Im Gedenken der Kinder: Kasseler Studierende recherchieren NS-Verbrechen an behinderten Kindern und Jugendlichen
Im Ständehaus Kassel hängen ab dem 1. Oktober bis zum 13. November 2026 Tafeln, Dokumente und Lebensgeschichten, die schwer auszuhalten sind. Die Ausstellung „Im Gedenken der Kinder“ erinnert an Verbrechen an Kindern mit Behinderungen während der NS-Zeit. Heute, am 15. Oktober 2026, ist sie geöffnet – mitten in Kassel, Ständeplatz 6–10.
Mehr als 5.000 Kinder und Jugendliche wurden laut Ausstellung in sogenannten „Kinderfachabteilungen“ misshandelt und ermordet. Beteiligt waren niedergelassene Ärzte, Behörden und Krankenhäuser. Die Verbrechen geschahen nicht irgendwo im Verborgenen, sondern im Alltag, in Anstalten und anderen Einrichtungen. Die Wanderausstellung stammt von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. Für Kassel wurde sie mit Material aus dem Archiv des Landeswohlfahrtsverbands Hessen ergänzt.
Zwei Kinder aus der Region
Studierende der Universität Kassel haben unter Leitung des Historikers Dominik Reeg und in Begleitung der Medizinhistorikerin Marion Hulverscheidt Einzelschicksale aus der Region recherchiert. Eines davon ist das von Annemarie Ruthard.
Annemarie wurde 1935 geboren und kam mit zweieinhalb Jahren in eine Hephata-Anstalt in Treysa. Ein ärztliches Gutachten diagnostizierte bei ihr „angeborene Idiotie mit schweren zerebralen Störungen“. Ihre Eltern erkundigten sich regelmäßig per Brief nach ihr und schickten Pakete. Am 7. Dezember 1937 bestätigte die Anstaltsleitung den Erhalt eines Nikolauspakets.
Im Februar 1938 wurde Annemarie als sehr unruhig und unsauber beschrieben. Sie schrie nachts häufig, konnte nicht laufen oder stehen und musste gefüttert werden. Ein halbes Jahr später kam sie in die Landesheilanstalt Marburg. Im Juni 1941 wurde sie gemeinsam mit zehn weiteren Kindern aus Marburg in einem Sammeltransport in die Landesheilanstalt Eichberg im Rheingau gebracht. Drei Wochen später war sie tot.
Den Eltern teilte man als Todesursache einen Anfall schwerster Atemnot mit. Auf der Sterbeurkunde standen „Bronchialasthma und Herzschwäche bei Idiotie“. Die Eltern wollten ihre Tochter vor der Beerdigung noch einmal sehen. Ob der Wunsch der Mutter, den Sarg zunächst nicht zu schließen, erfüllt wurde, ist nicht bekannt.
Auch Karl-Heinz Schulze wurde zum Opfer dieses Systems. Er kam 1932 in Marburg zur Welt. Seine Mutter zog 1934 wegen häuslicher Gewalt mit ihm nach Kassel. Das Jugendamt dokumentierte bei ihr mehrere Geschlechtskrankheiten und einen „liederlichen Lebenswandel“. 1936 wurde sie in der Landesarbeitsanstalt Breitenau bei Guxhagen interniert.
Karl-Heinz lebte zunächst in einem Kasseler Kinderheim und kam danach nach Hephata. Seine Tante hielt dort stellvertretend für die Mutter Kontakt zur Anstaltsleitung. 1938 wurde der Junge in die Landesheilanstalt Marburg verlegt. Sein Vater durfte ihn nach sechs Jahren erstmals wieder besuchen.
Ein Antrag auf Entlassung wurde abgelehnt, weil Karl-Heinz innerhalb der Anstalt „die größten Schwierigkeiten“ mache. Als Diagnose wurde „angeborener Schwachsinn“ angegeben. Im Januar 1941 wurde er gemeinsam mit 18 Jungen und Männern in Hadamar ermordet. Mit acht Jahren war Karl-Heinz der Jüngste.
Hadamar: eine Mordstätte mit System
Hadamar war im November 1940 zur sechsten NS-Tötungsanstalt des Deutschen Reichs ausgebaut worden und ersetzte die geschlossene Tötungsanstalt Grafeneck. Ende 1940 wurde die Landesheilanstalt in eine Tötungsanstalt umgebaut – im Auftrag der zentral gesteuerten „Erwachseneneuthanasie“, später „Aktion T4“ genannt. Der Name verwies auf den Hauptsitz in der Berliner Tiergartenstraße 4.
Adolf Hitler beauftragte seinen Begleitarzt Karl Brandt und Philipp Bouhler, den Chef der Kanzlei des Führers, mit der Durchführung der Morde. Psychiatrische Kliniken mussten auf sogenannten „Meldebögen“ Angaben über ihre Patientinnen und Patienten machen. „Gutachter“, häufig Psychiatrieprofessoren und Anstaltsleiter, entschieden anhand dieser Bögen über Leben und Tod. Schlechte Karten hatten Menschen, die nicht mehr arbeitsfähig waren, lange in einer Anstalt lebten oder deren Angehörige sich nicht mehr meldeten.
Die Provinz Hessen-Nassau verpachtete einen Teil der Anstalt an die „Gemeinnützige Stiftung für Anstaltspflege“, eine Tarnorganisation der Kanzlei des Führers. Hadamar verband eine Vergasungsanstalt mit einer weiter bestehenden Landesheilanstalt. Der Bezirksverband Nassau stellte mindestens 25 eigene Beschäftigte für den Betrieb ab.
Unter Leitung von Fritz Bernotat wurde umgebaut: Es entstanden Büros, Schlaf- und Gemeinschaftsräume, eine als Duschraum getarnte Gaskammer und ein Krematorium. Kurz vor Weihnachten 1940 trafen speziell ausgewähltes Ärzte- und Pflegepersonal sowie drei graue Busse der Gekrat ein. Das bisherige Personal wurde zum Schweigen verpflichtet.
Ab dem 13. Januar 1941 wurden Menschen in Hadamar ermordet. Zuvor kamen sie in sogenannte „Zwischenanstalten“, wo sie auf den Transport warteten. Dazu gehörten Herborn, Weilmünster, Idstein (Kalmenhof), Eltville (Eichberg), Galkhausen, Andernach, Scheuern, Wiesloch und Weinsberg – Orte im heutigen Hessen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Aus Düsseldorf-Grafenberg und Heppenheim wurden außerdem Patientinnen und Patienten nach Hadamar verschleppt, die nach den NS-Rassengesetzen als jüdisch galten.
Die Betroffenen kamen aus Anstalten in Hessen-Nassau, Westfalen, Hannover, der Rheinprovinz, Hessen, Baden und Württemberg. Nach einer oberflächlichen ärztlichen Untersuchung wurden sie in der Gaskammer mit Kohlenmonoxid getötet. Bestimmte Opfer sezierte man; Gehirne gingen unter anderem an die Universitäts-Nervenklinik Frankfurt, ganze Leichen an den Mediziner Werner Heyde in Würzburg. Goldzähne wurden entfernt, danach verbrannte man die Leichen im Krematorium der Firma Kori.
Rauch, Geruch und Berichte des Personals machten die Morde für die Menschen in der Region zumindest erkennbar. Angehörige erhielten gefälschte Sterbeurkunden des NS-Sonderstandesamts Hadamar-Mönchberg. Nach Zeugenaussagen wurde im Sommer 1941 sogar die Verbrennung des 10.000. Patienten gefeiert – mit einer Flasche Bier für jeden Beschäftigten.
In der ersten Mordphase arbeiteten etwa sieben Personen im Transport, 25 in der Mordabteilung, 20 in der Verwaltung und 20 in der Wirtschaftsabteilung. Ausgewählt wurde vor allem nach geringer oder fehlender Arbeitsleistung sowie nach als problematisch bewertetem Verhalten. Vom 4. bis 15. Februar 1941 wurden 328 jüdische Patienten aus 41 Anstalten ermordet, unabhängig von Diagnose oder Arbeitsfähigkeit, allein wegen ihrer jüdischen Herkunft.
Nach der Hartheimer Statistik wurden zwischen dem 13. Januar und dem 1. September 1941 insgesamt 10.072 Menschen in Hadamar getötet. Eine aktualisierte Opferliste der Gedenkstätte nennt für die erste Phase 10.122 Opfer. Die erste Mordphase endete am 24. August 1941 auf Hitlers Anordnung. Zu den Protesten gehörte ein Schreiben des Limburger Bischofs Antonius Hilfrich vom 13. August 1941 an das Reichsjustizministerium. In der ersten Phase der NS-„Euthanasie“ wurden im Deutschen Reich mehr als 70.000 Menschen durch Gas ermordet.
Im Frühsommer 1942 wurden Gaskammer und Krematorium demontiert. Die Öfen gelangten vermutlich in Vernichtungslager der Aktion Reinhardt. Ende Juli 1942 gab die T4-Zentrale den Standort auf; am 31. Juli wurde die Anstalt an den Bezirksverband Nassau zurückgegeben, ab 1. August wieder vollständig von ihm betrieben.
Der Mord ging trotzdem weiter. Ab August 1942 waren Oberarzt Adolf Wahlmann und Verwaltungsleiter Alfons Klein verantwortlich. Menschen wurden durch Giftinjektionen, überdosierte Medikamente und vorsätzliches Verhungernlassen getötet. Auch Krankenschwestern und Pfleger waren unmittelbar beteiligt. Nach der Demontage des Krematoriums bestattete man die Opfer auf dem Anstaltsfriedhof, teils in Massengräbern mit bis zu 20 Leichen. Das städtische Standesamt Had
