Lundstrøms ewiges Blau unter der Oberfläche
Ein kräftiges Blau, das nicht einfach nur Hintergrund sein will: Vilhelm Lundstrøm nannte es selbst „Ewiges Blau“. Seine farbenfrohen Frauenbilder und Stillleben vor blauen Flächen gehören zu den bekanntesten Werken des dänischen Malers, der von 1893 bis 1950 lebte.
Nun rückt die Farbe ins Labor. Die Ausstellung „Einblicke ins ewige Blau“ zeigt vom 12. bis 15. November 2026 in der Bootshalle der Seeburg Kiel an der Kiellinie, wie Materialforschung Lundstrøms Maltechnik sichtbar macht. Der Zugang ist über die Wasserseite möglich. Der Eintritt ist frei.
Wenn Farbe Schicht für Schicht lesbar wird
Das EU-Interreg-Projekt TORCH untersucht Lundstrøms Gemälde mit materialwissenschaftlichen Methoden. Dabei zeigt sich: Das intensive Blau besteht nicht aus einer einzigen glatten Farbfläche. Zu erkennen sind komplexe Schichten aus unterschiedlichen Blau- und weiteren Farbtönen sowie anderen Materialien.
Live-Demonstrationen und Proben aus Originalgemälden vermitteln, wie die Untersuchungen funktionieren. Neben Lundstrøms Werken werden auch Arbeitsweisen von Restauratoren und Konservatoren vorgestellt. Es geht nicht bloß darum, den Aufbau der Bilder zu verstehen, sondern auch darum, Maßnahmen für ihre langfristige Erhaltung zu entwickeln. Moderne Technologie schaut der Maltechnik also gewissermaßen unter die Oberfläche – und hilft dabei, die Werke zu bewahren.
Beteiligt sind das Konserveringscenter Vejle, Newtec Engineering und die Süddänische Universität. Die Ausstellung knüpft außerdem an das Kunstmuseum Brandts an, das eine bedeutende Lundstrøm-Sammlung besitzt. Dort stand 2024 seine Beschäftigung mit Blau im Mittelpunkt der Ausstellung „Lundstrøms evighedsblå“. Auf Dänisch bezeichnete Lundstrøm seine intensiven blauen Bildhintergründe als „Evighedsblå“, also „Ewigkeitsblau“.
Die Veranstaltung ist Partner von „Science Comes to Town“. Kunstforschung klingt dabei weniger fern, als man vielleicht denkt: Man sieht Proben, Schichten, Werkzeuge – und plötzlich wird aus einer scheinbar einheitlichen Fläche ein kleines Gelände aus Material und Zeit.
Vom kranken Kind zum unbequemen Avantgardisten
Vilhelm Henry Lundstrøm wurde am 26. Mai 1893 in Kopenhagen geboren und starb dort am 9. Mai 1950. Heute gilt er als einer der bedeutendsten Künstler Dänemarks und als zentrale Figur der frühen dänischen experimentellen Kunst. Er führte den französischen Kubismus in Dänemark ein.
Als Kind war Lundstrøm häufig krank und verbrachte viel Zeit zu Hause auf Amager. Er zeichnete, arbeitete mit der Laubsäge und baute Schiffe. Ab seinem zehnten Lebensjahr malte er die Landschaft Amagers, beeinflusst von Christen Købke und Johan Thomas Lundbye. Auf Wunsch seines Vaters machte er von 1908 bis 1912 eine Malerlehre und wurde Anstreicher.
1913 begann Lundstrøm ein Studium an der Königlichen Dänischen Kunstakademie, schloss es aber nicht ab. Von 1913 bis 1915 besuchte er die Zeichenklasse von Peter Rostrup Bøyesen und lernte unter anderem Karl Larsen, Svend Johansen und Knud Merrild kennen. Merrild brachte ihm das Kraulschwimmen bei; Lundstrøm trainierte, um seine körperliche Schwäche zu überwinden – ein eher ungewöhnlicher Baustein in einer Künstlerbiografie.
1916 debütierte er bei der Kunstnernes Efterårsudstilling mit drei kubistisch beeinflussten Stillleben, die positiv aufgenommen wurden. Ein Jahr später zeigte er dort fünf Werke, darunter zwei Collagen, und führte damit die Collage in Dänemark ein. Kritik und Publikum reagierten nun ablehnend; die Arbeiten wurden unter anderem als „zierlich“ und „weiblich“ bezeichnet.
1918 entstanden die Pakkasse-Bilder. Konkrete Gegenstände traten darin weitgehend zugunsten von Formen und Materialien zurück. In Dänemark lösten die Werke einen Skandal aus, Lundstrøm wurde Sensationsmacherei und künstlerischer Betrug vorgeworfen. Die Pakkasse-Bilder gelten als Höhepunkt und Abschluss seiner kurzen kubistischen Phase.
Die Ausstellungen von 1917 und 1918 entfachten eine breite Debatte über moderne Kunst. Lundstrøm debütierte 1918 außerdem bei der Herbstausstellung der Künstler in der Den Frie Udstilling in Kopenhagen und nahm im selben Jahr an der Ausstellung „Modern Art“ im Kunstpavillon in Aarhus teil. 1919 bezeichnete der Bakteriologe Carl Julius Salomonsen moderne Kunst als Ausdruck einer ansteckenden psychischen Störung und prägte den Begriff „Dysmorphismus“. Seine Kritik bezog auch Lundstrøms Collagen und Montagen ein. Poul Henningsen, Otto Gelsted und Oluf Thomsen verteidigten den Maler.
De Fire, Südfrankreich und die Suche nach der Form
Nach der kubistischen Phase folgte eine etwa vierjährige „kringelte Periode“. Lundstrøm kehrte zur figürlichen Darstellung zurück und entwickelte dabei Ansätze seines späteren monumentalen Stils. Zu den wichtigen Werken dieser Zeit zählen „Manden der ser alt“ von 1919, „Frokost i det grønne“ von 1920 und „De Fire. Hommage aux peintres artistes“ von 1920.
1921 gründete er mit Karl Larsen, Axel Salto und Svend Johansen die Künstlervereinigung De Fire. Die vier hatten zuvor an der Zeitschrift „Klingen“ gearbeitet; Lundstrøm war dort von Anfang 1919 bis Ende 1920 als Illustrator tätig. De Fire veranstaltete sieben gemeinsame Ausstellungen. Die erste fand 1921 statt, die letzte zum Jahreswechsel 1929/30. Bei dieser letzten Ausstellung gehörten nur noch Svend Johansen, Vilhelm Lundstrøm und Sophus Claussen zur Gruppe.
Während großer Teile der 1920er-Jahre lebten die Künstler in Südfrankreich und kehrten meist jedes Jahr für eine Ausstellung nach Kopenhagen zurück. Lundstrøm hielt sich 1921/22 zeitweise in Paris, Nizza und Bormes-les-Mimosas auf. Gemeinsam mit Karl Larsen, Axel Salto und Svend Johansen ließ er sich in Bormes nahe Cannes nieder. Ab 1923 lebte er in Cagnes-sur-Mer, wo auch Karl Larsen und zeitweise Svend Johansen arbeiteten.
Das alte Rathaus von Cagnes-sur-Mer nutzte Lundstrøm als Atelier. Drei Monate lang arbeitete er dort täglich an einem Stillleben mit Apfelkorb und Tuch. Im Juni 1923 heiratete er in Paris die Malerin Yrsa Hansen, die danach ihre eigene Malerkarriere beendete. Von 1923 bis 1932 lebte Lundstrøm in Cagnes-sur-Mer; ab 1932 hatte er wieder einen festen Wohnsitz in Kopenhagen.
Auf die „kringelte Periode“ folgte eine kurze Übergangsphase mit naturgetreueren Farben, dunkleren Konturen und weiterhin dicken Farbschichten. Danach begann die puristische Periode, die Lundstrøms Stil und Motivwahl bis zu seinem Tod prägte. Ab 1924 konzentrierte er sich stärker auf Bildbalance und die Reinheit der Formen. Einfluss hatten Paul Cézanne sowie die französischen Puristen Amédée Ozenfant und Le Corbusier.
Auf der fünften De-Fire-Ausstellung im November 1925 zeigte Lundstrøm große Gemälde mit einfachen Küchengegenständen, geometrischen Grundformen und gedämpften Farben. Die Ausstellung wurde kühl aufgenommen. Kritik gab es vor allem an der blassen Farbgebung und an den anonymisierten Figuren im „Bryllupsbillede“.
Das ab 1925 entwickelte Formenvokabular blieb bis zu seinem Tod prägend: vereinfachte und vergrößerte Formen, Köpfe als Rundungen, Körper als Zylinder. Alltägliche Gegenstände malte Lundstrøm häufig monumental. In einem Interview von 1944 sagte er, das Motiv sei lediglich ein Vorwand, um sich mit Form zu beschäftigen.
Blau, Gegenstände und ein beweglicher Stil
Ganz ohne individuelles Gegenüber kam Lundstrøm trotzdem nicht aus. Porträts und Selbstporträts zeigen sein Interesse an persönlicher Darstellung, darunter Bildnisse von Tusnelda Sanders aus dem Jahr 1927 und seiner Schwester Anny Nissen von 1932. Das Porträt „Tusnelda Sanders“ entstand 1928 und befindet sich heute im Nationalmuseum in Oslo.
Bekannt ist Lundstrøm außerdem für geometrische Stillleben mit Orangen, kubistische Szenen mit Akten sowie Gemälde von Flaschen, Flakons und Krügen. Sein Stil war
