstituts sind in einzelnen Bereichen lediglich 70 Prozent der Kliniken baulich auf Hitze eingestellt, fünf Prozent haben bislang überhaupt keine Maßnahmen umgesetzt. Hitzebelastung kann das Risiko von Krankenhausinfektionen erhöhen. Überhitzte Arbeitsbedingungen beeinträchtigen zudem die Gesundheit, die Leistungsfähigkeit des Personals und die Versorgungssicherheit.
Für Schulen fehlen systematische Daten, erste Erhebungen zeichnen aber ein ziemlich klares Bild: In vielen Klassenräumen klettern die Temperaturen im Sommer auf über 30 Grad, besonders in oberen Stockwerken. Laut VBE Baden-Württemberg nimmt die Konzentrationsfähigkeit ab 26 Grad messbar ab. Hitze erhöht außerdem das Unfallrisiko, führt zu Fehlzeiten und beeinträchtigt das soziale Miteinander. Lernen mit klebrigem T-Shirt und flimmernder Luft – das ist kein idealer Stundenplan.
Klimagerechtes Bauen soll Gesundheit, Aufenthaltsqualität und Immobilienwert schützen. Durchlüftbare Innenhöfe, zurückspringende Loggien, Außenrollos und Vegetation können das Mikroklima verbessern. Schon kleinere Eingriffe helfen: Helle Dächer verringern laut BBSR-Studien die Zahl überhitzter Stunden um bis zu 20 Prozent. Begrünte Dächer und Fassaden können Temperaturunterschiede von bis zu 30 Grad bewirken. Verteilt sind solche Maßnahmen allerdings ebenfalls ungleich, manche Viertel bleiben deutlich stärker belastet.
Was Landschaftsarchitektur beitragen kann
Genau dort setzen die Vorträge in Hannover an. Sie behandeln den möglichen Beitrag der Landschaftsarchitektur zur hitzeresilienten Gestaltung von Städten und Gemeinden. Auf dem Programm stehen „Die Wirkung blaugrüner Maßnahmen für die Hitzeversorgung“ mit Dr. Björn Büter von der GEO-NET Umweltconsulting GmbH, „Unter die Haut – Urbane Landschaft im Strahlendilemma“ mit Dag-Ole Ziebell von der Leibniz Universität Hannover und „Mehr als schön – Vom Freiraum zur Infrastruktur“ mit Carla Lo von Carla Lo Landschaftsarchitektur.
Grünflächen, Wasserflächen und Entsiegelung sind zentrale Elemente der Hitzevorsorge. Ein ausreichend mit Wasser versorgter Baum kann laut BBSR eine Kühlwirkung von bis zu zehn Klimaanlagen erreichen. Der Haken: Trockenperioden und sinkende Grundwasserspiegel gefährden diese Funktion. Auch nächtliche Lüftung wird durch die zunehmende Zahl tropischer Nächte schwieriger.
Das BBSR untersucht Lösungen zur Hitzevorsorge in Kommunen und fördert innovative Anpassungsmaßnahmen. In den vom BMWSB und BBSR initiierten „Urban Heat Labs“ entwickeln sechs deutsche Städte konkrete Ansätze. Erprobt werden grüne Korridore, Cooling Points, hitzeangepasste Sanierungen und Lösungen für denkmalgeschützte Quartiere. Die Modellvorhaben sind Bestandteil der Hitzeschutzstrategie des BMWSB.
Öffentliche, konsumfreie Räume mit Trinkwasserangeboten sollen insbesondere gefährdeten Menschen während Hitzeperioden als Rückzugsorte dienen. Über das Innovationsprogramm „Zukunft Bau“ fördern BMWSB und BBSR außerdem Forschungsprojekte zu digitalen Datengrundlagen für städtische Wärmeinseln, zu Hitze in Städten und Gebäuden sowie zu Gebäudegrün.
Die Stadt als Schwamm
Das Schwammstadt-Prinzip verbindet mehrere Probleme, die sonst gern getrennt behandelt werden: Es speichert Regenwasser, kühlt die Umgebung und schützt vor Starkregen. Niederschlag soll aufgenommen, wie in einem Schwamm gespeichert und durch Verdunstung oder Versickerung beziehungsweise nach einer Wiederverwendung, etwa zur Bewässerung, verzögert abgegeben werden. So nähert sich die Stadt wieder einem natürlichen Wasserkreislauf an.
Das Umweltbundesamt beschreibt die Schwammstadt als Konzept für klimaresiliente, nachhaltige und gesundheitsfördernde Städte; die entsprechende Darstellung wurde zuletzt am 3. Juli 2024 aktualisiert. Städte und ihr Umland sind laut Klimawirkungs- und Risikoanalyse des Bundes von 2021 besonders von Hitze, Starkregen, Überflutungen und Trockenheit betroffen. Stadtbäume und andere natürliche Systeme leiden darunter, sind aber zugleich Teil der Lösung: Sie binden Kohlenstoff und mindern Klimafolgen.
Naturbasierte Lösungen und blau-grüne Infrastrukturen sollen deshalb gezielt für die Klimaanpassung eingesetzt werden. Grünere Städte reduzieren den städtischen Hitzeinseleffekt und verbessern Lebensqualität, Gesundheit und Wohlbefinden. Die Nationale Wasserstrategie der Bundesregierung nennt die Schwammstadt als Weg zu einer gewässerverträglichen und klimaangepassten Flächennutzung im urbanen Raum. Auch der Zweite Fortschrittsbericht zur Deutschen Anpassungsstrategie und das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz führen sie als transformatives Konzept der urbanen Klimaanpassung auf.
Immer mehr deutsche Kommunen greifen das Konzept auf. Aus dem Fachkonzept des dezentralen Niederschlagsmanagements ist ein übergreifender Ansatz klimaresilienter Stadtentwicklung geworden. Das UBA bearbeitet die Schwammstadt als zentrales Forschungs- und Informationsfeld. Bei der Forschungskonferenz „Klimaresiliente Schwammstadt: Naturbasierte Konzepte und Maßnahmen als Baustein urbaner Transformation“ im Juni 2022 wurden Potenziale sowie politische und praktische Forschungsfragen aus Wissenschaft und Praxis herausgearbeitet. Die UBA-Agenda umfasst die fünf Themenfelder Operationalisierung der Schwammstadt, technische Umsetzung, räumliche Planung, Governance und Gerechtigkeit.
Die Forschung geht weiter. Das Projekt „Neues Europäisches Bauhaus weiterdenken“ untersucht in Offenbach am Main, Wien und Bochum die Ziele klimaresilienter Schwammstädte sowie Treiber und Hemmnisse der Transformation. Ein Folgeprojekt ab 2025 befasst sich mit der Verstetigung des Schwammstadtprinzips, Stadt-Umland-Beziehungen und Aspekten des täglichen Lebens. Das Vorhaben „Umsetzung der Schwammstadt“ analysiert bestehende Politikinstrumente, entwickelt neue Instrumente und Instrumentenkombinationen für den Umbau zu klimaresilienten Schwammstädten und erarbeitet nachhaltige Musterlösungen für Dächer einer blau-grünen Stadt.
Ein weiteres Projekt untersucht mögliche gesundheitliche Nebenwirkungen von Schwammstadtmaßnahmen, damit sie frühzeitig in Planungen berücksichtigt werden können. Die Ergebnisse sollen in einen Leitfaden für klimaresiliente Städte einfließen. Das Vorhaben „Resiliente naturbasierte Lösungen für Städte und Gemeinden“ soll die kommunale Nutzung naturbasierter Klimaanpassung
