In Frankreich sind die Proteste am 17. Oktober 2026 erneut eskaliert. Nach einer vorläufigen Bilanz wurden rund 2400 Menschen festgenommen, mehr als 3000 Geschäfte geplündert. In Limoges brannte das Rathaus. Das 143 Jahre alte Gebäude sei zu großen Teilen zerstört, sagte Präfekt Maurice Barate.

Begonnen hatte die Bewegung vor etwa einem Monat mit Schülerstreiks für bessere Lernbedingungen. Inzwischen gehen unterschiedliche Gruppen auf die Straße: Jugendliche aus den Banlieues protestieren gewaltsam gegen langjährige Benachteiligung und Diskriminierung, die Gelbwesten im ländlichen Frankreich gegen Inflation und hohe Lebenshaltungskosten. Linke und rechte Parteien stehen zugleich unter dem Verdacht, die Unruhe mit Blick auf die im kommenden Jahr anstehende Präsidentschaftswahl für eigene Interessen zu nutzen.

Zwischen Tränengas und Wut

Die 32-jährige Kasselerin Joséphine Hein war am Wochenende in Paris. Als sie am Sonntagabend zurückkam, roch es nach Tränengas. Sie sah Glasscherben und ausgebrannte Autos, teilweise ausgeschaltete Straßenlaternen – und eine U-Bahn, die an der Station La République nicht hielt. Hein vermutet, dass damit Versammlungen von Demonstrierenden erschwert werden sollten.

Die 90 Prozent friedlicher Proteste würden in der Berichterstattung kaum sichtbar, kritisiert Hein. Stattdessen gehe es vor allem um Krawalle, weniger um deren Ursachen. Den Brand des historischen Rathauses in Limoges nennt sie schlimm. Den eigentlichen Skandal sieht sie aber in Polizeigewalt, etwa beim Einsatz von Schockgranaten, die in anderen EU-Ländern geächtet seien.

„Systemische Gewalt“ entstehe auch durch Armut, hohe Spritpreise und steigende Mieten, sagt Hein. Viele Menschen könnten sich das Leben nicht mehr leisten. Deshalb unterstützt sie die Demonstrationen – trotz der Bilder, bei denen einem der Atem stockt.

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Die 63-jährige Französin Francoise Kühn lebt seit fast 40 Jahren in Kassel und verfolgt die Ereignisse. Die aktuellen Entwicklungen tun ihr nach eigener Aussage besonders weh. Für Schüler und Lehrer, die bessere Bedingungen fordern, hat sie Verständnis. Dass vor allem Chaos und Zerstörung gezeigt würden, führt sie darauf zurück, dass verschiedene politische Gruppen die Proteste für sich nutzen.

Kühn nennt La France insoumise unter Präsidentschaftskandidat Jean-Luc Mélenchon und den rechtspopulistischen Rassemblement National von Marine Le Pen. Beide Seiten instrumentalisierten die Ausschreitungen, sagt sie. Darin sieht Kühn einen Grund für die schrittweise Eskalation. Plünderungen lehnt sie ab, weil Ladeninhaber nichts für die Wut der Demonstrierenden könnten. Autos und historische Gebäude anzuzünden, sei nicht akzeptabel. Den Frust könne sie nachvollziehen, Gewalt aber nicht.

Schulen als Ausgangspunkt

Seit dem 21. September 2026 protestieren Schüler*innen in ganz Frankreich gegen die Unterfinanzierung des Bildungswesens. Genannt werden Lehrkräftemangel, überfüllte Klassen und unzureichende Schulgebäude. An fast 340 Schulen gab es Proteste, manche wurden blockiert. Innenminister Laurent Nuñez meldete knapp 340 betroffene Schulen, mehr als 30 Verletzte und 440 Festnahmen; die Polizei nahm mindestens 440 Menschen fest.

Vor dem Lycée Auguste Renoir in Asnières-sur-Seine versammelten sich rund 200 Schüler. Die 17-jährige Prunelle kritisierte marode Gebäude sowie fehlende Tische und Stühle. Auch Eltern kamen aus Sorge um ihre Kinder. Am Vortag hatte die Polizei versucht, eine Schulblockade aufzulösen. Nach Angaben der Schülerin Eden setzte sie dabei Tränengas gegen ein friedliches Sit-in ein.

Eden berichtete außerdem von fehlenden Toiletten und Lehrermangel. Ein Jahr lang habe sie keinen Mathematikunterricht gehabt, weil eine vakante Lehrerstelle nicht besetzt worden sei. Am Lycée Auguste Renoir kündigten Schüler weitere Proteste an; für Donnerstag wurde zu einem weiteren landesweiten Aktionstag aufgerufen.

Die Proteste verliefen laut Human Rights Watch nahezu vollständig friedlich, auch wenn einzelne Beteiligte Gewalt anwandten. Bei den landesweiten Aktionen kam es zu brennenden Müllcontainern und Zusammenstößen zwischen Jugendlichen und Polizei. In sozialen Medien waren zudem Angriffe auf Lehrkräfte zu sehen.

Im Pariser Vorort Saint-Denis blockieren Jugendliche seit Ende der Vorwoche das Lycée Paul Eluard. Bürgermeister Bally Bagayoko von der linkspopulistischen Partei LFI besuchte die Schule wiederholt und wurde von den Jugendlichen gefeiert. Bagayoko war selbst Schüler dort. Gewalt könne legitim sein, solle aber vermieden werden, wenn dies möglich sei, sagte er. Premierminister Sébastien Lecornu warf ihm daraufhin vor, die Proteste politisch zu instrumentalisieren.

Schwere Vorwürfe gegen die Polizei

Bei den Einsätzen gegen die Proteste setzten schwer bewaffnete Bereitschaftspolizisten unter anderem Tränengas, Blendgranaten, Schlagstöcke und Gummigeschosse ein. Ein 15-jähriger Junge verlor durch eine polizeiliche Blendgranate eine Hand. Ein 14-jähriger Junge erlitt durch eine aus nächster Nähe abgefeuerte Tränengaskartusche einen zertrümmerten Kiefer.

Die Regierung kündigte eine vorübergehende Aussetzung des Einsatzes von Blendgranaten an. Seit Beginn der Demonstrationen wurden Berichten zufolge mehr als 6.800 Menschen festgenommen, offenbar waren 86 Prozent davon Kinder. Die Behörden leiteten Berichten zufolge 36 interne Ermittlungen wegen mutmaßlichen Fehlverhaltens der Polizei ein. Laut Human Rights Watch führen solche internen Überprüfungen in Frankreich allerdings nur selten zu tatsächlicher Rechenschaft.

Die Menschenrechtsorganisation dokumentierte bereits bei der Gelbwesten-Bewegung 2018 schwere Verletzungen durch Polizeieinsätze. Auch die Proteste gegen die Rentenreform 2023 und Umweltdemonstrationen waren von Polizeigewalt geprägt. Die aktuellen Schülerproteste begannen an Schulen in Arbeitervierteln, in denen rassifizierte Jugendliche laut Human Rights Watch regelmäßig Schikanen durch die Polizei und staatliche Gewalt erleben und fürchten.

Seit Anfang 2026 wird außerdem ein Gesetzentwurf beraten, der Polizeibeamten beim Einsatz ihrer Schusswaffen eine „Rechtmäßigkeitsvermutung“ einräumen würde. Menschenrechtsgruppen warnen, die geplanten Änderungen könnten die Schwelle für den Schusswaffengebrauch senken und die Polizei stärker vor gerichtlicher Kontrolle schützen.

Politischer Sprengstoff vor der Wahl

Die Schülerproteste fielen mit einer bereits geplanten landesweiten Großdemonstration zusammen. Zwischen 200.000 und 300.000 Menschen gingen auf die Straße, darunter Feuerwehrleute, Beschäftigte des öffentlichen Dienstes, Gewerkschaften und viele Lehrkräfte. Sie kritisierten niedrige Löhne und die schlechte Ausstattung der Schulen. Die LFI-Parteiführung um Jean-Luc Mélenchon nahm teil; Mélenchon rief Jugendliche und Eltern zum Weiterprotest auf und sprach von Polizeigewalt.

Der Kasseler Historiker Jörg Requate, der Geschichte Westeuropas vom 18. bis 20. Jahrhundert lehrt, sieht die aktuelle Lage vor dem Hintergrund ungelöster Probleme. Bereits 2024 sagte er mit Blick auf die Rentenproteste, Präsident Emmanuel Macron habe das Land nicht befrieden können. Macron habe weder eine substanzielle Rentenreform durchgesetzt noch die Staatsausgaben konsolidiert. Während seiner Präsidentschaft seien die Staatsschulden dramatisch gestiegen. Nun werde besonders in ohnehin unterfinanzierten Bereichen gespart.

Das französische Schulwesen befinde sich in einem katastrophalen Zustand, sagt Requate. Die bevorstehende Präsidentschaftswahl verschärfe den Konflikt, weil linke und rechte Kräfte die Proteste für sich nutzten. Einen Wahlsieg von Marine Le Pen oder Jean-Luc Mélenchon bezeichnet der Historiker als wenig beruhigende Aussicht.

Einen direkten Zusammenhang zwischen der Gewalt und einer nationalen Tradition oder der Französischen Revolution sieht Requate nicht. Allerdings sei die Exekutive in Frankreich stark, während die Parteien geschwächt seien. Straßenproteste seien deshalb häufig der einzige Weg, mit politischen Anliegen Gehör zu finden. Radikale Kräfte hätten dadurch leichtes Spiel. Draußen in Paris riecht es derweil weiter nach Rauch, Gas und nassem Asphalt.