Kunsthochschule Kassel zwischen Stellenkürzungen und Sanierungsstau
An der Kunsthochschule Kassel liegen die Probleme derzeit nicht nur auf dem Papier. Es geht um gestrichene Stellen, kalte Hörsäle und einen Keller, der sich bei Hochwasser füllt. Gleichzeitig muss ein denkmalgeschütztes Gebäude aus den 1960er-Jahren für heutige Anforderungen fit gemacht werden. Keine kleine Baustelle – weder organisatorisch noch baulich.
Im Zuge des Sparkurses der Landesregierung wurden drei Professuren samt zugehörigen Mitarbeiterstellen gestrichen. Insgesamt seien vier Stellen weggefallen, zwei weitere Positionen würden nicht nachbesetzt. In der Basisklasse Bildende Kunst müssen rund 50 Studierende nun mit nur einer Professur und einer Mitarbeiterstelle betreut werden. Rektor Martin Schmidl hält das ohne Qualitätsverlust für nicht machbar.
Weniger Stellen, weniger Gastdozenten
Auch im Produktdesign macht sich der Rotstift bemerkbar. Mit dem Wegfall der Projektprofessur sollen künftig weniger namhafte Gastdozenten nach Kassel kommen. Zuletzt war die niederländische Designerin Marije Vogelzang an der Kunsthochschule tätig. Als Ersatz sind kürzere Aufenthalte von Persönlichkeiten anderer Hochschulen, Honorarprofessuren oder die Umwidmung einer bestehenden Professur geplant.
Für Lehrende und Studierende verschlechtern sich dadurch nach Schmidls Einschätzung die Bedingungen. Die Kunsthochschule ist als Teil der Universität Kassel zudem nicht autonom. Vergleichbare Konstruktionen gibt es in Deutschland nur in Mainz und Kassel; mit der Kunsthochschule Mainz steht Kassel im Austausch.
Der Alltag im Gebäude liefert derweil reichlich Anschauungsmaterial dafür, warum die Debatte nicht bei Stellenplänen enden kann. In den Hörsälen frieren Studierende, manche Heizungen lassen sich nur vollständig ein- oder ausschalten. Bei Hochwasser laufen die Keller voll. Das ist kein Komfortproblem am Rand, sondern trifft Lehre, Werkstätten und Arbeitsbedingungen ganz unmittelbar.
Ein Nordbau zwischen Denkmal und Sanierungsstau
Der Nordbau wurde zwischen 1960 und 1969 vom Architekten Paul-Friedrich Posenenske errichtet. Posenenske war Vertreter des Funktionalismus und Professor an der Staatlichen Hochschule für bildende Künste in Kassel. Das Gebäude gilt als beispielhaft für seine Entstehungszeit und steht heute unter Denkmalschutz.
Gerade darin steckt der Knackpunkt: Bei der Errichtung hatten Energieeffizienz, Brandschutz und Barrierefreiheit eine deutlich geringere Bedeutung als heute. Die Bausubstanz weist erhebliche Mängel auf, zugleich soll der denkmalgeschützte Ursprungszustand erhalten bleiben – insbesondere die historische Aluminiumfassade.
Fachfirmen, Architekten, die Universitätsbauabteilung, der Denkmalschutz und der Landesbetrieb Bau und Immobilien Hessen haben das Gebäude untersucht. Die voraussichtlichen Kosten seien inzwischen absehbar, einzelne Details müssten noch geklärt werden. Schmidl hofft auf eine politische Entscheidung zur Grundsanierung noch in der laufenden Legislaturperiode. Eine weitere Verzögerung könne am Ende teurer werden als der Beginn der Sanierung.
Die Universität plant gemeinsam mit dem Landesbetrieb Immobilien Hessen (LBIH) als Bauherrn in den kommenden Jahren eine umfangreiche Sanierung. Dazu gehört auch die Glas-Aluminium-Fassade. Die energetischen Kennwerte sollen sich so verbessern, dass der Energieverbrauch um etwa 50 Prozent sinkt; jährlich könnten dadurch rund 70 Tonnen CO₂ eingespart werden.
Die Planung erfolgt in enger Abstimmung mit dem Landesamt für Denkmalpflege und der Kunsthochschule. Die zentrale Aufgabe lautet, den denkmalgerechten Umgang mit dem Bestand mit den neuen Anforderungen zu verbinden. Klingt trocken, ist vor Ort aber ziemlich konkret: historische Fassade, moderne Energieziele, Brandschutz und Barrierefreiheit müssen in ein und dasselbe Gebäude passen.
Aktuell laufen bereits Arbeiten an den Fluren, beim Brandschutz und bei der Zusammenlegung der Druckwerkstätten. Die Druckmaschinen, die mit Stein und Säure arbeiten, sollen an einen gemeinsamen Standort umziehen. Trotz der Mängel wollen die Beteiligten den Bau erhalten.
„Wo ist euer Prof?“
Bei den Hochschulwahlen kritisierte eine Gruppe mit dem Slogan „Wo ist euer Prof?“ die Anwesenheit von Professorinnen und Professoren. Schmidl bezeichnete das als politische Zuspitzung im Wahlkampf. Die Lehrenden seien neben der Lehre auch in Forschung, Ateliers und Ausstellungen tätig und deshalb nicht immer vor Ort.
Einige Professorinnen und Professoren suchten nach der Kampagne das Gespräch mit Studierenden. Schmidl selbst will im Wintersemester eine Sprechstunde anbieten; sein erster Wohnsitz ist Kassel. Ob das die gereizte Stimmung sofort dreht, ist offen. Immerhin: Es gibt dann einen Tisch, ein Gegenüber und weniger Raum für zugespitzte Sprüche.
Antisemitismus als präsentes Thema
Seit dem 7. Oktober 2023 ist Antisemitismus laut Schmidl an Kunsthochschulen ein präsentes Thema. In Kassel gab es dazu unter anderem eine Konferenz der Kunsthochschulen, einen Workshop mit der Anne-Frank-Bildungsstätte sowie eine Diskussion mit jüdischen Aktivisten und einem palästinensischen Mitglied der Kasseler Gesellschaft.
Die Veranstaltungen wurden bewusst nur hochschulöffentlich durchgeführt. Schmidl bezeichnet Antisemitismus als inakzeptabel. Die Universität Kassel hat zudem eine Stellungnahme zum Nahost-Konflikt veröffentlicht.
Bei Gesetzesverstößen wolle die Hochschule handeln, sagt Schmidl; politische Instrumentalisierungsversuche lehne sie ab. Über inhaltliche Argumente und Kritik wolle er sprechen – nicht jedoch über Beleidigungen oder Verunglimpfungen von Beschäftigten oder Studierenden. Während draußen an Fassade, Heizung und Fluren gearbeitet wird, laufen diese Auseinandersetzungen also weiter: im Seminar, im Wahlkampf und manchmal ganz direkt auf dem Gang.
Quelle: HNA, „Kalte Hörsäle, Kürzungen und Keller unter Wasser“
Weitere Informationen zum Bauvorhaben: Universität Kassel
