Frankreichs Studierendenproteste: Vom Uni-Blockadeprotest zum landesweiten Aufruhr unerquicklich
Für Julius Gutmann, Student aus Mainz, begann das französische Chaos nicht mit brennenden Autos. Es begann mit Schülerinnen und Schülern, die gegen marode Schulgebäude, zu große Klassen, lange Schulzeiten, fehlende Lehrkräfte und ungleiche Bildungschancen protestierten. Gutmann erlebt die Folgen derzeit in Paris hautnah – zwischen Universitätsblockaden, Online-Vorlesungen und Straßen, in denen der Rauch von brennenden Mülltonnen hing.
Französische Studierende schlossen sich der Schülerbewegung an. Ihr Frust geht über das Bildungssystem hinaus: unsichere Zukunftsperspektiven, hohe Lebenshaltungskosten, fehlender Wohnraum und berufliche Unsicherheit treiben viele auf die Straße. Vor etwa drei Wochen begannen in Paris die sogenannten „blocus“. Studierende versperrten Universitätseingänge mit Mülltonnen und bauten Barrikaden. Eine Pförtnerin erzählte Gutmann sogar, dass Studierende die Mülltonne ihres Wohnhauses gestohlen und zur nahegelegenen Universität gebracht hatten.
Vom „blocus“ zum Straßenbrand
Zunächst blieben die Universitäten geschlossen, der Lehrbetrieb wurde teilweise eingestellt. Einige Hochschulen wechselten auf Online-Unterricht. Für Gutmann bedeutete das technische Probleme, weniger Aufmerksamkeit und vor allem: kein Austausch mit den Kommilitonen. Bildschirm an, Bildschirm aus – und dazwischen die Unruhe vor der Tür.
Die Blockaden verliefen anfangs überwiegend friedlich. Vor einer Universität wurde gemeinsam gegrillt, es wurde gesungen und gespielt. Zum darauffolgenden Wochenende kippte die Stimmung jedoch. Größere Aufstände, zunehmende Gewalt, brennende Mülltonnen, Fahrräder, Autos und Gebäude prägten das Bild. Geschäfte und Supermärkte wurden geplündert; in einigen Pariser Arrondissements blieben weiterhin viele Läden geschlossen.
Aus den Bildungsprotesten entwickelte sich ein landesweiter Aufruhr gegen soziale Ungerechtigkeit und die französische Regierung. Seit Beginn der folgenden Woche öffneten die meisten Universitäten wieder, kleinere Blockaden löste die Polizei auf. Trotzdem blieb die Zahl der Studierenden in den Vorlesungen deutlich niedriger – obwohl Anwesenheit in Frankreich normalerweise verpflichtend ist. Die ohnehin strengen Zugangskontrollen wurden weiter verschärft: Auf den Campus kommt nur, wer einen Studierendenausweis vorzeigen kann.
Gutmann beschreibt die Stimmung weiterhin als angespannt. Ob sich die Lage beruhigt oder erneut eskaliert, war für ihn offen. Der 24. Oktober ist dabei kein zufälliger Blick auf den Kalender: Für diesen Tag ist ein „Acte II“ angekündigt.
Schulen als Ausgangspunkt, zehn Milliarden als Forderung
Seit September 2026 gibt es in Frankreich Schülerproteste für bessere Lernbedingungen. Jugendliche verlangen mehr Lehrkräfte und kleinere Klassen, besser ausgestattete Schulen, weniger Unterrichtsausfall und höhere Bildungsinvestitionen. Außerdem kritisieren sie das Hochschul-Bewerbungsverfahren Parcoursup als undurchsichtig und fordern seine Abschaffung.
Schüler- und Studierendenvertretungen verlangen zusätzliche Bildungsinvestitionen von rund zehn Milliarden Euro. Berichte aus Schulen nennen provisorische Räume, fehlende Möbel, unbesetzte Lehrerstellen, Ratten und beschädigte Gebäude. Das klingt nicht nach einem kleinen Schönheitsfehler im System, eher nach Alltag mit bröckelnden Wänden.
Die Proteste weiteten sich bald auf hohe Spritpreise, niedrige Löhne und steigende Lebenshaltungskosten aus. Landwirte, Pflegekräfte, Feuerwehrleute, Gewerkschaften und Angehörige der Gelbwestenbewegung beteiligen sich. Reaktivierte Chatgruppen und soziale Netzwerke helfen bei der Vernetzung. Eine einheitliche Führung oder ein gemeinsames Programm ist allerdings nicht erkennbar.
Am 17. Oktober demonstrierten nach Regierungsangaben rund 550.000 Menschen, nach Angaben der Gewerkschaft CGT rund 800.000. Viele Kundgebungen verliefen friedlich. Gleichzeitig kam es in mehreren Städten zu Angriffen auf öffentliche Gebäude, Plünderungen und Bränden: In Limoges brannte das historische Rathaus, in Lyon ein Tourismusbüro, in Marseille wurde das Rathaus gestürmt. Geschäfte wurden in mehreren Städten geplündert.
Das Innenministerium meldete für den 17. Oktober 2.397 Festnahmen sowie 997 verletzte Polizisten und Gendarmen, darunter sieben Schwerverletzte. Diese Zahlen beziehen sich ausschließlich auf diesen Protesttag und sind keine Gesamtbilanz seit September. Am 19. Oktober konnte die Pariser Staatsanwältin außerdem eine Zugehörigkeit aller dort festgehaltenen Personen zu ultralinken Gruppen nicht bestätigen.
Verletzte, Kritik und politische Baustellen
Auch bei Polizeieinsätzen wurden schwere Verletzungen gemeldet. Ein 17-jähriger Demonstrant verlor in Saint-Étienne eine Hand. Eine 17-Jährige verlor in Mulhouse ein Auge; die Polizeiaufsicht IGPN ermittelt. In Paris starb laut Bericht ein Demonstrant nach einem Schwächeanfall.
Kritik gibt es deshalb sowohl am harten Vorgehen gegen überwiegend minderjährige Protestierende als auch an einer möglicherweise unzureichenden Einsatzplanung. Präsident Emmanuel Macron räumte Defizite bei Vorausplanung und nachrichtendienstlicher Aufklärung ein. Er kündigte Strafverfolgung gegen Verantwortliche für Ausschreitungen sowie Unterstützung für betroffene Geschäfte an.
Die Regierung will das Haushaltsdefizit verringern. Für 2027 sind Einsparungen beziehungsweise Maßnahmen von 43 Milliarden Euro vorgesehen. Zugleich verfügt die Regierung in der Nationalversammlung über keine eigene Mehrheit. Umstritten bleibt, welche Bevölkerungsgruppen die finanziellen Belastungen tragen sollen.
Für die Schulbildung sieht der Haushaltsentwurf rund 65,5 Milliarden Euro vor, gegenüber rund 64,4 Milliarden im ursprünglichen Budget für 2026. Daraus ergibt sich kein allgemeiner Rückgang des Schuletats. Bildungsministerium und Regierung kündigten außerdem mehr als 3.000 Vertretungslehrkräfte, mehrere hundert zusätzliche Einstellungen und zusätzliche Vertretungsstunden an. Bis zum 23. Oktober soll eine Onlinebefragung für Jugendliche laufen; erste Entscheidungen zu besseren Lernbedingungen sind bis Ende Oktober geplant.
Die Lehrergewerkschaft SNALC bremst die Erwartungen. Die meisten der 3.000 Vertretungslehrkräfte seien bereits vorhanden und könnten möglicherweise nicht am richtigen Ort oder im benötigten Fach eingesetzt werden. Für Menschen mit niedrigem Einkommen wurden Tankhilfen und Energiezuschüsse ausgezahlt oder zugesichert, für Landwirte sind weitere Hilfen vorgesehen. Innenminister Laurent Nuñez bot seinen Rücktritt an, doch Macron lehnte ihn ab. Nuñez blieb im Amt und soll Maßnahmen gegen Randalierer umsetzen.
Geplant sind Gespräche mit Schülern, Studierenden, Lehrkräften, Gewerkschaften, Arbeitgebern und weiteren gesellschaftlichen Gruppen. Weitere Aktionen sind für den 31. Oktober angekündigt, Streiks und Demonstrationen von fünf Gewerkschaften für den 5. November. Die französischen Herbstferien auf dem Festland dauern vom 17. Oktober bis zum Unterrichtsbeginn am 2. November.
Ein französischer Konflikt mit europäischem Echo
Macron kann wegen der Begrenzung auf zwei Amtszeiten 2027 nicht unmittelbar erneut für das Präsidentenamt kandidieren. Die Proteste sind trotzdem bereits Thema des beginnenden Wahlkampfs. Rechte Parteien fordern mehr öffentliche Ordnung, während Jean-Luc Mélenchon die friedlichen Schülerproteste unterstützt.
Frankreich hat im internationalen Vergleich eine ausgeprägte Streikkultur. Zwischen 2015 und 2024 fielen dort durchschnittlich 100 streikbedingt ausgefallene Arbeitstage je 1.000 Beschäftigte pro Jahr an, in Deutschland waren es 22, in Österreich 4. Die Werte beruhen auf unterschiedlichen Erfassungsmethoden und messen Arbeitsausfälle, nicht Gewalt.
Auch andernorts regt sich etwas. In Italien gab es Solidaritätsproteste mit französischen Jugendlichen sowie eigenständige Demonstrationen gegen hohe Lebenshaltungskosten. In Mailand wurden Geschäfte geplündert; am Sonntag wurden mehr als 200 Menschen festgehalten oder zur Polizei gebracht, überwiegend Minderjährige. Das entspricht nicht automatisch der Zahl formeller Festnahmen oder Verurteilungen.
In Belgien protestieren Menschen unter anderem gegen höhere Studiengebühren; in Brüssel und Lüttich kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei. In Portugal forderte der Gewerkschaftsbund CGTP-IN höhere Löhne und Pensionen sowie bessere öffentliche Angebote. In Albanien begann eine Protestbewegung gegen ein umstrittenes Tourismusprojekt und weitete sich zu Protesten gegen die Regierung aus, Studierende schlossen sich an. In Kroatien richtete sich eine Demonstration gegen Preisvorgaben, Abgaben und Bürokratie – ein Zusammenhang mit der französischen Bewegung ist nicht belegt.
Eine europaweit einheitlich gesteuerte Protestbewegung ist durch die vorliegenden Berichte nicht belegt. Offen bleiben die Verantwortlichkeiten für konkrete Angriffe und Brandstift
