An der Universität Kassel geht es seit August um mehr als Wärmepumpen, E-Autos und Solaranlagen. Das Käte-Hamburger-Kolleg „Rohstoffwelten – Kulturen im Umbruch“ hat die Arbeit aufgenommen und ist nun offiziell eröffnet worden. Zwölf Jahre lang wollen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus verschiedenen Ländern und Disziplinen untersuchen, wie Rohstoffe Gesellschaften prägen – und welche sozialen und kulturellen Folgen die Energiewende hat.

Das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt stellt dafür 20 Millionen Euro bereit. Für Hessen ist das Kolleg das erste seiner Art; bundesweit gibt es sieben weitere Käte-Hamburger-Kollegs zu anderen Themen. Der Ort passt: Kassel ist Universitätsstadt, documenta-Stadt und, wenn man so will, ein ziemlich guter Seismograf für die Frage, wie große Zukunftsideen im Alltag ankommen.

Rohstoffe sind nie nur Technik

Wissenschaftlich geleitet wird das Kolleg von Mi You, Professorin für Kunst und Ökonomie, und Hans-Jürgen Burchardt, Professor für internationale Politik. Beteiligt sind sieben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Frankreich, Österreich, Singapur und Kanada. Sie berichten unter anderem über soziale und ökologische Folgen von Elektrifizierung und Rohstoffabbau in ihren Ländern.

Im Zentrum steht der Übergang von fossilen Energieträgern und Rohstoffen zu einer postfossilen Ära. Das Kolleg betrachtet diesen Wandel global und umfassend: Wie werden Rohstoffe gefördert, genutzt und weiter zirkuliert? Wie werden sie in gesellschaftliche und kulturelle Zusammenhänge eingebunden – und welche sozialen Ordnungen entstehen daraus?

Der Forschungsansatz heißt „Transformation mit den Menschen denken“. Nach Darstellung des Kollegs kann der Wandel nur gelingen, wenn er kulturelle Veränderungen fördert, im Alltag von Institutionen und Bevölkerung verankert wird und an bestehende Strukturen sowie kulturelle Deutungen anknüpft. Auch Ängste vor Veränderungen sollen berücksichtigt werden. Ziel ist Orientierungswissen für eine nachhaltige Zukunft.

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Die Energiewende werde häufig vor allem als technisches Projekt behandelt, sagen die Leiter. Elektromobilität, Photovoltaik, Wärmepumpen und grüner Wasserstoff stehen dann im Vordergrund. Das Kolleg schaut zusätzlich auf Ängste, Identität und gesellschaftliche Akzeptanz. Laut Burchardt verändert die Energiewende nicht nur die Energieversorgung, sondern auch Lebensstile, Wohnformen, Mobilität und alltägliche soziale und kulturelle Praktiken.

Nach Auffassung der Wissenschaftler braucht jede Energieepoche eine überzeugende gesellschaftliche Erzählung. Der frühere Wechsel von Kohle zu Gas sei ebenfalls politisch vermittelt worden. Werbung habe über Jahrzehnte dazu beigetragen, Verbrennungsmotoren und Autos als Statussymbole darzustellen. Mi You sieht deshalb Kunst und Kultur als wichtige Mittel, um Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung verständlich zu machen. Als Beispiel nennt sie Kim Stanley Robinsons Roman „Das Ministerium für die Zukunft“, der politische Ideen zur Bekämpfung des Klimawandels für ein breites Publikum zugänglich mache.

Politik, Tankrabatt und ein Theaterauftritt

Den größten Handlungsspielraum sieht Burchardt weiterhin bei der Politik. Den Tankrabatt kritisiert er deutlich: Drei Monate lang seien dafür 2,5 Milliarden Euro Steuergeld eingesetzt worden. Stattdessen hätte das Geld seiner Ansicht nach in eine bessere Ladeinfrastruktur für Elektroautos fließen sollen. Das 9-Euro-Ticket habe im gleichen Zeitraum ebenso viel gekostet und die Popularität des öffentlichen Nahverkehrs deutlich gesteigert.

Politik müsse Ängste ernst nehmen und funktionierende Angebote schaffen. Derzeit nehme die Bevölkerung vor allem Belastungen wahr. Deutschland verfüge laut Burchardt über ausreichende finanzielle Mittel für die aktuellen Herausforderungen; das zentrale Problem liege seiner Einschätzung nach in der Energie- und Rohstoffpolitik. Maßnahmen wie Windenergie und Solarstrom seien bekannt, würden aber nicht überzeugend genug vermittelt.

Bei der Eröffnungsfeier im Kasseler Staatstheater bezeichnete Oberbürgermeister Sven Schoeller (Grüne) das Institut als Stärkung der internationalen Ausrichtung des Universitätsstandorts. Wissenschaftsminister Timon Gremmels (SPD) erklärte per Videobotschaft, das Kolleg sei ein Impuls für die Spitzenforschung der Universität Kassel und habe Bezüge zur documenta im Folgejahr. Den interdisziplinären Ansatz nannte Gremmels wegweisend.

Uni-Präsidentin Ute Clement betonte die Bedeutung des Kollegs für die Universität und die Kasseler Bevölkerung. Ergebnisse und Perspektiven der internationalen Forschenden sollen über Lehrangebote sowie Kooperationen mit dem documenta-Institut und dem Staatstheater in die Gesellschaft getragen werden.

Wie das aussehen kann, zeigt Burchardt am 22. Oktober im Fredericianum: Dort will er seine Perspektiven für Politik und Wirtschaft als Theaterstück mit wissenschaftlicher Performance präsentieren. Er tritt dabei erstmals als Schauspieler auf. Ein Professor auf der Bühne – das ist zumindest kein ganz alltäglicher Forschungsbericht.

Vom Campus in die Stadt

Für die Vernetzung sorgt das Kolleg nicht allein. Es verbindet die geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung der Universität Kassel mit dem Centro de Estudios Latinoamericanos (CELA), dem Kassel Institute for Sustainability und dem documenta Institut. Der Wissenstransfer soll im Dialog mit der Gesellschaft erfolgen.

Ein eigenes Transfer|Forum richtet sich an regionale Akteur*innen, die Zivilgesellschaft, Schulen und künstlerische Netzwerke. Gemeinsam mit dem SDG+ Lab, das im Rahmen der Bund-Länder-Initiative „Innovative Hochschule“ gefördert wird, werden neue Formen des Wissensaustauschs erprobt. Geplant sind CitizenLabs zur gemeinsamen Entwicklung von Zukunftsfragen, öffentliche Debatten und Diskussionsforen, Artist Talks sowie künstlerisch-experimentelle Formate.

Das ist durchaus folgerichtig: Wer über Rohstoffe, Mobilität und Energie spricht, landet schnell bei Fragen, die nicht im Seminarraum bleiben. Wer zahlt? Wer profitiert? Wer muss seine Wohnung umbauen, seinen Arbeitsplatz wechseln oder auf ein Auto verzichten? Und wer wird eigentlich gefragt, bevor sich etwas verändert?

Die Energiewende umfasst den Ersatz fossiler Energieträger durch erneuerbare Energien bei der Stromerzeugung, Energieeinsparungen, effizientere Geräte und Gebäude sowie klimafreundliche Heizsysteme. Neben ökologischen gibt es soziale Folgen. Haushalte werden durch Strom- und Wärmekosten unterschiedlich stark belastet; in einigen Branchen gehen Arbeitsplätze verloren, in anderen entstehen neue. Staatliche Maßnahmen sollen diese sozialen Auswirkungen berücksichtigen.

Die soziale Seite der Energiewende

Das Öko-Institut untersucht, welche Beiträge verschiedene soziale Gruppen leisten können, wie unterschiedlich gesellschaftliche Gruppen von Maßnahmen betroffen sind und wie gezielte Unterstützung eine sozial ausgewogene Transformation ermöglichen kann. Auf energiewende.de werden Forschungsergebnisse zu Klimaschutz in Deutschland, der EU und weltweit gebündelt – ebenso zu Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft, zu Auswirkungen auf Energieinfrastruktur, Mobilität, Privathaushalte sowie Wald- und Landwirtschaft und zu den politischen, technologischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen der Energiewende.

Wie dringend der Blick auf Regionen und Kommunen ist, zeigt der Blogbeitrag „Local Heroes gesucht: Warum die Transformation in den Regionen und Kommunen entschieden wird“ vom 16.07.2026. Regionen sind die Orte, an denen Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt und praktisch bewertet werden; Ryan Kelly beschreibt dort die Bedeutung lokaler Akteure für den Klimaschutz.

Auch Rechenzentren rücken in den Blick. Der Beitrag „Rechenzentren als zunehmende Stromverbraucher oder als flexible Bausteine der Energiewende?“ vom 09.07.2026 behandelt ihren steigenden Stromverbrauch und die Möglichkeit, das Stromsystem durch eine flexible Steuerung zu unterstützen. Prof. Dr. Dierk Bauknecht erläutert die dafür entscheidenden Faktoren.

Unter dem Titel „Mal Rückenwind. Mal Gegenwind.“ geht es am 26.02.2026 um Voraussetzungen für den Bau von Windenergieanlagen in Kommunen. Dr. Dirk Vetter von endura kommunal berichtet über Unterstützung bei Planung und Umsetzung. Der Beitrag „Bürgerenergiegenossenschaften: Schlüsselakteure für eine sozial gerechte Energie- und Wärmewende“ vom 12.02.2026 stellt eine Studie des Öko-Instituts für die Elektrizitätswerke Schönau vor. Untersucht werden Möglichkeiten zur Teilhabe, zur Verringerung von Energiearmut und zur gerechteren Gestaltung der Energie- und Wärmewende.

Ein aktuelles Projekt fragt außerdem, wie 16- bis 21-Jährige in Brandenburg über Klimaschutz sowie Energie- und Verkehrspolitik denken. Unter dem Titel „Klima egal? Einstellungen und Argumentationsmuster zum Klimaschutz unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Brandenburg“ werden ihre Einstellungen und Argumentationsmuster untersucht, um ihre Sichtweisen besser zu verstehen.

Das Projekt „Bürgerenergie