ZB Med Köln als Bibliothek des Jahres 2026 ausgezeichnet – trotz fehlender Lernplätze und Kürzungen
Die ZB Med in Köln-Lindenthal ist als „Bibliothek des Jahres 2026“ ausgezeichnet worden. Die Preisverleihung fand am Donnerstag auf dem Medizinischen Campus statt, verbunden mit einem Preisgeld von 20.000 Euro. Für den Wissenschaftsstandort Köln ist das ein großer Moment – und gleichzeitig einer mit einem ziemlich bitteren Beigeschmack.
Denn während die Stiftung öffentlichen Rechts für ihren digitalen Wandel gefeiert wird, steht sie wegen Kürzungen des Landes NRW finanziell unter Druck. Im September 2025 wurde für 2026 eine Kürzung um 20 Prozent angekündigt: Das Budget soll von 12 Millionen auf 10 Millionen Euro sinken. Zuvor war der Etat bereits von 13,2 auf 12 Millionen Euro reduziert worden. Zusätzlich erhält die ZB Med 3,4 Millionen Euro aus Drittmitteln.
Ausgezeichnet – aber ohne Lernplätze
Die Folgen sind im Alltag längst angekommen. Seit Juli gibt es keinen Vorort-Service mehr, die direkte Ausleihe an der Theke wurde eingestellt. Bücher werden nun per Post verschickt. Drei Arbeitsverträge liefen aus und wurden nicht verlängert. Entlassungen habe es laut ZB Med nicht gegeben.
Besonders schmerzlich ist für viele Studierende, dass sie die Bibliotheksräume nicht mehr als Lernplätze nutzen dürfen. Rund 200 Plätze, Klimatisierung, Ruhe und ausreichend Steckdosen hatten die Räume zuvor zu einem beliebten Rückzugsort gemacht. Nachmittags sei auf dem Medizinischen Campus kaum etwas frei, berichten Studierende. Die Lernbereiche der Uniklinik seien laut, die Universitätsbibliothek zu weit entfernt und überfüllt. Und wenn im Sommer die Luft steht, sind klimatisierte Räume eben nicht bloß ein netter Zusatz.
Hinter der Einschränkung steckt Personalmangel. Das NRW-Ministerium habe vorgegeben, dass sich die ZB Med auf ihre Kernaufgabe konzentrieren solle: die überregionale Bereitstellung von Forschungsliteratur, nicht den Betrieb von Lernplätzen. Bibliotheksleiterin Miriam Albers hofft trotzdem weiter auf eine Lösung mit dem Land NRW und der Universität.
Digitale Unabhängigkeit mit 80 Millionen Datensätzen
Die ZB Med bewahrt weiterhin gedruckte Bestände zu Krankheiten und Gesundheitsthemen auf. Im Mittelpunkt der Preisverleihung stand aber vor allem der erfolgreiche digitale Wandel. Arzt und Moderator Doc Esser betonte, medizinische Informationen seien heute ortsunabhängig und jederzeit digital verfügbar. Eine moderne Bibliothek müsse Wissen zugänglich, auffindbar, verknüpfbar und verlässlich machen.
Ein wichtiges Werkzeug dafür ist das Suchportal Livivo. Es umfasst mehr als 80 Millionen Datensätze. Mit dem Portal will die ZB Med die digitale Unabhängigkeit von US-amerikanischen Plattformen wie PubMed stärken. Der schnelle und kostenlose Zugang zu aktueller medizinischer Literatur ist dabei nicht nur für Forschende interessant, sondern kann auch für Patienten relevant sein.
Die Jury des Bibliotheksverbandes würdigte den „Pioniergeist“ der ZB Med beim Forschungsdatenmanagement sowie ihr Engagement für Open Science. Gemeint ist Forschung, die transparent, nachvollziehbar und zugänglich bleibt – also nicht hinter Bezahlschranken und schwer auffindbaren Daten verschwindet.
Ein Titel für Köln
Bürgermeisterin Derya Karadag bezeichnete die Auszeichnung als Anerkennung für den Wissenschaftsstandort Köln. Leistungsfähige Forschungsinfrastruktur sei dafür von großer Bedeutung. Die ZB Med ist die erste wissenschaftliche Bibliothek in NRW, die diesen Titel erhält.
In Köln gab es den Namen allerdings schon einmal: 2015 wurde die Stadtbibliothek als „Bibliothek des Jahres“ ausgezeichnet. Nun folgt die ZB Med – mit einem Preis, der ihren digitalen Kurs bestätigt, während vor Ort ausgerechnet die Plätze zum Lernen fehlen.
Am 2.11.2026 bleibt damit ein etwas schiefes Bild zurück: eine Bibliothek, die international zugängliche medizinische Informationen bündelt und mit Livivo gegen die Abhängigkeit von großen US-Plattformen anarbeitet, deren eigene Räume für Studierende aber verschlossen bleiben. Auf dem Medizinischen Campus dürfte diese Spannung noch länger Gesprächsstoff sein.
