Heute, am 2. November 2026, gibt es an der Uni Heidelberg gleich zweimal Grund, genauer hinzuschauen: Dr. Caroline M. Kolvenbach und Dr. André Pfob von der Medizinischen Fakultät Heidelberg erhalten jeweils ein Else-Kröner-Memorialstipendium der Else Kröner-Fresenius-Stiftung. Beide Förderungen laufen über zwei Jahre und sind mit jeweils 250.000 Euro dotiert.

Die Projekte liegen auf den ersten Blick weit auseinander. Kolvenbach untersucht angeborene Nierenerkrankungen und die Frage, warum sie bei manchen Betroffenen mild, bei anderen jedoch sehr schwer verlaufen. Pfob arbeitet an einer Künstlichen Intelligenz, die die Diagnostik von Brustkrebs verbessern soll. Zwei medizinische Baustellen, zwei ziemlich unterschiedliche Methoden – und doch geht es in beiden Fällen um präzisere Entscheidungen.

Wenn dasselbe Gen nicht dieselbe Krankheit bedeutet

Veränderungen im Gen HNF1B zählen zu den häufigsten genetischen Ursachen angeborener Nierenfehlbildungen. Die Folgen können erstaunlich verschieden sein: Sie reichen von milden strukturellen Veränderungen bis zu schweren Fehlbildungen, bei denen die Nierenfunktion schon früh eingeschränkt ist. Warum Patientinnen und Patienten trotz Veränderungen desselben Gens unterschiedlich schwer betroffen sind, will Dr. Caroline M. Kolvenbach herausfinden.

Kolvenbach arbeitet an der Medizinischen Fakultät Heidelberg und ist Ärztin in der Klinik I für Pädiatrische Nephrologie, Hepatologie und Transplantationsmedizin am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Heidelberg. Ihr Projekt trägt den Titel „Entschlüsselung allelabhängiger phänotypischer Unterschiede bei HNF1B-assoziierten Nierenerkrankungen“.

Dafür verbindet sie klinische und genetische Patientendaten mit experimentellen Modellen. Zum Einsatz kommen Nieren-Organoide – im Labor erzeugte Mini-Nieren aus patienteneigenen Zellen – sowie gezielt genetisch veränderte Stammzellen. An ihnen soll untersucht werden, wie unterschiedliche HNF1B-Varianten die Entwicklung der Niere beeinflussen. Langfristig könnten daraus neue Ansatzpunkte für Therapien entstehen. Bis dahin ist es allerdings noch ein gutes Stück Weg.

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Mehr Informationen aus dem Ultraschall

Bei auffälligen Brustveränderungen liefert ein Ultraschall nicht immer eine eindeutige Antwort auf die entscheidende Frage: gutartig oder bösartig? Zur weiteren Abklärung werden deshalb Gewebeproben durch Biopsien entnommen. Ein großer Teil dieser Befunde ist gutartig – für viele Frauen bedeutet das trotzdem zunächst einen Eingriff, Wartezeit und ordentlich Nervosität.

Eine zusätzliche Untersuchung könnte hier helfen. Die Scherwellen-Elastographie, kurz SWE, macht Unterschiede in der Gewebefestigkeit sichtbar. Bösartige Tumoren sind häufig härter als gutartige Veränderungen, weshalb SWE zusätzliche diagnostische Informationen liefern kann. Die ergänzende Anwendung könnte unnötige Eingriffe bei Frauen mit gutartigen Befunden reduzieren.

Ganz so einfach ist es aber nicht: Die Auswertung der SWE-Bilder ist komplex und unterscheidet sich zwischen Patientinnen. Dr. André Pfob und sein Team haben deshalb ein KI-Verfahren entwickelt, das die SWE-Bildinformationen automatisiert auswertet und die ärztliche Diagnostik unterstützen soll.

Pfob ist wissenschaftlicher Leiter der Studienzentrale Senologie an der Medizinischen Fakultät Heidelberg und Group Leader „Patient-centered AI“ am Institute for Medical AI des Universitätsklinikums Heidelberg. Außerdem arbeitet er am Brustzentrum des Onkologischen Zentrums Heidelberg – an den Standorten Universitätsklinikum Heidelberg und Klinik St. Elisabeth Heidelberg.

Vorarbeiten zeigten, dass das Verfahren Brustkrebs zuverlässig erkennen und die Zahl vermeidbarer Gewebeentnahmen verringern kann. Ab November untersucht Pfob in einer prospektiven klinischen Phase-II-Validierungsstudie, ob sich diese Ergebnisse auch unter realen Versorgungsbedingungen bestätigen. Der Projekttitel lautet „KI-gestützte Scherwellen-Elastographie zur Verbesserung der Brustkrebsdiagnostik“.

Zwei Jahre Forschung statt Klinikalltag

Das Else-Kröner-Memorialstipendium ermöglicht jungen Ärztinnen und Ärzten, sich zwei Jahre von klinischen Aufgaben freistellen zu lassen und ein medizinisches Forschungsvorhaben voranzutreiben. Dahinter steht ein klares Ziel: wissenschaftliche Selbstständigkeit und der Aufbau einer Karriere als Clinician Scientist.

2026 erhalten insgesamt neun besonders begabte Medizinerinnen und Mediziner aus deutschen Universitätsklinika jeweils 250.000 Euro. Vergeben wird die Förderung von der Else Kröner-Fresenius-Stiftung zum Gedenken an die Unternehmerin und Stifterin Else Kröner. Für Kolvenbach bedeutet das jetzt: Organoide, genetisch veränderte Stammzellen und die Suche nach den feinen Unterschieden im HNF1B-Gen. Für Pfob: SWE-Bilder, KI und die Prüfung, ob ein Verfahren aus der Forschung im echten Klinikbetrieb standhält.