Erstmals direkt nachgewiesen: Mikroblazar IRAS 18293−0941 sendet Jet zur Erde geschniegelt
Heidelberg, 29.09.2026 – Tief in der Milchstraße haben Forschende erstmals einen Mikroblazar direkt nachgewiesen. Das Doppelsternsystem IRAS 18293−0941 liegt etwa 12.000 Lichtjahre von der Erde entfernt. Dort umkreisen sich ein massereicher Stern und ein Schwarzes Loch in erstaunlich engem Abstand – alle 11,38 Tage einmal.
Das Schwarze Loch zieht durch seine Gravitation fortlaufend Gas von seinem Begleiter ab. Einen erheblichen Teil dieser Materie schleudert es anschließend in zwei gebündelten Jets ins All, mit ungefähr 75 Prozent der Lichtgeschwindigkeit. Einer dieser Plasmastrahlen zeigt dabei fast genau in Richtung Erde. Das klingt dramatisch, ist es für uns aber nicht: Der Abstand ist gewaltig.
Ein altes Objekt, neu betrachtet
IRAS 18293−0941 ist von großen Mengen kosmischen Staubs verhüllt und in optischen Aufnahmen nahezu unsichtbar. Das System war schon vor Jahrzehnten katalogisiert worden, danach jedoch nicht weiter untersucht worden. Erst ein internationales Team aus Spanien, den Niederlanden und Argentinien nahm sich den Fall erneut vor und kombinierte langjährige Messungen mit Daten globaler Radioteleskope.
Eine zentrale Rolle spielte das European VLBI Network, kurz EVN. Mithilfe der Radiointerferometrie entstand ein virtuelles Teleskop mit hoher räumlicher Auflösung. Zusammen mit Positionsdaten des Satelliten Gaia konnten die Forschenden zeigen, dass der Jet tatsächlich direkt aus IRAS 18293−0941 stammt. Der erdgerichtete Strahl erscheint durch relativistische Verstärkung zudem ungewöhnlich hell – ein kosmischer Scheinwerfer, der uns unfreiwillig anblinzelt.
Der Gegenjet wurde mit dem südafrikanischen MeerKAT-Radioteleskop indirekt nachgewiesen. Er erzeugt eine etwa 100 Lichtjahre große Schockblase und einen hellen Bereich dort, wo er auf eine dichte interstellare Gaswolke trifft. An dieser Kollisionszone registrierten die Observatorien LHAASO, HAWC und H.E.S.S. ultrahochenergetische Photonen mit Energien von mehr als 100 Billionen Elektronenvolt (TeV).
Das liegt mehr als zehnmal über der Maximalleistung des stärksten Teilchenbeschleunigers am CERN. Für die Astrophysik ist das ein ziemlich ordentliches Labor – nur steht es nicht in einem Keller, sondern rund 12.000 Lichtjahre entfernt.
Warum Mikroblazare so hell wirken
Mikroblazare gelten als astronomische Miniaturausgaben von Blazaren. Es handelt sich um Röntgendoppelsterne oder enge Doppelsterne mit einem kompakten Stern – einem Neutronenstern oder Schwarzen Loch –, der Materie von einem Begleiter akkretiert. Durch diese Akkretion entsteht ein relativistischer Jet.
Der entscheidende Unterschied zu Mikroquasaren liegt in der Blickrichtung: Bei einem Mikroblazar ist der Jet annähernd auf den Beobachter ausgerichtet. Dadurch kann er sich scheinbar sogar mit Überlichtgeschwindigkeit ausbreiten. Bei manchen Röntgendoppelsternen präzedieren Akkretionsscheibe und Jet. Je nach Ausrichtung können solche Systeme deshalb zwischen Mikroquasar- und Mikroblazar-Eigenschaften wechseln. Die wechselnde Perspektive geht mit Schwankungen der scheinbaren Leuchtkraft einher.
Das Grundprinzip kennt man auch aus aktiven galaktischen Kernen. Dort fällt Materie in ein zentrales Schwarzes Loch mit einigen hunderttausend bis mehreren Millionen Sonnenmassen. Wegen der Drehimpulserhaltung bildet sich eine Akkretionsscheibe. Wechselwirkungen zwischen Plasma und einem aufgewickelten Magnetfeld erzeugen im Rahmen der Magnetohydrodynamik Jets. Sie führen überschüssigen Drehimpuls ab und beschleunigen Materie auf nahezu Lichtgeschwindigkeit.
Akkretionsscheibe und Jets senden elektromagnetische Strahlung vom Radiobereich bis zur Gammastrahlung aus. Durch den sogenannten Doppler-Boosting-Effekt erscheint die Leuchtkraft von Mikroblazaren verstärkt. Deshalb gelten sie als mögliche Erklärung für ultraleuchtkräftige Röntgenquellen und werden außerdem mit der Entstehung hochenergetischer Strahlung in Gammastrahlendoppelsternen in Verbindung gebracht.
Ein Hochenergielabor vor der Haustür
Vergleichbare Blazare wurden bislang vor allem in Milliarden Lichtjahre entfernten Zentren anderer Galaxien beobachtet. Mikroblazare eröffnen dagegen erstmals ein nahegelegenes Hochenergielabor. Weitere Beobachtungen sollen nun klären, wie sich die Teilchenbeschleunigung im Jet im Laufe der Zeit verändert.
In der Forschung tauchen unter anderem V4641 Sgr als möglicher präzedierender Mikroblazar, die Mikroblazar-Eigenschaften von LSI+61303 sowie schnelle Veränderungen kompakter Radioquellen in Arp 220 auf. Letztere könnten auf eine Population von Mikroblazaren hindeuten.
Die Studie soll im Fachblatt „Astronomy & Astrophysics“ erscheinen und ist derzeit als Preprint auf arXiv verfügbar. Währenddessen rast der Jet von IRAS 18293−0941 weiter durch die Dunkelheit – beinahe genau auf die Erde zu, nur eben durch viele Staubschichten und 12.000 Lichtjahre getrennt.
