Heute, am 4. November 2026, schaut die politische Welt von der Universität Heidelberg aus gebannt in die USA. Die Zwischenwahlen vom 3. November, die sogenannten Midterms, waren als Stimmungstest zur Hälfte der Amtszeit von Präsident Donald Trump gedacht. Nun haben die Demokraten beide Kammern des Kongresses zurückgewonnen – deutlicher, als viele erwartet hatten.

Die politische Landschaft der Vereinigten Staaten war schon vor der Wahl stark polarisiert. Umso größer ist das Echo dieses Ergebnisses: Es geht um Donald Trump und das Weiße Haus, um die weitere politische Entwicklung der USA und um die transatlantischen Beziehungen zu Europa. Im Gespräch mit Moderator Jens Wolters ordnet Prof. Dr. Manfred Berg von der Universität Heidelberg die Lage ein. Berg ist Historiker und Experte für die Geschichte der Vereinigten Staaten. Er spricht darüber, warum das historische Fundament der USA unter Druck steht, wie tief die gesellschaftlichen Spaltungen reichen und was die Midterms für das Verhältnis zwischen den USA und Europa bedeuten.

Unzufriedenheit mit Trump bringt die Wende

Im Senat verfügen die Demokraten vorläufig über 54 von 100 Sitzen; in zwei Staaten läuft die Auszählung noch. Im Repräsentantenhaus halten sie derzeit 228 von 435 Sitzen, in 68 Wahlbezirken ist die Auszählung noch nicht abgeschlossen. Ihre Mehrheit gilt dort aber bereits als gesichert.

Ausschlaggebend war vor allem die große Unzufriedenheit mit Trump. Seine Zustimmungswerte lagen laut Umfragen auf einem historischen Tiefstand, viele Wahlversprechen aus dem Jahr 2024 seien nicht umgesetzt worden. Wähler machten ihn für die hohen Lebenshaltungskosten verantwortlich. Benzin- und Energiepreise blieben hoch, die Inflation lag kurz vor der Wahl bei 3,7 Prozent.

Auch Trumps Zölle erschwerten laut dem Artikel die Geschäfte vieler Branchen, besonders der Farmer. Kritisiert wurden außerdem sein starker Vermögenszuwachs und wirtschaftliche Geschäfte in seinem Umfeld. Korruption war ein wichtiges Wahlkampfthema.

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Als der angekündigte „Friedenspräsident“ wurde Trump ebenfalls nicht wahrgenommen. Stattdessen begann unter seiner Regierung der Iran-Krieg, der zusätzlich auf die Energiepreise wirkte. Das harte Vorgehen gegen Migranten missfiel vielen Wählern – obwohl sich eine Mehrheit für sicherere Grenzen und eine Begrenzung der Migration ausspricht.

Trump wies die Verantwortung für das Ergebnis zurück. Er verwies darauf, dass er nicht selbst auf dem Wahlzettel gestanden habe. Im Wahlkampf hatte er allerdings dazu aufgerufen, sich vorzustellen, er stehe dort. Ein kleiner Satz mit ziemlich großer Fallhöhe.

Traditionelle Republikaner-Hochburgen kippen

Besonders umkämpft waren die Senatswahlen in Maine, Iowa, Ohio, Michigan, Kansas, Texas und Alaska. Fast alle dieser Staaten gingen an die Demokraten; in Alaska dauerte die Auszählung noch an. In Texas hatte zuletzt 1988 ein Demokrat einen Senatssitz gewonnen, in Kansas lag der letzte demokratische Sieg bei einer Senatswahl sogar im Jahr 1932.

Weitere Erfolge gab es in South Carolina und in wechselhaften „Swing States“ wie North Carolina. Die gewonnenen Senatssitze sind jeweils sechs Jahre gesichert. Wählergruppen, die 2024 wichtig für Trumps Wahlsieg gewesen waren, kehrten teilweise zu den Demokraten zurück, darunter Latinos. Besonders groß war der Zuspruch bei jungen Wählern.

Auch bei den Gouverneurswahlen gelangen historische Erfolge: Keisha Lance Bottoms wird in Georgia die erste schwarze Gouverneurin der USA. In New Mexico wurde Deb Haaland als erste indigene Frau zur Gouverneurin gewählt. Republikanische Wahlkreis-Neuzuschnitte, unter anderem in Texas, konnten den Stimmenzuwachs der Demokraten nicht verhindern. Selbst die umfangreiche Wahlwerbung des Unternehmers Elon Musk zugunsten der Republikaner in Texas blieb ohne den gewünschten Effekt.

Mehr Kontrolle, aber kein freier Durchmarsch

Der bisherige Kongress beendet seine Amtszeit am 3. Januar 2027 um 12 Uhr. Danach tritt der neu gewählte Kongress zusammen. Die demokratische Mehrheit in beiden Kammern vergrößert den politischen Einfluss der Partei, reicht aber nicht für eine grundlegende Neuausrichtung der US-Politik.

Im Senat sind für viele zentrale Vorhaben mindestens 60 Stimmen erforderlich. Die Demokraten werden deshalb häufig auf republikanische Unterstützung angewiesen sein. Trump kann beschlossene Gesetze mit einem Veto blockieren; überstimmen ließe sich ein Veto nur mit einer Zweidrittelmehrheit in beiden Kammern, wofür zahlreiche republikanische Stimmen nötig wären.

Mehr Einfluss bekommen die Demokraten auf den Haushalt. Sie können republikanische Gesetzesvorhaben blockieren und wichtige Personalentscheidungen Trumps verhindern. Der Präsident kündigte zwar Zusammenarbeit an, deutete zugleich aber ein stärkeres Veto-Verhalten an. Schon vor der Wahl hatte er sich als künftigen „Mr. Veto“ bezeichnet.

Präsidiale Dekrete könnten Trump weiterhin ermöglichen, den Kongress zu umgehen. Zugleich können die Demokraten seine Regierung künftig deutlich stärker kontrollieren: Sie können Untersuchungen gegen Trump und Kabinettsmitglieder einleiten, Aussagen erzwingen und interne Dokumente anfordern. Mögliche Themen sind die Geschäfte der Trump-Familie, der Iran-Krieg und das Vorgehen der Migrationsbehörden. Untersuchungsergebnisse könnten die Grundlage für weitere Amtsenthebungsverfahren bilden, deren Erfolgsaussichten allerdings als gering gelten.

Beobachter erwarten, dass Trump nach der Niederlage aus Ärger und gekränktem Stolz möglicherweise aggressiver regieren könnte. Er dürfte vermeiden wollen, bereits in den letzten beiden Jahren seiner Amtszeit als politisch handlungsunfähige „lahme Ente“ wahrgenommen zu werden.

Republikaner blicken bereits auf 2028

Die Niederlage schwächt Trump voraussichtlich auch innerhalb der Republikanischen Partei. Schon im Wahlkampf distanzierten sich einzelne Republikaner vom Zollkonflikt mit Kanada, von Trumps Ukraine-Politik und seiner Annäherung an Moskau sowie vom Iran-Krieg.

Bisher vermieden republikanische Politiker einen offenen Bruch mit Trump – aus Angst vor seinem Einfluss bei Vorwahlen und vor Sanktionen durch seine Anhänger. Nach den Midterms könnten nun mehr Republikaner offen Kritik äußern. Der politische Fokus richtet sich zunehmend auf die Präsidentschaftswahl 2028. Trump darf laut Verfassung nicht erneut antreten. Als mögliche republikanische Kandidaten werden vor allem Vizepräsident JD Vance und Außenminister Marco Rubio genannt.

Wenn weitere Bewerber hervortreten, dürfte eine Debatte über die Zukunft der Republikanischen Partei nach Trump beginnen. Viel Zeit bleibt dafür nicht, auch wenn der Wahlkalender noch nicht laut tickt.

Demokratisches Comeback mit offenen Fragen

Für die Demokraten wirkt der Wahlsieg wie ein Comeback nach ihrer Niederlage bei der Präsidentschaftswahl 2024. Innerhalb der Partei herrscht allerdings weiterhin keine Einigkeit über Strategie, politische Inhalte oder Führungspersonal für 2028.

Die verschiedenen Wahlerfolge zeigen eine große ideologische und personelle Bandbreite. James Talarico gewann in Texas mit gemäßigter, christlich geprägter und konservativ wirkender Rhetorik. Abdul El-Sayed siegte in Michigan als Vertreter des linken Parteiflügels und mit pro-palästinensischen Positionen. Sherrod Brown gewann in Ohio als älterer Kandidat mit einem traditionelleren politischen Profil.

Welche politische Linie die Demokraten künftig verfolgen wollen, ist damit keineswegs geklärt. Eine eindeutige Führungsfigur gibt es weiterhin nicht. Offen bleibt auch, ob die Partei aus eigener Stärke gewann oder vor allem von Trumps Schwäche profitierte – und ob die derzeitige politische Stimmung bis zur Präsidentschaftswahl 2028 anhält.

Für Europa ist das Ergebnis trotzdem schon jetzt relevant. Ein geteilter Kongress kann Trumps Spielraum begrenzen, garantiert aber keine Rückkehr zu früherer Verlässlichkeit in der Außenpolitik. Gerade deshalb lohnt der Blick auf die Geschichte, sagt Manfred Berg: Sein Buch „Amerikas Demokratie. Eine kurze Geschichte von der Unabhängigkeit bis Donald Trump“ ist am 16. Mai 2026 bei Klett-Cotta erschienen, ISBN 978-3608989090.

Der Beitrag wurde erstmals am 29. Oktober 2026 um 9:28 Uhr veröffentlicht. Letzter Stand ist der 4. November 2026, 14:37 Uhr. Ausgestrahlt wurde „SWR1 Leute“ auf SWR1 Baden-Württemberg am 4. November 2026 um 10:00 Uhr.