An der Universität Hildesheim läuft eine landesweite Suche nach Menschen, die in der niedersächsischen Kinder- und Jugendhilfe Gewalt oder sexualisierte Gewalt erlebt oder beobachtet haben. Gemeint sind Erfahrungen aus den 1970er- bis 2010er-Jahren – und zwar nicht nur aus Heimen, sondern auch aus Pflegefamilien, Wohngruppen und Angeboten der Jugendarbeit.

Die Forschenden wollen Betroffene und Zeugen erreichen, um Gewalt und sexualisierte Gewalt in diesen Bereichen aufzuarbeiten. Gesucht werden auch Hinweise auf Personen und Einrichtungen, die für weitere Recherchen wichtig sein könnten. Gefördert wird die Studie vom niedersächsischen Wissenschaftsministerium.

Anonym melden oder persönlich sprechen

Für Erfahrungsberichte und Hinweise gibt es ein eigenes Online-Portal. Es richtet sich an Menschen, die Gewalt in der Kinder- und Jugendhilfe in Niedersachsen erlebt oder beobachtet haben. Die Meldung ist anonym und niedrigschwellig möglich. Das Portal ist unter https://s2survey.net/jhaufarbeitung/ erreichbar und bleibt bis zum 31. August 2027 geöffnet.

Das Forschungsteam versichert eine strikte Anonymisierung aller Angaben. Wer lieber direkt spricht, kann außerdem ein persönliches Interview vereinbaren. Fragen, Anmerkungen und Kontaktaufnahmen sind per E-Mail an jhaufarbeitung@uni-hildesheim.de möglich.

Die Universität bittet darum, Informationen über das Portal an weitere Betroffene oder Beobachtende weiterzugeben. Nach Abschluss der Befragung sollen die Ergebnisse auf der Projekthomepage der Universität Hildesheim veröffentlicht werden.

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Ein dunkles Kapitel mit langen Schatten

Sexualisierte Gewalt in Heimen der DDR und der Bundesrepublik Deutschland zählt zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Nachkriegsgeschichte. Für viele Betroffene reichen die Folgen bis ins hohe Alter. Sie kämpfen noch immer um Anerkennung des erlebten Unrechts, während die Aufarbeitung vielfach von ihnen selbst angestoßen wurde und längst nicht abgeschlossen ist.

Nach 1945 waren Mitarbeitende in Heimen sowie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie teilweise von nationalsozialistischem und rassistischem Gedankengut geprägt. In Einrichtungen der Behindertenhilfe wirkte das Euthanasie-Denken fort. Betroffene aus Ost- und Westdeutschland berichteten der Aufarbeitungskommission von sexualisierter, psychischer und körperlicher Gewalt. Besonders gravierend waren die Menschenrechtsverletzungen in den 1950er- und 1960er-Jahren.

Unter dem Einfluss der 1968er-Bewegung und der Reformpädagogik verbesserten sich die Zustände anschließend allmählich. Doch auch danach begünstigten institutionelle Strukturen sexuellen Missbrauch und seine Vertuschung, wie beim 6. öffentlichen Hearing der Kommission deutlich wurde. Dort berichteten Betroffene, Fachkräfte, Aufarbeitende und Kommissionsmitglieder über Gewalt in Heimen seit 1945.

Im Heim Torgau waren mehr als 6.000 Jugendliche untergebracht. Eine Betroffene bezeichnete die dortigen Erfahrungen als lebenslang prägend. Berichte an die Kommission sowie Studien wie das „Testimony Projekt“ und „Ausgeliefert und verdrängt“ zeigen außerdem, dass viele Menschen multiple Gewalterfahrungen machten.

Gewalt, verwehrte Bildung und fehlende Akten

Ehemalige Heimkinder berichteten deutlich häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung von sexualisierter Gewalt. In einigen Befragungen gaben rund 80 Prozent körperliche Gewalt an. Auch psychische Gewalt durch Mitarbeitende war weit verbreitet. Vielen Kindern und Jugendlichen wurden Bildungswege verwehrt; zahlreiche Betroffene leben heute in Armut.

Die Heimkindheit wird von vielen als Stigma erlebt. Soziale Isolation und Schwierigkeiten beim Vertrauensaufbau gehören zu den häufigen Folgen, und für viele setzt sich das Unrecht bis heute fort. Heimträger oder deren Rechtsnachfolger haben sich bislang nur in wenigen Fällen der Aufarbeitung gestellt. Eine umfassende Erinnerungskultur – etwa eine offizielle Entschuldigung im Parlament – fehlt.

Akten können für Betroffene entscheidend sein: Sie helfen, die eigene Herkunft und Lebensgeschichte zu klären, etwa die Gründe für die Heimunterbringung oder spätere Kontaktversuche der Eltern. Oft sind Unterlagen jedoch nicht auffindbar, vernichtet oder werden zurückgehalten. Entschädigung bleibt deshalb ein zentrales Anliegen, gerade wegen der häufig verwehrten Bildungswege und der daraus entstandenen Armut. Gefordert wird auch eine staatliche Übernahme von Verantwortung.

Eine Studie untersucht, welche psychosoziale Versorgung ehemalige Heimkinder mit sexualisierten Gewalterfahrungen im Alter benötigen. Daraus sollen zudem Weiterbildungsvorschläge für psychosoziale Fachkräfte in der Altenpflege entstehen. Ein online verfügbarer Rechercheratgeber soll Betroffenen helfen, eigenständig nach Akten zu suchen und diese einzusehen; seine Veröffentlichung ist für 2026 geplant.

Aufarbeitung in Ost und West

Seit 2016 haben 149 Betroffene der Kommission über sexualisierte und weitere Formen von Gewalt in Heimen berichtet. Die Kommission führte bereits 2016 erste Werkstattgespräche mit Fachleuten zur DDR-Heimerziehung und untersuchte den Schwerpunkt anschließend vertieft.

Am 4. Juli 2023 beschäftigte sich ein Fachgespräch in Magdeburg mit sexueller Gewalt in sogenannten totalen Institutionen der DDR, darunter Spezialheime, Jugendwerkhöfe und venerologische Stationen. Am 18. März 2025 folgte in Potsdam ein Fachgespräch zu sexuellem Kindesmissbrauch in der DDR und Menschen mit Behinderungen. Rund 100 Gäste nahmen teil. Es war die dritte regionale Veranstaltung der Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs in der DDR und wurde gemeinsam mit der Brandenburger Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur durchgeführt.

In Hildesheim geht die Suche nun für Niedersachsen weiter. Wer etwas erlebt oder gesehen hat, kann den Bericht online hinterlassen, Kontakt zum Forschungsteam aufnehmen oder die Information weiterreichen – manchmal ist genau dieser Hinweis der Faden, an dem eine lange verdrängte Geschichte wieder sichtbar wird.