Am 17. November wird es an der Universität Kiel um eine Frage gehen, die längst nicht mehr nur auf außenpolitischen Podien verhandelt wird: Wie weit trägt die deutsche Staatsräson gegenüber Israel – und wo kollidiert sie mit dem Völkerrecht? Das Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht und die Professur für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht, Wirtschaftsstrafrecht und Rechtsphilosophie laden zu einem Book-Talk über „Staatsräson nach Gaza – Das deutsch-israelische Verhältnis und das Völkerrecht“ ein.

Zu Gast ist der Autor Prof. Dr. Dr. h.c. Kai Ambos. Er ist Professor für Strafrecht, internationales Strafrecht und Völkerrecht an der Universität Göttingen, Richter an den Kosovo Specialist Chambers in Den Haag beziehungsweise am Kosovo-Sondertribunal und Berater der kolumbianischen Sondergerichtsbarkeit für den Frieden. Beginn ist um 20 Uhr im CAP2, Hörsaal A.

Ein Begriff, der politisch schwer wiegt

Das Buch untersucht das besondere Verhältnis zwischen Deutschland und Israel, das historisch aus der Verantwortung für den Holocaust begründet wird. Im Zentrum steht der Begriff der „Staatsräson“, an dem sich die deutsche Israelpolitik insbesondere seit Angela Merkels Rede vor dem israelischen Parlament 2008 orientiert.

Nach dem Hamas-Angriff auf Israel im Oktober 2023 gewann die Formel laut Buchbeschreibung zusätzlich an Bedeutung. Sie wurde zur Begründung der weitreichenden deutschen Unterstützung der israelischen Kriegsführung in Gaza herangezogen. Ambos betrachtet die Staatsräson historisch und etymologisch und prüft ihr Verhältnis zum Völkerrecht und zur deutschen Verfassung. Dabei geht es auch um offene rechtliche Fragen und mögliche rechtsstaatliche Probleme bei ihrer politischen Umsetzung – ziemlich harter Stoff für einen Abend, an dem vermutlich niemand einfach nur durchatmen kann.

Völkerrechtlich nimmt das Buch den Gaza-Krieg an mehreren Stellen auseinander: Ist Israels militärische Gewalt als Reaktion auf den Hamas-Angriff von 2023 durch das Selbstverteidigungsrecht gedeckt? Vereinbaren sich die militärischen Handlungen mit dem Recht des bewaffneten Konflikts? Und könnten mögliche Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit oder ein Genozid vorliegen?

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Außerdem erörtert Ambos mögliche rechtliche Folgen für Deutschland nach dem Recht der Staatenverantwortlichkeit, unter anderem im Zusammenhang mit Waffenlieferungen. Zur Sprache kommt ebenso das palästinensische Recht auf Widerstand, einschließlich bewaffneten Widerstands. Am Ende steht die unbequeme Frage, wie mit der deutschen Staatsräson angesichts des Gaza-Kriegs umzugehen ist.

Podium mit Universität und Zivilgesellschaft

Teil des Book-Talks ist eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Andreas von Arnauld, dem Direktor des Walther-Schücking-Instituts, Prof. Dr. Andreas Werkmeister und Prof. Dr. Julia Geneuss, LL.M. (NYU). Einen Beitrag aus der Zivilgesellschaft bringt Martin Link ein.

Das Buch von Kai Ambos erscheint in der 1. Auflage 2026 als Paperback mit etwa 360 Seiten. Erscheinungsdatum ist der 28. Mai 2026, die ISBN lautet 978-3-593-52260-9.

Von Reparationszahlungen bis Merkels Knesset-Rede

Die deutsch-israelischen Beziehungen beruhen auf einer Wertegemeinschaft und einer ähnlichen Sicht auf die jüngere Geschichte. Zentral ist dabei der Holocaust, der Völkermord an den europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland.

Anfang der 1950er-Jahre verhandelten Israels Ministerpräsident David Ben-Gurion, der Vorsitzende der Jewish Claims Conference Nahum Goldmann und Bundeskanzler Konrad Adenauer über deutsche Reparationszahlungen. In Israel war ihre Annahme umstritten, auch im Parlament. 1952 wurde das Luxemburger Abkommen geschlossen. Bis 2007 zahlte Deutschland rund 25 Milliarden Euro an Israel und einzelne israelische Holocaustüberlebende. Bis Oktober 2018 beliefen sich die deutschen Entschädigungsleistungen auf mehr als 74 Milliarden Euro; etwa 29 Milliarden Euro gingen an in Israel lebende NS-Verfolgte, jährlich wurden in Israel rund 300 Millionen Euro an Entschädigungsrenten und verwandten Leistungen ausgezahlt.

Schon 1950 war der evangelische Theologe Hermann Maas als erster Deutscher offiziell nach Israel eingeladen worden. Protestantische Pfarrer und Theologen, die überwiegend der SPD nahestanden, forderten seit dem Luxemburger Abkommen diplomatische Beziehungen. 1964 erreichte die Debatte den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland. EKD-Ratsvorsitzender Kurt Scharf unterstützte den öffentlichen Druck auf Bundeskanzler Ludwig Erhard; am 26. Oktober 1964 forderte der EKD-Rat in einem von Scharf unterzeichneten Schreiben an die Bundesregierung einen deutsch-israelischen Botschafteraustausch.

Parallel dazu nahm die sicherheitspolitische Zusammenarbeit Gestalt an. Bei einem Geheimtreffen im Spätsommer 1957 in Bonn bekannten sich Schimon Peres und Verteidigungsminister Franz Josef Strauß zur deutschen Verantwortung für Israels Überleben. Strauß stellte Rüstungshilfen einschließlich einer Finanzierung von 300 Millionen D-Mark in Aussicht. Acht Jahre vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen begann damit eine bis heute bestehende Verteidigungskooperation.

Am 14. März 1960 trafen David Ben-Gurion und Konrad Adenauer im New Yorker Hotel Waldorf Astoria erstmals als Regierungschefs beider Länder zusammen. Am 12. Mai 1965 nahmen die Bundesrepublik Deutschland und Israel offizielle diplomatische Beziehungen auf. Seitdem gibt es regelmäßig Staatsbesuche; 1966 wurde die Deutsch-Israelische Gesellschaft als Freundschaftsorganisation gegründet. Sie will die Beziehungen in öffentlichen und kulturellen Fragen vertiefen und internationale Verständigung und Toleranz fördern.

Nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen dauerte es mehr als fünf Jahre bis zu einem offiziellen Besuch. 1970 reiste der israelische Außenminister Abba Eban nach Bonn, nachdem er das frühere Konzentrationslager Dachau besucht hatte, und sprach zweieinhalb Stunden mit Außenminister Walter Scheel.

Reibungslos war das Verhältnis trotzdem nie. Belastungen waren unter anderem das Scheitern der deutschen Befreiungsaktion während des Münchner Olympia-Attentats 1972 und Willy Brandts Weigerung, US-Transportflugzeugen mit Waffen für Israel während des Jom-Kippur-Krieges eine Zwischenlandung in Ramstein zu erlauben. 1994 besuchte Bundespräsident Roman Herzog Israel bei seinem ersten offiziellen Staatsbesuch außerhalb Europas. 1999 wurde Israels Ministerpräsident Ehud Barak nach dem Regierungsumzug als erster ausländischer Regierungschef nach Berlin eingeladen. Bundeskanzler Gerhard Schröder besuchte Israel im Oktober 2000.

Zum 40. Jahrestag der diplomatischen Beziehungen 2005 besuchten sich Bundespräsident Horst Köhler und Israels Präsident Mosche Katzav gegenseitig. Beide Staaten bauten Kontakte zwischen Parlamenten, Regierungen und Nichtregierungsorganisationen auf – auch in strategischen und sicherheitspolitischen Fragen.

Zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel Israel drei Tage lang. Gemeinsam mit Ministerpräsident Ehud Olmert unterzeichnete sie Projekte in den Bereichen Bildung, Umwelt und Verteidigung. Es war das erste Treffen des deutschen Bundeskabinetts mit einem Kabinett außerhalb Europas; weitere Treffen waren vorgesehen. Am 18. März 2008 hielt Merkel in der Knesset eine international beachtete Rede auf Deutsch. Einige Knesset-Mitglieder kritisierten sie, Benjamin Netanjahu erklärte, Merkel hätte die Rede abbrechen oder auf Englisch halten sollen.

Handel, Austausch und militärische Nähe

Deutschland ist Israels größter Handelspartner in Europa und nach den USA und China der drittwichtigste Handelspartner insgesamt. Israel importiert Waren aus Deutschland im Wert von rund 2,3 Milliarden US-Dollar.

Für den wissenschaftlichen Austausch zwischen deutschen und israelischen Universitäten wurde die Minerva-Stiftung gegründet, eine Tochtergesellschaft der Max-Planck-Gesellschaft. Auf Initiative von Bundespräsident Johannes Rau entstand 2001 das Koordinierungszentrum Deutsch-Israelischer Jugendaustausch ConAct. Es soll deutsche und israelische Jugendliche für die gemeinsame Geschichte und die besondere Sensibilität der Beziehungen sensibilisieren. Jährlich nehmen mehr als 2.000 Israelis und 4.500 Deutsche an einem Austauschprogramm des Bundesfamilienministeriums teil.

Die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste vermittelte seit 1961 mehr als 2.500 deutsche Freiwillige an israelische Krankenhäuser und Sozialprogramme. Auch Kirchen und Wirtschaftsverbände wirken an der Entwicklung der Beziehungen mit. Seit 1960 nehmen Sportler am Jugendaustausch teil; ab 1962 baute die Deutsche Sportjugend intensive Kontakte zu Israel auf. Der Deutsche Olympische