Die Mirakel des heiligen Goar als Fenster in die Gesellschaft am Mittelrhein
Am Donnerstag, 12. November 2026, geht es in der Villa am Rupertsberg in Bingen um einen Heiligen, dessen Spuren tief in die Geschichte des Mittelrheins führen: Prof. Dr. Wolfgang Schmid von der Universität Trier spricht um 18 Uhr über „Die Mirakel des hl. Goar: Kirche, Wirtschaft und Gesellschaft am Mittelrhein im frühen Mittelalter“.
Die Veranstaltung in der Villa am Rupertsberg, Am Rupertsberg 18, bildet den Abschluss des „Geschichtsherbstes“ der Historischen Gesellschaft Bingen e.V. Der Eintritt ist frei. Die Ankündigung wurde am 2. November 2026 um 13:35 Uhr veröffentlicht.
Wunder, Wege und ein Hospiz am Rhein
Die um 765 vermutlich in Prüm verfasste Lebensbeschreibung des heiligen Goar zählt zu den ältesten hagiografischen Texten im Rheinland. Die Wunder an seinem Grab wurden im Jahr 839 schriftlich festgehalten. Für die Forschung sind diese Mirakel weit mehr als fromme Erzählungen: Sie gelten als wichtige Quelle zur Kirchen-, Handels- und Verkehrsgeschichte des Mittelrheins im 8. und 9. Jahrhundert.
Goar war um 525 vom Trierer Bischof an den Mittelrhein entsandt worden und errichtete dort ein Hospiz für Reisende. Kaiser und Könige, Kaufleute sowie Rompilger passierten St. Goar schon damals in großer Zahl. Dabei kamen sie mit Goar in Kontakt, der an einer besonders unfallträchtigen Stelle des Rheins verehrt wurde. Ein ziemlich harter Arbeitsort für einen Einsiedler.
Über Goars Leben ist allerdings wenig bekannt. Er wurde um 495 geboren und starb 575. Der Priester aus Aquitanien ließ sich am Rhein am Ort des heutigen Sankt Goar nieder und missionierte dort. Eine um etwa 850 verfasste Vita des Prümer Mönchs Wandalbert beruht auf älteren Überlieferungen. Goar soll der Sohn von Georgius und Valeria gewesen sein.
Zu Beginn der Herrschaft König Childeberts I. verließ er Aquitanien und zog in das Gebiet König Theuderichs I. Der Trierer Erzbischof Fibicius gestattete ihm 511, sich am linken Mittelrheinufer niederzulassen. Dort errichtete Goar eine kleine Kirche, bewahrte Reliquien auf, predigte der überwiegend heidnischen Bevölkerung und lebte als betender und asketischer Einsiedler. Überliefert werden vor allem seine Güte und Freundlichkeit.
Vom Grab zur Wallfahrt
Nach seinem Tod wurden sein Grab und seine frühere Zelle zu einer Wallfahrtsstätte; der Ort wurde nach ihm benannt. In Sankt Goar entstand eine Klerikergemeinschaft, deren Anfänge möglicherweise auf Goar zurückgingen. König Pippin übertrug die „Zelle des Goar“ 765 dem Prümer Abt Assuer lebenslang zur persönlichen Nutzung. Karl der Große wandelte diese Schenkung um 782 in eine Schenkung an die Abtei Prüm um. Dabei werden sechs ansässige Kleriker erwähnt.
Danach übernahm das Stift Prüm die Seelsorge und den Gottesdienst in Sankt Goar und förderte die Wallfahrt. Der Prümer Kleriker Wandalbert verfasste deshalb um 850 eine Vita Goars. Abt Assuer ließ eine neue Kirche errichten, die spätestens 781 geweiht wurde. Sankt Goar entwickelte sich zu einem der drei Hauptsitze des Prümer Abtes.
Im 11. Jahrhundert bestand dort ein Kollegiatstift mit zwölf Kanonikern und neun Vikarien unter Leitung eines Dekans. Um 1100 wurde die heutige Stiftskirche mit dreischiffiger Krypta errichtet. Die Chortürme und der heutige Chor stammen aus der Mitte des 13. Jahrhunderts. Ab 1444 entstand das heutige Langhaus. Unter Graf Philipp I. von Katzenelnbogen, der von 1444 bis 1479 regierte, wurde die Kirche unter anderem mit Fresken und figürlichen Buntglasfenstern ausgestattet.
Bereits 1449 hatte der Prümer Abt Johann die Rechte am Stift an Graf Philipp von Katzenelnbogen verkauft. Dadurch gehörte das Stift zum Herrschaftsgebiet der Grafen von Katzenelnbogen und fiel 1479 durch Erbfolge an die Landgrafen von Hessen. Landgraf Philipp I. von Hessen führte die Reformation ein und hob das Stift 1527 auf. Am 1. Januar 1528 wurde in der Stiftskirche der erste evangelische Gottesdienst gefeiert.
Der katholische Kult und die Wallfahrten wurden verboten, das Grab Goars beseitigt und die Stiftsherren vertrieben. Erst Landgraf Ernst I. von Hessen-Rheinfels-Rotenburg, ein Urenkel Philipps, brachte 1652 eine Wende: Er konvertierte zum Katholizismus, überließ zunächst die Krypta der Stiftskirche den Katholiken und ließ anschließend die katholische Kirche St. Goar und St. Elisabeth errichten. Sie wurde 1660 geweiht.
Die kunstvolle Tumbaplatte vom Grab Goars wurde in die neue Kirche übertragen und befindet sich dort heute über dem rechten Seitenaltar. Die historische Stiftskirche blieb im Besitz der evangelischen Gemeinde. Die größte nach der Reformation erhaltene Reliquie Goars ist eine Armreliquie in der St.-Castor-Basilika in Koblenz.
Schiffe, Hirschkühe und ein Sonnenstrahl
Auch der heilige Castor soll als Einsiedler aus Aquitanien in das Bistum Trier gekommen sein; möglicherweise orientierte sich Goar an dessen Vorbild. Der Überlieferung zufolge war Goar besonders gastfreundlich gegenüber Rheinschiffern und musste sich deshalb vor dem Trierer Bischof verantworten. Der Legende nach erlangte er Gnade, indem er Hut und Mantel an einem Sonnenstrahl aufhängte. Ein Bild, das man nicht so schnell vergisst.
Die Mirakel treiben es noch weiter: Goar soll den ihn verleumdenden Teufel getreten, verhindert haben, dass Wein aus dem offenen Spundloch eines Fasses lief, und zwei vom Hungertod bedrohte Priester mit der Milch von drei herbeigerufenen Hirschkühen gerettet haben. Außerdem habe er ein Schiff vor dem Untergang bewahrt und ein weiteres ohne Rudereinsatz von der Mosel rheinaufwärts bis nach Sankt Goar bewegt.
Die meisten Legenden beziehen sich auf seine Freundlichkeit sowie seine Hilfe für Schiffer und Reisende. Wegen seiner Gastfreundschaft gilt Goar als Patron der Töpfer, Ziegler und Gastwirte. Der Überlieferung nach brachte er Reben aus Südfrankreich an den Rhein und wird deshalb auch als Patron der Winzer verehrt. Fastrada, die vierte Ehefrau Karls des Großen, soll an Goars Grab von Zahnschmerzen geheilt worden sein.
Als Attribute werden ihm eine Hirschkuh, eine Schlange als Symbol des Teufels oder Töpfe zugeordnet. Goar wird als Patron der Töpfer, Ziegler, Winzer, Gastwirte und Schiffer sowie gegen Verleumdung und für einen guten Ruf angerufen. Der katholische Gedenktag ist nach dem Martyrologium Romanum der 6. Juli. Das Martyrologium beschreibt Goar als Priester aus Aquitanien, der mit Unterstützung des Trierer Bischofs ein Hospiz und ein Oratorium für Pilger errichtete.
Im Bistum Limburg wird sein Fest am 9. Juli, im Bistum Trier am 6. Juli gefeiert. In Muri in der Schweiz gibt es ebenfalls eine dem heiligen Goar geweihte Kirche.
Veranstaltungsort und Kontakt
Die Villa am Rupertsberg liegt in Bingen, Am Rupertsberg 18. Für Rückfragen ist das Museum am Strom, Museumstr. 3, 55411 Bingen am Rhein, zuständig. Telefonisch ist das Museum unter 06721/184-353 erreichbar, per E-Mail unter museum-am-strom@bingen.de. Weitere Informationen gibt es auf www.museum-am-strom.de.
