Bodensee auf Rekordtief: Niedrigwasser legt Häfen trocken und verschärft Klimasorgen
Am 7. Oktober 2026 wirkt der Bodensee bei Konstanz ungewöhnlich weit weg. Der Pegel liegt mehr als einen Meter unter dem langjährigen Durchschnitt. Und in den kommenden Wochen dürfte das Wasser zunächst weiter zurückgehen. Neue Rekordtiefststände sind möglich.
Normalerweise erreicht der See seinen jährlichen Tiefststand im Februar oder März. Jetzt liegen bereits Ufer- und Flachwasserbereiche trocken, die sonst erst später oder gar nicht trockenfallen. Bei Moos sank eine 74-jährige Frau am Ufer bis zum Bauch im Schlamm ein – sie blieb unverletzt. Die Bodensee-Schiffsbetriebe stellten die Schifffahrt auf dem Untersee mit sofortiger Wirkung vollständig ein.
Leere Häfen, abgesagte Regatta
Für Hafenbetreiber, Wassersportvereine und Bootsbesitzer ist das Niedrigwasser längst mehr als ein schiefer Blick auf den Pegel. In Gaienhofen-Horn sind die Einnahmen aus Gastliegegebühren nach Angaben des Hafenmeisters auf etwa zehn Prozent eines normalen Jahres gesunken. In vielen Häfen mussten Segler ihre Boote deutlich früher aus dem Wasser holen. Im Hafen von Moos am Untersee wurden auch die letzten Segelboote ausgewassert, damit sie nicht auflaufen.
Nonnenhorn kennt Sandablagerungen und baggert den Hafen normalerweise alle fünf bis sieben Jahre aus. Gegen ein derart extremes Niedrigwasser hilft das allerdings nicht. Weil Liegeplätze für Boote mit größerem Tiefgang fehlten, wurde dort eine Einhandregatta abgesagt. Die fünf Gastliegeplätze waren im Juli und August sonst nahezu durchgehend belegt – 2026 nicht.
Auch am Westhafen in Hagnau mussten tiefgehende Boote frühzeitig aus dem Wasser. Für die meisten Boote ist der Hafen noch tief genug; im alten und im Osthafen liegen dagegen mehrere Boote auf dem Trockenen. Variable oder geringe Tiefgänge kommen besser durch. Laut einem Hagnauer Hafenmeister greifen deshalb zunehmend mehr Segler auf solche Boote zurück.
Rekordwerte und fehlendes Wasser
Die Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) hatte bereits am 13. August 2026 am Pegel Konstanz 275 Zentimeter gemessen. Das war der neue Tiefststand des Jahres und deutlich weniger als die 300 Zentimeter, die am 13. August 2003 gemessen worden waren. Der Vergleich reicht bis 1850 zurück. Der niedrigste Wasserstand des Jahres hatte zuvor am 9. Februar bei 276 Zentimetern gelegen.
Der historische Tiefstwert der gesamten Messreihe wurde Ende Februar beziehungsweise Anfang März 1858 registriert: mehrere Tage lang 226 Zentimeter. Auch der derzeitige Wert liegt noch darüber, doch der Blick auf die nächsten Wochen macht wenig Mut. Für die kommenden Tage wird zunächst ein weiterer Rückgang erwartet. Die Verdunstung kann an heißen Sommertagen bis zu 30 Kubikmeter pro Sekunde erreichen – ungefähr das Volumen eines Tanklastwagens, und zwar pro Sekunde. Normalerweise gleichen die Zuflüsse diesen Verlust aus. Derzeit führen sie deutlich weniger Wasser, allen voran der Alpenrhein.
Seit Ende November 2025 fielen in Baden-Württemberg und im alpinen Einzugsgebiet unterdurchschnittliche Niederschläge. Dazu kamen schneearme Winter in den Alpen, ausbleibender Regen, hohe Temperaturen und verstärkte Verdunstung. Im Herbst sinkt der Bodenseepegel üblicherweise ohnehin, weil weniger Wasser aus den alpinen Zuflüssen in den See gelangt. Diesmal kommt einiges zusammen.
Im baden-württembergischen Bad Schussenried war der September 2026 laut Wetterwarte Süd der trockenste seit Beginn der Messungen 1968. Im Jahresverlauf fehlen dort bislang rund 50 Prozent des Niederschlags; bis auf den Februar waren alle Monate zu trocken. Als Gründe nennt die Wetterwarte intensive Sonneneinstrahlung, geringe Luftfeuchtigkeit und anhaltenden Wind. Auch der Klimawandel habe Einfluss auf die außergewöhnliche Trockenheit.
Wann kommt die Erholung?
Für eine nachhaltige Erholung bräuchte es im Herbst und Winter deutlich überdurchschnittliche Niederschläge. Entscheidend wird außerdem, wie viel Schnee in den Alpen fällt und wie viel Schmelzwasser 2027 in den Bodensee gelangt. Wann sich der Pegel erholt und wie stark, lässt sich derzeit nicht vorhersagen. Die LUBW verweist für aktuelle Informationen auf das Niedrigwasser-Informationszentrum Baden-Württemberg.
Die Landesanstalt untersucht zudem, ob das Niedrigwasser die Ufer- und Flachwasserzonen langfristig verändert. Umweltministerin Thekla Walker erklärte, die Klimakrise verändere den Wasserhaushalt: Im Sommer werde voraussichtlich weniger Wasser verfügbar sein. Im Winter könne die vollständige Durchmischung des Sees wegen höherer Temperaturen ausbleiben, was den Sauerstoffgehalt beeinträchtigen könne. Für den Schutz des Sees als Ökosystem und Trinkwasserspeicher seien weiteres Monitoring und Forschung erforderlich.
Ganz ungewöhnlich ist ein niedriger Wasserstand statistisch allerdings nicht. Die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) erklärte 2025, ein solcher Wert werde im Winterhalbjahr etwa alle zwei Jahre erreicht – normalerweise nur früher im Jahr. Mitte März hatte der Wasserstand unter den damaligen Mittelwerten gelegen, Anfang April näherte er sich dem niedrigsten jemals zu dieser Jahreszeit gemessenen Wert. Niederschläge in den zwei Wochen vor der Veröffentlichung ließen den Pegel damals wieder steigen. Am Pegel Bregenz lag er bei 313 Zentimetern und damit 34 Zentimeter über dem bisherigen Minimalwert für diesen Tag.
Ein See mit vielen Zuflüssen – und neuen Belastungen
Die Anrainerstaaten gründeten die IGKB 1959. Sie initiiert Forschungsprojekte und veröffentlicht Stellungnahmen zum Gewässerschutz. Bei ihrer Kommissionstagung 2025 beschäftigte sie sich unter anderem mit dem Wasserhaushalt des Bodensees. Der Wasserspiegel schwankt im Jahresverlauf stark und hing im Mittel der vergangenen 30 Jahre um etwa 1,2 Meter. Ursache sind vor allem die unterschiedlich großen Zuflussmengen, die wiederum stark von Regen und Schnee abhängen.
Rund 200 Zuflüsse speisen den See und bringen zusammen etwa 350 Kubikmeter Wasser pro Sekunde. Der Alpenrhein steuert mit rund 62 Prozent den mit Abstand größten Anteil bei. Der wichtigste Wasserverlust erfolgt über den Abfluss durch den Seerhein. Anders als bei vielen anderen Gewässern verändern sich die Abflussmengen am Bodensee deutlich weniger, weil er zu den wenigen unregulierten Alpenseen gehört. Einfluss haben außerdem alpine Wasserkraft und Speicherseen, historische bauliche Maßnahmen am Auslauf des Obersees, das Pflanzenwachstum im Seerhein und der Klimawandel.
Beim Vergleich der Zeiträume 1961–1990 und 1991–2023 sanken die mittleren Wasserstände im Sommer deutlich, während sie im Winter tendenziell zunahmen. Die mittleren sommerlichen Wasserstände gingen um etwa 40 Zentimeter zurück. Der typische Jahresverlauf bleibt dennoch erhalten: Im Sommer liegt der Wasserspiegel durchschnittlich mehr als einen Meter höher als im Winter.
Die IGKB untersuchte auch den limnologischen Zustand des Sees. Tiefe winterliche Wasserstände hatten demnach keine negativen Auswirkungen auf das Ökosystem. Sorgen bereitet der Kommission dagegen unter anderem die Quagga-Muschel. Sie kommt inzwischen am gesamten Seeboden vor, mit Dichten von etwa 800 bis über 10.000 Exemplaren pro Quadratmeter. Welche Folgen das für das Ökosystem hat, ist derzeit kaum abzuschätzen.
Die IGKB unterstützt deshalb Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung der Muschel in andere Seen, insbesondere die gründliche Reinigung von Wanderbooten. Das neu gestartete INTERREG-Forschungsprojekt „SeeWandel-Klima“ soll die Folgen des Klimawandels und invasiver Arten für das Bodensee-Ökosystem prognostizieren. Die Ergebnisse sollen Grundlagen für eine nachhaltige künftige Nutzung des Sees liefern – während in Moos gerade Schlick an den Schuhen klebt und die nächste Auswasserung organisiert wird.
