Lepra-DNA aus Fallward verbindet Nordseeküste mit Donau und Ägypten
Heute, am 4. November 2026, führt eine Spur aus dem niedersächsischen Küstenland bis an die Donau – und noch weiter zurück nach Ägypten. Im Gräberfeld von Fallward bei Wremen, im heutigen Landkreis Cuxhaven, haben Forschende einen seltenen Lepra-Erreger nachgewiesen. Der Fund stammt aus dem 5. Jahrhundert und erzählt von einer Zeit, in der Menschen, Waren, Krankheiten und Geschichten über erstaunlich große Entfernungen unterwegs waren.
Das Gräberfeld wurde in den 1990er-Jahren archäologisch untersucht. Die Bestattungen datieren ins 4. und 5. Jahrhundert. Besonders auffällig: das mehr als vier Meter lange Bootsgrab eines Mannes aus dem zweiten Viertel des 5. Jahrhunderts. Im feuchten Boden blieben Holz- und Textilbeigaben außergewöhnlich gut erhalten – fast so, als hätte die nasse Erde die Zeit ein wenig angehalten.
Ein Boot, ein Stuhl und ein Gürtel
Der Tote erhielt zahlreiche Beigaben aus Holz, Keramik und Metall. Dazu gehörten ein spätrömischer Militärgürtel, ein kunstvoll geschnitzter Stuhl aus einem Erlenstamm beziehungsweise Erlenholz und ein Hocker mit Jagddarstellung. Der Gürtel hatte schon archäologisch auf weitreichende Verbindungen hingedeutet. Die Funde belegen Kontakte der damaligen Küstenbevölkerung zum römischen Kulturraum – über den Beruf des Bestatteten oder eine tatsächliche militärische Tätigkeit sagen sie aber nichts eindeutig aus.
Die erhaltenen Stücke werden derzeit im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) in Wilhelmshaven vollständig ausgewertet. Im Mittelpunkt stehen auch Objekte, die bei der Bergung als Blöcke entnommen und anschließend tiefgefroren gelagert wurden. Man kann sich das unhandlich vorstellen, aber für Holz, Textilien und winzige Spuren ist diese vorsichtige Behandlung entscheidend.
Das 5. Jahrhundert selbst war von gewaltsamen Umbrüchen und großer Mobilität geprägt. Westgoten und Vandalen zogen nach Italien und eroberten Rom, die Hunnen gelangten auf Kriegszügen nach Westeuropa, und die Franken dehnten ihr Herrschaftsgebiet nach Süden aus. Fallward liegt an der Nordsee, doch der Mann im Boot verweist genetisch auf eine Welt weiter südlich.
DNA aus Zahn und Fersenbein
Forschende des Instituts für Klinische Molekularbiologie der Universität Kiel und des Niedersächsischen Instituts für historische Küstenforschung untersuchten zwölf Skelettproben von elf Bestatteten. Das Kieler Labor für Alte DNA suchte nach genetischen Verwandtschaften und möglichen Infektionskrankheiten. Bei drei Individuen reichte die erhaltene menschliche DNA für populationsgenetische Vergleiche aus.
Zwei dieser Menschen ähnelten genetisch eisenzeitlichen Gruppen aus Nordwesteuropa. Der Mann aus Grab 265 zeigte dagegen Gemeinsamkeiten mit Menschen aus römischen Grenzregionen an der Donau. Die Kieler Mitteilung beschreibt ihn als einen Mann aus dem Donauraum; zugleich mahnen die statistischen Analysen zur Vorsicht: Eindeutig von den anderen untersuchten Personen unterscheiden ließ er sich nicht. Eine Herkunft aus dem Donauraum oder eine konkrete Reiseroute ist deshalb nicht bewiesen.
Im Zahn und im Fersenbein wurde DNA von Mycobacterium leprae nachgewiesen, dem Erreger der Lepra. Schäden im Erbgut und die hohe Abdeckung des rekonstruierten Bakteriengenoms sprechen dafür, dass die DNA tatsächlich aus der spätantiken Bestattung stammt. Geleitet wurde die Studie von Daniel Myburgh; veröffentlicht wurde sie in der Fachzeitschrift iScience.
Eine seltene Linie, erstmals in Europa belegt
Der Erreger gehört zur seltenen genetischen Linie 4. Ihr bislang ältester bekannter Vertreter stammt aus einer ägyptischen Mumie, die in den Zeitraum zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. In Mittel- und Nordeuropa war diese Erregergruppe bisher nicht nachgewiesen worden. Der Fund von Fallward erweitert ihre bekannte geografische Verbreitung bis nach Norddeutschland und liefert den ersten Nachweis dieses Erregertyps in Europa.
Am Skelett fanden sich allerdings keine für Lepra typischen Knochenschäden. Möglich ist, dass die Infektion ohne ausgeprägte Symptome verlief oder zunächst nur Weichteile betraf, die nicht erhalten sind. Lepra verläuft chronisch, und Beschwerden können erst nach Jahren auftreten. Der Mann könnte also trotz der Infektion über weite Strecken gereist sein – falls er überhaupt selbst so weit unterwegs war.
Aus der bakteriellen DNA lässt sich nicht ablesen, wann und wo er sich angesteckt hatte. Ungeklärt bleibt damit, ob er persönlich reiste, seine Vorfahren aus dem Donauraum stammten oder er die Infektion an einem anderen Ort erwarb. Die Forschenden nennen mehrere mögliche Lebenswege: Vielleicht diente er als Söldner in der römischen Armee und ließ sich später zwischen Elbe und Weser nieder. Vielleicht war er Händler und legte auf seinen Reisen noch ganz andere Strecken zurück. Auch ein zeitweiser Aufenthalt in Südosteuropa oder im Mittelmeerraum ist möglich.
Seine genaue Herkunft und Biografie bleiben offen. Sicher ist nur das Bild, das sich aus den verschiedenen Spuren zusammensetzt: ein Mann, der an der Nordsee in einem Boot bestattet wurde, dessen Wurzeln möglicherweise an der Donau lagen und dessen Erregerlinie Verbindungen über große Entfernungen sichtbar macht. Der spätrömische Gürtel, der Erlenstuhl und ein winziger genetischer Fingerabdruck liegen dabei erstaunlich dicht beieinander.
Die Studie erschien in iScience unter dem DOI 10.1016/j.isci.2026.117877. Grundlage ist außerdem die Mitteilung der Universität Kiel vom 4. November 2026.
