An der Uni Kiel beginnt das neue Semester am kommenden Dienstag mit einem Gastvortrag von Prof. Dr. Louis Jonker von der Universität Stellenbosch in Südafrika. Sein Thema lautet „A Levite or Priestly Chronicles? A New Diachronic Proposal“. Der Vortrag findet in LS4, Raum 327, von 18:15–19:45 Uhr statt.

Im Zentrum steht das Buch der Chronik und eine Frage, die in der Forschung längst nicht erledigt ist: Spricht daraus eher eine levitische oder eine priesterliche Perspektive? In den vergangenen Jahrzehnten setzte sich die Auffassung durch, dass das Buch priesterliche und levitische Traditionen aus rhetorischen Gründen kunstvoll verbindet. Viele Forschende nehmen an, levitische Verfasser hätten die deuteronomistische Geschichtsdarstellung, insbesondere Samuel–Könige, mit eigenen Akzenten zu einer umfassenden Geschichte des antiken Juda umgearbeitet.

Ein neuer Blick auf die Entstehung

Frühere Untersuchungen konzentrierten sich vor allem auf die literarische Gestaltung und rhetorische Ausarbeitung des Chronisten. Die diachronen Aspekte – also die Entwicklung des Buches über verschiedene Entstehungsphasen hinweg – wurden dabei weniger beachtet. Jonker legt in seinem im März 2026 veröffentlichten Chronik-Kommentar nun eine diachrone Theorie zur Entstehung des Buches vor. Diese Perspektive soll neue Möglichkeiten eröffnen, die Frage nach einer levitischen oder priesterlichen Prägung genauer zu bestimmen.

Der Kommentar wird von Christine Mitchell als kontextbewusst und umfassend beschrieben, gerade mit Blick auf die Perspektiven von Autorinnen, Autoren und Lesenden. Er berücksichtigt die Forschung der vergangenen zwei Jahrhunderte ebenso wie soziologische und psychologische Kontexte. Chronicles erscheint darin als Buch der Identitätsbildung und -neubildung. Erstmals werden in größerem Umfang Forschungen zu sozialem Gedächtnis, Identitätsbildung und Postkolonialität zusammengeführt.

Im Blick ist dabei ein Text, der vom kolonialen Kontext Judas in der späten persischen Zeit geprägt wurde und diesen zugleich mitprägt. Komplexe Themen erklärt Jonker laut Mitchell klar und verständlich. Steven Schweitzer hebt außerdem die Verbindung einer genauen Bibeltextanalyse mit der Forschung und den Interpretationsfragen der vergangenen zwei Jahrzehnte hervor. Die umfangreiche Einleitung bietet einen zugänglichen Überblick über aktuelle Ansätze, Fragestellungen und zentrale Themen des Buches.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Jonker arbeitet interdisziplinär. Zu den einbezogenen Perspektiven gehören sozialhistorische Forschung, rhetorische Analyse, postkoloniale Ansätze, feministische Interpretation und Rezeptionsgeschichte. Auch der politische und theologische Kontext Südafrikas spielt eine Rolle. Nach Schweitzer machen diese Zugänge die Komplexität von Chronicles sichtbar und eröffnen neue Untersuchungsmöglichkeiten. Der Kommentar ordnet die fortdauernde Bedeutung des Buches außerdem in größere jüdische und christliche Auslegungstraditionen ein.

Identität zwischen Jerusalem und Imperium

Steven Tuell führt Jonkers südafrikanischen Hintergrund als Grundlage für eine besondere Deutung von Chronicles als „reformierende Geschichte“ an. Der Kommentar untersucht, wie die Neubewertung der israelitischen Vergangenheit zur Neugestaltung der israelitischen Identität beitrug. Tuell bezeichnet das umfassend recherchierte Werk als Beitrag zum erneuten wissenschaftlichen Interesse an Chronicles.

Schon in seinem Buch Defining All-Israel in Chronicles. Multi-levelled Identity Negotiation in Late Persian-Period Yehud untersuchte Louis C. Jonker die Chronikbücher unter dem Gesichtspunkt der „sozialen Identität“. Heiko Wenzel bespricht die 2016 bei Mohr Siebeck erschienene Studie mit XVII+358 Seiten. Jonker zufolge hatte sich die Forschung zuvor vor allem mit textbezogenen und historischen Fragen beschäftigt; Fragen der Identität seien weniger berücksichtigt worden.

Seine Methodik verbindet mehrere Forschungsansätze: Die Utopian Studies fragen danach, wie Texte Zukunftsperspektiven für eine Gruppe entwerfen. Die Social Memory Studies untersuchen, wie die Chronikbücher bestehende Überzeugungen und Perspektiven aufgreifen, verändern und anpassen. Sozialpsychologische Ansätze verstehen Identität als etwas, das im Austausch mit anderen und in Abgrenzung von ihnen konstruiert wird. Die Postcolonial Studies wiederum beschreiben Identitätsbildungsprozesse als umkämpft und von verschiedenen Seiten beeinflusst. Jonkers besonderes Anliegen ist die Verbindung dieser unterschiedlichen methodischen Perspektiven.

Im Mittelpunkt steht die Frage, wie im nachexilischen Juda soziale Identität neu gefunden oder bestimmt wurde. Veränderte politische und gesellschaftliche Bedingungen machten eine Klärung der gemeinschaftlichen Verankerung erforderlich. Die Chronikbücher dienen dabei als wichtige Zeugnisse dieser Identitätsprozesse. Wenzel hebt hervor, dass Jonker die Dynamik des „negotiating social identity“ detailliert beschreibt – wobei sein nahezu ausschließlich konstruktivistisches Verständnis von Identität und das Ausmaß sowie die Bedeutung utopischer Elemente in den Chronikbüchern diskutierbar bleiben.

Jonker ordnet die Chronikbücher in vier Ebenen soziohistorischer Realität ein: das persische Reich und die Provinz Jehud, das Leben Jehuds als einer Provinz unter anderen Provinzen, die Stammesbeziehungen und Rivalitäten zwischen Juda und Benjamin sowie die kultischen Entwicklungen und Auseinandersetzungen am Jerusalemer Tempel.

Vier Ebenen, viele Spannungen

Die Untersuchung behandelt „The Persian Period in Yehud“ (S. 65–114), „Speaking in the Imperium“ (S. 115–150), „Not Alone in this Provincial World“ (S. 151–192), „Tribal Rivalries of Old“ (S. 193–225) und „Defining the Jerusalem Cult“ (S. 227–276). Die Ergebnissynthese und ein Ausblick auf die Anwendung der Methode auf weitere Texte der Hebräischen Bibel folgen auf S. 277–296.

Für die Identitätsbildung im persischen Reich verbindet die Chronikgeschichtsschreibung die Vergangenheit des judäischen Königtums mit den Leitvorstellungen, Jahwe zu suchen und sich auf ihn zu stützen. Gemeinschaft wird dadurch als Gruppe bestimmt, die Jahwe verehrt. „All-Israel“ bezeichnet bei Jonker die utopische Vorstellung eines vereinigten davidischen Königreichs: Das Zentrum bilden Jerusalem und der Tempelkult, die Jahweverehrung ist exklusiv. Die persischen Herrscher werden kritisch dargestellt, ohne dass daraus ein revolutionäres Programm entsteht. Juda und sein Gott erhalten zugleich eine weitreichende Bedeutung.

Ganz glatt ist dieses Bild nicht. Die Chronikbücher enthalten Spannungen zwischen einer vorwiegend judäischen Perspektive und der Vorstellung einer Einheit aller israelitischen Stämme. Das Nordreich spielt in der Darstellung praktisch keine eigenständige Rolle. Jonkers Lektüre betont deshalb die Komplexität und Dynamik der Chronikbücher und warnt davor, sie auf wenige einfache Aussagen zu reduzieren.

Wiederholt setzt Jonker seine Beobachtungen mit Ergebnissen der bisherigen Forschung in Beziehung. Dadurch formuliert er bekannte Einsichten neu oder entwickelt weitere Perspektiven. Wenzel stimmt seinem Fazit zu, dass die Untersuchung zu einer stärkeren Wahrnehmung der komplexen und teilweise mehrdeutigen literarischen Materialien der Chronik beiträgt.

Der methodische Ausblick reicht über die Chronikbücher hinaus: Jonker bezieht die Pentateuchforschung (S. 284–287), die Prophetenforschung (S. 287–292) sowie die Psalmen- und Weisheitsforschung (S. 292–296) ein. Damit verbindet er die Hoffnung auf eine intensivere Zusammenarbeit zwischen Spezialisten der verschiedenen biblischen Textkorpora. Wenzel bewertet das Buch insgesamt als wertvollen Beitrag zur Erforschung der Chronikbücher.

Der Kieler Gastvortrag steht zugleich im Zeichen einer neuen Verbindung: Die Fakultät schloss im Sommer ein Abkommen mit der Fakultät in Stellenbosch. Jonkers Besuch findet im Rahmen dieser neuen Partnerschaft statt. Wer am Dienstag in LS4, Raum 327, sitzt, bekommt also nicht nur einen Einblick in eine aktuelle diachrone Theorie, sondern auch einen ersten öffentlichen Auftritt dieser Kooperation.