Am 21. Oktober 2026 wurde in Ottobrunn über Szenarien gesprochen, die lange nach Science-Fiction klangen und inzwischen ziemlich real wirken. Beim dritten Weltraumsymposium von IABG und der Interessengemeinschaft Deutsche Luftwaffe (IDLw) diskutierten rund 200 Vertreterinnen und Vertreter aus Bundeswehr, Politik, Industrie und Wissenschaft über Sicherheit im All. Im Mittelpunkt stand eine „resiliente Gesamtarchitektur im Weltraum“ – mit zivilen, militärischen und integrierten Fähigkeiten.

Auslöser für die Dringlichkeit ist unter anderem die Annäherung eines russischen Spionagesatelliten auf wenige Meter an einen Aufklärungssatelliten des finnisch-amerikanischen Unternehmens ICEYE. ICEYE liefert Aufklärungsdaten für die Ukraine und die Bundeswehr. Der Vorfall zeigte nüchtern, aber eindringlich: Satelliten können Ziele militärischer Operationen werden. Eine Kollision oder Zerstörung im All bliebe nicht einfach dort oben, sondern könnte weitreichende Folgen haben.

Resilienz als politisches und militärisches Programm

Die Bundesregierung will bis 2030 rund 35 Milliarden Euro in militärische Weltraumfähigkeiten und eine eigene Weltraumsicherheitsarchitektur investieren. Staatsminister Florian Hahn sagte, Deutschland müsse in Friedenszeiten, in Krisen und im Verteidigungsfall handlungsfähig bleiben. Resilienz bedeutet dabei vor allem, dass der Ausfall einzelner Systeme nicht sofort den gesamten Betrieb lahmlegt.

Die Grundlage dafür bildet die erste deutsche nationale Weltraumsicherheitsstrategie (WRSS), die die Bundesregierung am 19. November 2025 verabschiedete. Ihr Ziel: Deutschlands Handlungsfähigkeit im Weltraum sichern und Bedrohungen gegen weltraumgestützte Dienste und Systeme abwehren. Der Weltraum wird darin ausdrücklich als sicherheitspolitische Dimension verstanden. Geschützt werden sollen unter anderem kritische Kommunikations- und Satellitensysteme.

Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte die Investitionen von rund 35 Milliarden Euro bereits im September 2025 angekündigt. Gemeinsam mit Außenminister Johann Wadephul betont er im Vorwort der Strategie die internationale Zusammenarbeit – für Regeln, die eine friedliche, verantwortungsvolle und nachhaltige Nutzung des Weltraums ermöglichen sollen. Die WRSS war schon unter der früheren Ampel-Koalition begonnen und in der Raumfahrtstrategie von 2023 angekündigt worden. Wegen Verzögerungen wurde sie vor dem Ende der Koalition nicht fertig; 2024 gab es dazu eine Anhörung im Verteidigungsausschuss des Bundestags. Die 2025 gebildete Koalition aus CDU/CSU und SPD nahm das Vorhaben schließlich in ihren Koalitionsvertrag auf.

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Die Strategie besteht aus vier Kapiteln. Zunächst werden Ausgangslage, strategische Bedeutung des Weltraums, politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sowie die gesamtstaatliche Verantwortung beschrieben. Danach folgen drei strategische Handlungsfelder: Gefahren und Bedrohungen erkennen, also die „Weltraumlage“ erfassen; Handlungsoptionen entwickeln, internationale Kooperation fördern und eine nachhaltige Ordnung unterstützen; schließlich Abschreckung, Wehrhaftigkeit und Resilienz stärken. Ein weiteres Kapitel behandelt den Aufbau gesamtstaatlicher Handlungsfähigkeit sowie glaubwürdiger Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit. Am Ende stehen die vorgesehenen Umsetzungsmaßnahmen.

General­leutnant a. D. Klaus Habersetzer verwies in Ottobrunn auf die wachsende Abhängigkeit von Satellitendiensten. Störungen der Navigation durch Jamming und Spoofing treffen längst nicht nur Streitkräfte. Auch Luftverkehr, Logistik und weitere Wirtschaftsbereiche hängen an Signalen, die aus großer Höhe kommen. IABG-Geschäftsführer Rudolf F. Schwarz forderte deshalb eine engere europäische Zusammenarbeit und die Verbindung ziviler, militärischer und kommerzieller Systeme.

Die WRSS sieht resiliente und redundante Satellitensysteme vor. Statt einzelner großer und teurer Satelliten sollen Multi-Orbit-Konstellationen mit vielen kleineren Satelliten auf unterschiedlichen Umlaufbahnen entstehen. Fällt einer aus, können andere seine Aufgaben übernehmen. Auch Bodenstationen sowie Führungs- und Kommunikationsverbindungen sollen gegen Cyberangriffe und elektronische Störungen wie Jamming gehärtet werden.

Offensive Fähigkeiten und viele offene Fragen

Luftwaffeninspekteur Generalleutnant Holger Neumann machte deutlich, dass sich die Bundeswehr nicht auf defensive Maßnahmen beschränken will. Für den Fall eines Angriffs kündigte er Gegenmaßnahmen an und bestätigte, dass offensive Fähigkeiten für den Weltraum entwickelt werden. Sie sollen Wirkungen in allen Umlaufbahnen bis zum geostationären Orbit in rund 36.000 Kilometern Höhe ermöglichen. Auch kinetische Mittel zur physischen Bekämpfung von Zielen schloss Neumann nicht aus. In die Planungen werden außerdem Bodenstationen und Datenübertragungswege einbezogen.

Deutschland will eigene militärische Fähigkeiten aufbauen, um feindliche Störungen im Orbit abzuwehren und bei Bedarf militärische Operationen im Weltraum zu unterstützen. Die Verantwortung für die Weltraumdimension liegt beim Inspekteur der Luftwaffe; in der englischen Veröffentlichung wird diese offiziell als „German Air and Space Force“ bezeichnet.

Generalmajor Wolfgang Ohl berichtete über den Stand der deutschen Weltraumsicherheitsstrategie. Von 65 Maßnahmen seien rund ein Viertel abgeschlossen oder dauerhaft umgesetzt, knapp 70 Prozent begonnen. Vier Maßnahmen seien noch offen. Drei Tabellen führen diese 65 Handlungslinien auf. Dazu gehören etwa internationale Partnerschaften, die Einrichtung eines European Space Component Command (ESCC) und der Aufbau einer Weltraumakademie.

Die Bundeswehr bildet erstmals eigenes Personal für die Steuerung von Satelliten aus. Bodenstationen werden auf mehrere Standorte verteilt, und Vorhalteverträge sollen kurzfristig verfügbare Startkapazitäten sichern. So sollen Ausfälle einzelner Systeme besser kompensiert werden. Für Europa werden außerdem mehrere wettbewerbsfähige Schwerlastraketen angestrebt, die einen autonomen Zugang auch zum cislunaren Raum ermöglichen.

Im September 2026 stellte Pistorius beim Internationalen Weltraumgipfel in Paris vier Kooperationsinitiativen vor: das ESCC, die inzwischen „Space Safety and Security Academy“ genannte Weltraumakademie, die Initiative „Protocol Stack for Space“ für Interoperabilität und offene gemeinsame Standards sowie die Öffnung künftiger Weltraumprojekte für Regierung-zu-Regierung-Geschäfte.

ESA-Vertreter Nicolaus Hanowski sagte, Europa verfüge zwar über leistungsfähige Erdbeobachtungssysteme, vernetze nationale, europäische und kommerzielle Fähigkeiten aber noch nicht ausreichend. Die Initiativen „European Resilience from Space“ (ERS) und „Earth Observation Governmental Service“ (EOGS) sollen Beobachtungslücken schließen und bestehende Systeme verbinden.

Wann wird aus einer Krise ein Angriff?

In einer weiteren Diskussion wurden militärische und rechtliche Fragen möglicher Weltraumkonflikte anhand eines IABG-Szenarios verhandelt. Simuliert wurde ein schrittweiser Übergang von einer Krise zu einem offenen militärischen Konflikt. Einige der angenommenen Bedrohungen gelten bereits heute als real – keine angenehme Ausgangslage, wenn man bedenkt, wie schnell sich Missverständnisse im All aufschaukeln könnten.

Es ging um Abschreckung, zulässige militärische Gegenmaßnahmen und die eindeutige Zuordnung eines Angriffs. Der Weltraumrechtler Stephan Hobe erklärte, das Völkerrecht setze der militärischen Selbstverteidigung auch im Weltraum Grenzen. Eine lediglich vermutete Bedrohung rechtfertige keinen militärischen Gegenschlag. Zuständigkeiten, Entscheidungsbefugnisse und Einsatzregeln müssten deshalb klar festgelegt werden.

Forschungsministerin Dorothee Bär verwies auf die Arbeit der Bundesregierung mit anderen Staaten an einem international bindenden Weltraumsicherheitsgesetz. Bär und Pistorius stellten die WRSS am 19. November 2025 im Paul-Löbe-Haus des Bundestags vor. Veröffentlicht wurde die Strategie auf Deutsch, Englisch als „German Space Safety and Security Strategy“ und Französisch als „Stratégie de sécurité spatiale“.

Federführend waren das Bundesministerium der Verteidigung und das Auswärtige Amt; die Redaktion übernahm die Abteilung Politik des Verteidigungsministeriums. Frankreich veröffentlichte etwa zur gleichen Zeit seine „Stratégie nationale spatiale 2025–2040“. Die USA verfügen seit 2020 über eine vergleichbare Weltraumsicherheitsstrategie.

In Fachkreisen und Medien wurde die WRSS überwiegend positiv aufgenommen. Der Politikwissenschaftler Enrico Fels bewertete sie als Grundlage für eine nationale Weltraumsicherheitsarchitektur und als Schritt Deutschlands vom überwiegenden Nutzer zum aktiven Gestalter weltraumpolitischer Fähigkeiten.

Industrie will Tempo – und Verlässlichkeit

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