Semesterbeitrag, Wohnkosten, BAföG: Warum Studierende finanziell unter Druck geraten
Für Inken Gatena beginnt das Wintersemester mit einem Schock. Die 26-Jährige studiert an der Leuphana Universität in Lüneburg und muss dort nun einen so hohen Semesterbeitrag wie nie zuvor zahlen. Fast 485 Euro werden laut einem Beitrag von NDR Info inzwischen fällig.
Das Geld fehlt dann an anderer Stelle. Wegen ihrer finanziellen Situation sagt Gatena nach eigenen Angaben häufiger Treffen mit Freunden ab, weil am Monatsende nichts mehr übrig bleibt. Ein Kaffee, ein Abendessen, spontan noch irgendwohin – klingt harmlos, wird aber schnell zur Rechnung, die nicht mehr aufgeht.
Wenn der Semesterbeitrag zum Monatsproblem wird
Der NDR-Beitrag untersucht, warum der finanzielle Druck auf viele Studierende steigt, welche Folgen die Belastung hat und weshalb BAföG nur eingeschränkt hilft. Die Studienfinanzberaterin Aye sagt darin: BAföG reiche zum Leben nicht mehr aus.
Die Zahlen zeichnen ein enges Bild. Nach Angaben des Deutschen Studierendenwerks müssen etwa ein Drittel der Studierenden mit weniger als 800 Euro monatlich auskommen. Ein WG-Zimmer kostet im Durchschnitt 489 Euro, in München etwa 790 Euro. Für knapp drei Millionen Studierende gibt es etwas mehr als 240.000 Wohnheimplätze. Rund 90 Prozent müssen deshalb bei ihren Eltern wohnen oder auf dem freien Wohnungsmarkt suchen.
Dort ist die Lage gerade in Städten schwierig. Verfügbare Wohnungen sind laut Studierendenvertretung häufig klein, sanierungsbedürftig oder mit Mängeln wie Schimmel und defekten Heizungen behaftet. Zusätzlich zu Miete und Lebensmitteln müssen Studierende Laptops, Semesterbeiträge und Studienmaterialien bezahlen. Laut Statistischem Bundesamt verwenden sie durchschnittlich 54 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für Wohnkosten – mehr als doppelt so viel wie die Gesamtbevölkerung.
BAföG hilft – aber längst nicht allen
Nur rund zwölf Prozent der Studierenden erhalten BAföG. Die durchschnittliche Förderung beträgt 475 Euro, dazu kommen 380 Euro Wohnkostenpauschale – insgesamt 855 Euro. Der BAföG-Höchstsatz liegt bei 992 Euro und damit laut Paritätischem Wohlfahrtsverband unter der Armutsgrenze.
2023 waren laut einer Verbandsanalyse 36 Prozent aller Studierenden von Armut betroffen. Bei Studierenden, die allein oder in Wohngemeinschaften leben, lag der Anteil bei über 80 Prozent. Der fzs, das Deutsche Studierendenwerk und der Paritätische Wohlfahrtsverband fordern deshalb eine deutliche Erhöhung der BAföG-Sätze. Sie sollen automatisch und regelmäßig an die Preis- und Einkommensentwicklung angepasst werden. Auch die Elternfreibeträge müssten steigen, damit mehr Studierende Unterstützung erhalten.
Der Streit reicht bis nach Karlsruhe: Am 23. September 2024 wies das Bundesverfassungsgericht die Klage einer ehemaligen Studentin auf höhere BAföG-Leistungen ab. Das Gericht stellte fest, dass kein verfassungsrechtlicher Anspruch auf staatliche Finanzierung eines Studiums bestehe. Der Studierendenverband fzs kritisierte, das Urteil bedeute faktisch, dass Studierende keinen Anspruch auf das Existenzminimum hätten.
Hinzu kommt die Rückzahlung. Derzeit muss die Hälfte der BAföG-Leistungen zurückgezahlt werden, möglich sind bis zu 10.000 Euro. Der fzs fordert deshalb, BAföG wieder vollständig als Zuschuss zu gewähren. Gerade Menschen aus ärmeren Familien könnten von der Aussicht auf Schulden vom Studium abgeschreckt werden.
Eine Reform mit Verspätung
Am 12. August 2026 kündigte die Bundesregierung eine umfassende BAföG-Reform an. Geplant sind höhere Fördersätze und ein modernisiertes Antragsverfahren. Die Reform entstand nach längeren Koalitionsverhandlungen, in denen finanzpolitische Einschränkungen und bildungspolitische Ziele gegeneinander abgewogen wurden.
Die Wohnkostenpauschale soll ab Sommer 2027 von 380 auf 440 Euro steigen. Der BAföG-Grundbedarf soll 2027 auf 503 Euro und 2029 auf 563 Euro angehoben werden. Damit soll das Niveau der Grundsicherung erreicht werden. Ab 2028 sollen die Einkommensfreibeträge der Eltern jährlich um 1,5 Prozent steigen, damit der Kreis der Förderberechtigten stabil bleibt und die Inflation berücksichtigt wird.
Auch der Papierkram soll weniger zäh werden: Nutzerfreundlichere digitale Formulare sind vorgesehen, außerdem soll der Leistungsnachweis ab dem fünften Fachsemester entfallen. Die Antragstellung soll dadurch einfacher werden und die Zahl der BAföG-Anträge steigen. 2025 hatte die Zahl der BAföG-Empfänger den niedrigsten Stand seit 25 Jahren erreicht.
Dass die Erhöhung der Wohnkostenpauschale vom Wintersemester 2026 auf den Sommer 2027 verschoben wurde, löste politische Diskussionen aus. Die Bundesregierung begründet die Verzögerung mit der angespannten Haushaltslage. Studierendenvertretungen und Teile der SPD kritisieren sie als Rückschritt in der Bildungspolitik. Dahinter steht der Zielkonflikt zwischen Haushaltskonsolidierung und sozialpolitischer Unterstützung. Langfristig soll die Reform das BAföG attraktiver und leichter zugänglich machen und die soziale Selektivität des Hochschulsystems verringern.
Geldsorgen, Gebäude, Psyche
Der finanzielle Druck endet nicht beim Kontoauszug. Die psychischen Belastungen unter Studierenden nehmen zu, die Beratungsstellen der Studierendenwerke sind laut Deutschem Studierendenwerk stark überlastet. Es wird von einer Krise unter jungen Menschen gesprochen. Bund und Länder sollen mehr Geld für psychosoziale Beratungsangebote bereitstellen. Die Studierendenvertretung warnt, das Gefühl politischer Vernachlässigung könne langfristig zu Politikverdrossenheit führen.
Auch die Hochschulen selbst stehen unter Druck. Der Wissenschaftsrat schätzt den Sanierungsstau an deutschen Hochschulen auf rund 60 Milliarden Euro. Gebäude sind teilweise undicht, von Schimmel betroffen oder technisch mangelhaft. Bund und Länder sollen den Sanierungsstau gemeinsam angehen; bis 2045 müssen die Gebäude klimaneutral werden.
Für zusätzliche Studentenwohnheime soll das seit 2023 bestehende Programm „Junges Wohnen“ fortgeführt werden. Das wäre angesichts der knappen Plätze dringend nötig. In Lüneburg bleibt für viele derzeit vor allem die Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft, während der Semesterbeitrag bereits vor dem ersten Mensaessen auf fast 485 Euro steigt.
Der NDR-Info-Beitrag wurde am 19. Oktober 2026 ausgestrahlt, ist zehn Minuten lang und bis zum 18. Oktober 2028 verfügbar. Moderiert wird die Sendung von Max Seib, die Interviews führte Markus Schubert, Produktion und Distribution übernahm Emily Payant. Quelle: NDR Info. Weitere Informationen: tagesschau und deutsch-lesen.com.
