Halloween ist längst auch bei Kita-Kindern angekommen. Zwischen Zombiekostümen, Vampirumhängen und kleinen Horror-Clowns wird sich gegruselt, was das Zeug hält – manchmal zur Freude der Kinder, manchmal zum Stirnrunzeln der Eltern. Warum aber macht Angst überhaupt Spaß?

Dr. Volker Pietsch von der Universität Hildesheim beschäftigt sich unter anderem mit dem Horror-Genre. Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für … untersucht, warum Menschen sich gerne gruseln, was sie an Horror fasziniert und ob Eltern ihre Kinder an Halloween vor zu viel Schrecken schützen müssen. Auch die Frage, wie Grusel-Rituale Menschen stärken können, gehört dazu.

Wenn kleine Monster plötzlich Sinn ergeben

Eine ähnliche Beobachtung schildert Friederike Trudzinski in ihrem am 28.10.2026 veröffentlichten Artikel „Warum sich kleine Monster so gern gruseln“. Die Autorin beschreibt sich selbst als sehr schreckhaft. Ihre Söhne betrachtete sie an Halloween zunächst verständnislos in Zombiekostümen. Später verstand sie, warum die beiden unheimliche Rollenspiele besonders mögen.

Das passt zu den Fragen, die Pietsch im Interview aufwirft: Kinder spielen mit dem Unheimlichen, bleiben dabei aber in einem vertrauten Rahmen. Das Monster trägt ein Kostüm, die Szene ist ein Spiel, und irgendwo stehen vermutlich die Schuhe im Flur. Aus einem echten Schrecken wird ein Ritual, das man beginnen und wieder beenden kann.

Alarmanlage im Kopf

Halloween wird am 31. Oktober gefeiert, in der Nacht vor Allerheiligen. Der Brauch reicht zu den Kelten zurück: Bei Samhain verkleideten sich Menschen furchteinflößend, um böse Geister zu vertreiben. Gaben vor den Häusern sollten die Geister besänftigen. Irische Einwanderer brachten den Brauch im 19. Jahrhundert nach Amerika; inzwischen ist Halloween auch in Deutschland verbreitet.

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Neurowissenschaftlich betrachtet ist Angst eine Basisemotion. Sie versetzt den Körper bei Gefahr blitzschnell in Alarmbereitschaft – ein Notfallprogramm, das in der Evolution etwa bei Begegnungen mit Raubtieren überlebenswichtig war und noch immer im Menschen steckt. Jan Michael Rasimus, Leiter des Eye-Tracking-Labors der DHBW Karlsruhe, erklärt diesen Ablauf.

Der schnelle Reaktionsweg führt über die Amygdala, den Mandelkern im limbischen System. Sie bewertet Situationen emotional und kann den „Fight-or-Flight-Modus“ auslösen, noch bevor die Angst bewusst wahrgenommen wird. Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet, Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit steigen. Plötzlich wirkt jedes Geräusch im Treppenhaus verdächtig.

Erst danach arbeitet der langsamere Weg über den Kortex. Gemeinsam mit dem Hippocampus gleicht er das Erlebte mit vorhandenen Erinnerungen ab und bewertet die Gefahr rational. War das wirklich ein Monster – oder bloß der Vorhang? Gibt das Gehirn Entwarnung, kann die emotionale Reaktion nachlassen. Endorphine reduzieren den Stress und können Glücks- und Entspannungsgefühle auslösen.

Angstlust zwischen Spannung und Erleichterung

Genau in diesem Wechsel liegt für viele der Reiz. Gruseln verbindet die Wahrnehmung einer vermeintlichen Gefahr mit dem Bewusstsein, sicher zu sein und die Situation kontrollieren zu können. Erst spannt sich alles an, dann fällt die Anspannung ab. Dieses Hin und Her wird häufig als Hochgefühl erlebt und bietet für viele Menschen eine ungewöhnliche Stimulation im Alltag.

In der Psychologie heißt dieses Gefühl „Angstlust“. Es erklärt unter anderem, warum True-Crime-Formate so viele Menschen fesseln: Die Gefahr bleibt auf dem Bildschirm oder im Kopfhörer, während der eigene Sessel ziemlich sicher stehen bleibt. Bei Kindern übernehmen Rollenspiele, Kostüme und Grusel-Rituale eine ähnliche Funktion – mit klebrigen Süßigkeiten in der Hand und manchmal etwas zu viel Kunstblut im Gesicht.

Ob Eltern ihre Kinder an Halloween schützen müssen, hängt deshalb auch davon ab, wie die jeweilige Situation erlebt wird. Pietsch beschäftigt sich mit der Frage, wie Grusel-Rituale Menschen stärken können. Entscheidend ist der geschützte Rahmen: Das Unheimliche darf ausprobiert werden, ohne dass daraus eine reale Bedrohung wird.

Warum der Clown kippt

Typische Halloween-Figuren sind Zombies, Vampire und Horror-Clowns. Gerade der Clown kann irritieren, weil er normalerweise positiv besetzt ist, durch Verkleidung und Verhalten aber bedrohlich wirkt. Dieser Widerspruch macht die Figur schwer einschätzbar.

Schminke oder Masken erschweren außerdem das Erkennen von Mimik und Emotionen. Die Angst vor Clowns wird als Coulrophobie bezeichnet. Verkleidungen können zudem den „Uncanny-Valley-Effekt“ auslösen: Unbehagen entsteht bei Figuren, die Menschen stark ähneln oder sich ähnlich bewegen, aber nicht wirklich menschlich sind.

Am 29. Oktober 2026 erschien das Interview mit Dr. Volker Pietsch; später am selben Tag wurde der Artikel aktualisiert. Heute, am 30.10.2026, ist an der Uni Hildesheim also noch Zeit für die letzte Runde Skepsis vor dem Halloween-Abend. Oder für die Maske. Beides kann ziemlich überzeugend sein.