Am 2. November 2026 spricht an der Uni Konstanz vieles über Protest: über volle Straßen, politische Wut und die Frage, wann aus einer Demonstration eine Eskalation wird. Sebastian Koos bewertet die Demonstrationen am Wochenende differenziert. Viele junge Menschen wollten ihre Zukunft politisch mitgestalten, die meisten hätten friedlich demonstriert. Zwischen den Städten habe es allerdings deutliche Unterschiede gegeben.

Die Plünderungen etwa in Frankfurt ordnet Koos nicht als politischen Protest ein. Ihre Hintergründe seien noch zu klären. An Proteste könnten sich Trittbrettfahrer anhängen, um Stimmung zu machen. Gewalt könne aber ebenso von Personen ausgehen, die die politischen Anliegen der Demonstrierenden teilen. Das macht die Sache kompliziert – und passt schlecht in einfache Bilder.

Drei Wege des Protests

Koos unterscheidet drei Protesttaktiken. Der konventionelle Protest umfasst angemeldete, friedliche Demonstrationen. Disruptiver Protest geht weiter, etwa bei Sitzblockaden der „Letzten Generation“, durch die der Verkehr zum Erliegen kommt. Gewalttätiger Protest bildet die höchste Eskalationsstufe.

Für die Protestforschung ist genau diese Spannbreite interessant. Das Institut für Protest- und Bewegungsforschung, kurz ipb, untersucht aktuelle und vergangene Proteste sowie soziale Bewegungen. Mehr als 200 Forschende arbeiten dort zusammen, unter anderem in Arbeitskreisen, Workshops und Konferenzen. Das Institut veröffentlicht Forschungsergebnisse und vermittelt Wissen an die Öffentlichkeit.

Sein Blick reicht von Bürgerinitiativen und digitalen Bewegungen bis zu Aufständen in autoritären Staaten, rechtsradikalen Aufmärschen und Graffiti. Gefragt wird, wer demonstriert und welche Formen des Widerstands Menschen wählen, wann Demokratiebewegungen erfolgreich sind oder scheitern und wie digitale Vernetzung die Rolle politischer Organisationen verändert. Auch die Frage, welches Engagement demokratische Kultur stärkt oder Diskriminierung fördert, gehört dazu.

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Nach Darstellung des ipb ist die sozialwissenschaftliche Protestforschung im deutschsprachigen Raum bisher episodisch und lückenhaft. Das Institut versteht sich deshalb als dauerhafter Arbeitszusammenhang zur Erforschung einer „Politik von unten“. Es bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Europa und anderen Teilen der Welt zusammen. Die Gründung geht auf eine Gruppe von Forschenden zurück, die den Verein für Protest- und Bewegungsforschung gründete. Im Frühjahr 2013 nahm die Institutsinitiative gemeinsam mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und der Technischen Universität Berlin ihre Arbeit auf.

Frankreich, Deutschland und die Ungeduld der Jungen

Simon Teune erklärte am 2. November 2026, Jugendliche seien mit Kriegen, Klimakrise und fehlendem bezahlbarem Wohnraum konfrontiert. Zugleich werde das politische System teilweise als Teil des Problems wahrgenommen. Felix Anderl sagte am 1. November 2026, Proteste seien vor dem Hintergrund einer allgemeinen gesellschaftlichen Unzufriedenheit zu verstehen, bei der staatliche Aufgaben verschoben würden.

Eine starke Fokussierung auf Gewalt kritisierte Sabrina Zajak am 30. Oktober 2026. Sie wies auf Unterschiede zwischen der französischen und deutschen Protestkultur hin. Katharina Fritsch warnte ebenfalls davor, Protest durch die ausschließliche Konzentration auf Gewalt zu kriminalisieren und dadurch die Anliegen der Demonstrierenden auszublenden.

Nina-Kathrin Wienkoop erläuterte am 29. Oktober 2026, Initiatorinnen und Initiatoren, Anmelderinnen und Anmelder sowie die tatsächlichen Teilnehmenden eines Protests könnten unterschiedliche Gruppen sein. Außerdem warnte sie davor, die polizeiliche Einsatzplanung in Deutschland durch die Entwicklung von Demonstrationen in Frankreich bestimmen zu lassen.

In Frankreich, so Peter Ullrich, gebe es eine konfrontativere Protestkultur, ein vergleichsweise geschlossenes politisches System und eine stärker militarisierte Polizei. Die französische Protestkultur neige stärker zu militanten Aktionsformen, unter anderem wegen der begrenzten Zugänglichkeit des politischen Systems. Nina Wienkoop beschrieb dort eine Verbindung zwischen konkreten Anliegen, sozialen und klassenbezogenen Fragen sowie Fragen der Generationengerechtigkeit.

Simon Teune führte die Eskalation in Frankreich unter anderem auf eine Vorgeschichte von Protesten und frühe polizeiliche Gewalt gegen Schülerproteste zurück. Junge Menschen fühlten sich in alternden Gesellschaften als statistische Minderheit und politisch nicht ausreichend gehört, sagte Wienkoop. Dieter Rucht, Wienkoop und Teune nannten weitere Unterschiede: In Frankreich gebe es eine stärkere Tradition, sich gegen den Staat aufzulehnen. In Deutschland bestehe dagegen eine ausgeprägte Angst vor Chaos, unter anderem im Zusammenhang mit den Erfahrungen der Weimarer Republik. Viele Menschen hätten außerdem den Eindruck, Protest bewirke wenig.

Teune bezeichnete Forderungen nach Einschränkungen oder Verboten von Protesten als problematisch, weil sie Grundrechte einschränken und die Kluft zwischen Regierenden und Regierten vergrößern könnten. Zajak erklärte, das Versprechen gesellschaftlichen Fortschritts und gleicher Chancen verliere an Glaubwürdigkeit; dadurch könnten Zukunftsperspektiven und Vertrauen in Institutionen abnehmen.

Auch die politischen Strukturen spielen hinein: Frankreich ist zentralistisch organisiert, Gesetze können nach starkem Widerstand abgeschwächt oder zurückgenommen werden. Deutschland ist föderal organisiert, wodurch verschiedene Gruppen bereits im Gesetzgebungsprozess beteiligt werden. Protest läuft hier also nicht immer gegen eine einzige Wand, manchmal eher gegen viele kleinere – was nicht unbedingt weniger mühsam ist.

Johanna Wahl berichtete am 26. Oktober 2026 über den Einsatz künstlicher Intelligenz zur Erstellung von Protestkampagnen und einheitlichen Symboliken in Madagaskar. Zajak erklärte, Protestierende lernten voneinander; Berichte über Proteste könnten als Impuls für neue Mobilisierungen dienen, ohne dass eine grenzüberschreitende Koordination nötig sei.

Vom Protestereignis zum Datensatz

Seit den 1990er-Jahren prägen insbesondere Migration, Umwelt und Wohlfahrt das Protestgeschehen in Deutschland. In der Protestarena kommt es zu Mobilisierung und Gegenmobilisierung, teilweise mit gewalttätigem Verlauf. Das WZB-ProtestMonitoring erfasst diese deutsche Protestlandschaft systematisch.

Untersucht werden zeitliche und räumliche Zusammenhänge von Protestereignissen, öffentliche Diskurse und Gelegenheitsstrukturen für Protest und Radikalisierung sowie Radikalisierungsverläufe einzelner Protestakteurinnen und -akteure. Die Datenerhebung verbindet drei Bereiche: eine systematische Erfassung von Protestereignissen seit den 1950er-Jahren mit Angaben zu Protestform, Ort, Zeitpunkt, Teilnehmerzahl und thematischer Ausrichtung; die Daten schließen rückwirkend an den Prodat-Datensatz an. Hinzu kommen Analysen öffentlicher Debatten im Zusammenhang mit Protestereignissen und politischer Gewalt sowie langfristiger Radikalisierungsdynamiken in der Öffentlichkeit. Untersucht werden außerdem radikalisierte Protestakteurinnen und -akteure und ihre sozialstrukturellen Merkmale.

Grundlage sind unter anderem Berichte überregionaler und regionaler Tageszeitungen. Für die quantitative Inhaltsanalyse werden automatisierte und manuelle Verfahren kombiniert. Das WZB-ProtestMonitoring ist Teil des Forschungsclusters „Monitoringsystem und Transferplattform Radikalisierung“ (MOTRA). MOTRA wird im Rahmen der zivilen Sicherheitsforschung vom Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie vom Bundesministerium des Innern gefördert. Am WZB sind das Zentrum für Zivilgesellschaftsforschung und die Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung beteiligt.

Zum Angebot des ipb gehören Termine und Veranstaltungen, Publikationen, Projekte, Arbeitskreise, Mitglieder, Verein und Medienbeiträge. Im Podcast „Tee & Taktik“ diskutieren Lea Bonasera, Lotte Schwarz und Simon Teune Ergebnisse der ipb-Jahrestagung und Erkenntnisse der Protestforschung. Myriam Ahmed fasst den Forschungsstand zu Protesten in Westasien und Nordafrika zusammen und plädiert für eine zeitliche, räumliche und thematische Erweiterung der Perspektive. Michael Zeller veröffentlicht 2026 das Buch „Demobilising the Far Right: How Societal Actors Counter Far-Right Social Forces“.

Am 13. November 2026 ist an der Technischen Universität Berlin der Workshop „Policing Activism im Diskursfeld Israel-Palästina-Konflikt und Antisemitismus“ angekündigt. Am 20. November 2026 folgt von 13–15 Uhr der Online-Workshop „Wissenschaftskommunikation und Social Media“.

Wer nach der Veranstaltung an der Uni Konstanz noch weiterliest, landet schnell bei Zahlen, Debatten und offenen Fragen: bei friedlichen Kundgebungen, Sitzblockaden, Plünderungen, digitalen Symbolen – und bei Menschen, die irgendwo zwischen Frust und Hoffnung ein Transparent hochhalten.