Mainzer Straßenbahnausbau zwischen Klimaschutz, Bäumen und Bürgerprotest
In Mainz steht der geplante Straßenbahnausbau über das Heiligkreuz-Viertel nach Weisenau und zur Hechtsheimer Frankenhöhe unter Druck. Die Grünen warnten bei ihrer Jahreshauptversammlung, das Projekt könne scheitern. Dort beschlossen sie zugleich einen Antrag, mit dem sie die weitere Planung unterstützen wollen.
Co-Vorsitzende Teresa Bicknell kritisierte die zunehmende Polarisierung. Die Grünen wollen stärker erklären, was die Bahn im Alltag bringen soll: dichtere Taktungen, mehr Platz als in Bussen und eine bessere Barrierefreiheit für Rollstühle und Kinderwagen. Gleichzeitig müssten die Sorgen über die Folgen großer Bauprojekte ernst genommen und die Planung offen und konstruktiv begleitet werden.
Bäume, Baustellen und ein Viertel im Widerstand
Der Antrag setzt den Erhalt und die Erweiterung des Baumbestands an die Spitze der Prioritäten. Notwendige Fällungen sollen auf ein Minimum begrenzt werden. Für jeden entfernten Baum sollen mindestens drei klimaresiliente und standortgerechte Bäume gepflanzt werden, möglichst in der Nähe. In der Straße „An der Goldgrube“ könnten laut einer Untersuchung einzelne Bäume durch den Ausbau betroffen sein.
Oberstadt-Ortsvorsteher Tim Ott nennt sein Viertel einen „Hotspot des Widerstands“. Er besucht Informationsstände von Bürgerinitiativen und spricht in Schulklassen über das Projekt. In der Vergangenheit sei nicht immer optimal kommuniziert worden, meint Ott. Nun brauche es eine sichtbare und lautstarke Befürworterbewegung: Medienberichte seien häufig kritisch, Gegner träten sehr präsent auf. Das Projekt stehe „auf der Kippe“ und müsse aktiv verteidigt werden.
Veränderungen vor einzelnen Häusern und eine zunächst möglicherweise schlechtere Begrünung seien nachvollziehbarerweise problematisch, sagt Ott. Langfristig sehe er im Ausbau aber eine wichtige Chance. Dietmar Brück fordert ebenfalls ein breites Bündnis und eine Debatte über die Mobilität der Zukunft und die Lebensqualität in Mainz.
Die Stadt müsse eine klimaresiliente Baumstruktur aufbauen, sagt Brück. Nicht jeder bestehende Baum werde den Folgen des Klimawandels standhalten. Bürgermeister Daniel Köbler versprach, so viele Bäume wie möglich zu erhalten. Für ihn ist die Straßenbahn wegen ihrer höheren Effizienz gegenüber Bussen eine Investition in einen bezahlbaren öffentlichen Nahverkehr und in die Zukunft der Stadt.
Eine Trasse mit vielen offenen Fragen
Der Mainzer Stadtrat soll am Mittwoch, 17. Juni 2026, eine weitere Straßenbahntrasse vom Hauptbahnhof über die Uniklinik zum Heiligkreuzviertel und nach Mainz-Weisenau auf den Weg bringen. Beschlossen werden soll eine Vorzugsvariante, die bis zur Planfeststellungsreife weiterentwickelt wird. Die FDP Mainz fordert, den Punkt von der Tagesordnung zu nehmen. Sie befürchtet, dass Laubenheim durch eine mögliche Kürzung bestehender Busverbindungen schlechter an den öffentlichen Nahverkehr angebunden wird.
Grundlage ist ein Stadtratsbeschluss aus Juni 2020 zum umfangreichen Ausbau des Mainzer Straßenbahnnetzes. Dazu gehörten die Mainzelbahn zum Lerchenberg, ein Innenstadtring mit Strecke durch die Neustadt und die Anbindung des Heiligkreuzviertels. Wegen eines Sparprogramms der Mainzer Stadtwerke im Jahr 2024 wurden die Ausbaupläne zunächst zurückgestellt. Die Planung sollte trotzdem bis zum Planfeststellungsbeschluss weiterlaufen; ein automatischer Baubeginn war damit nicht verbunden. Im März 2025 wurde der Verlauf des Innenstadtrings über Große Bleiche, Rheinallee, Kaiser-Karl-Ring und Goethestraße festgelegt.
Die neue Strecke soll vom Hauptbahnhof über die Uniklinik am Kästrich sowie die Straßen „An der Philippsschanze“ und „An der Goldgrube“ führen. Angeschlossen werden sollen ein weiteres Klinikum, das Unternehmen Biontech, das Heiligkreuzviertel und Mainz-Weisenau. An der Hechtsheimer Straße teilt sich die Strecke: Ein Ast soll am Heiligkreuzviertel entlang über die Hechtsheimer Straße in Richtung Frankenhöhe führen, ein zweiter am Volkspark entlang nach Weisenau. Für Weisenau sind noch zwei Varianten durch den Ortskern offen. Eine mögliche Verlängerung bis zur Frankenhöhe und nach Weisenau heißt „Y-Variante“.
Auswirkungen auf Straßenraum, Baumbestand und geschützte Kulturdenkmäler müssen noch geprüft werden. Die Verwaltung und die Mainzer Verkehrsgesellschaft sollen die Trassenplanung bis zum Planfeststellungsverfahren vorantreiben. Dabei geht es um Förderfähigkeit, Wirtschaftlichkeit, technische Umsetzbarkeit und Genehmigungsfähigkeit.
Rund acht Kilometer soll die Gesamtstrecke lang werden. Umbauarbeiten wären unter anderem an den Straßen Am Linsenberg, Langenbeckstraße, An der Philippsschanze und Augustusstraße nötig. Sie gehören zu einer stark belasteten Bundesstraße und zu wichtigen Verkehrsachsen in Mainz. In der Beschlussvorlage wird die Trassenführung zur Anbindung der Uniklinik als „alternativlos“ bezeichnet – während zugleich über einen möglichen Neubau der Uniklinik an einem anderen Standort gesprochen wird.
Fördergeld und Streit um Buslinien
Für das Projekt sollen Mittel von Bund und Land fließen. Der Bund kann laut Stadt bis zu 75 Prozent der förderfähigen Kosten übernehmen, zusätzlich Planungskosten von bis zu zehn Prozent der Baukosten. Eine ergänzende Landesförderung könnte den städtischen Eigenanteil weiter senken. Bei der Mainzelbahn lag die Landesförderung bei zehn Prozent.
Voraussetzung für eine Förderung ist, dass die Bahn auf mehr als 50 Prozent der Strecke auf einem eigenen, behinderungsfreien Gleiskörper fährt. Wie das in den teilweise engen Straßen funktionieren soll, ist offen. Als mögliche Lösung wird eine Bevorrechtigung durch Signalsteuerung geprüft.
Die FDP argumentiert, die Straßenbahn könne nur dann wirtschaftlich und förderfähig sein, wenn bestehende Buslinien reduziert oder eingestellt würden. Besonders betroffen sein könnten nach ihren Angaben die Linien 64 und 76. Sie verbinden Laubenheim mit der Innenstadt und Schulen und werden vor allem von Schülerinnen und Schülern genutzt. Eine konkrete gleichwertige Ersatzanbindung sieht die FDP bislang nicht. Offen sei, wie die Erreichbarkeit über die Laubenheimer Höhe, die künftigen Fahrzeiten und die Zahl der Umstiege gesichert werden sollen.
Als Warnbeispiel verweist die Partei auf Bretzenheim. Dort fuhr die frühere Buslinie 6 im Zehn-Minuten-Takt durch den Ortskern. Nach der Fertigstellung der Straßenbahn wurde die Busverbindung stark ausgedünnt. Fahrgäste verwies man auf die Mainzelbahn, obwohl sie den Ortskern nur am Rand erschließt. Für viele Bretzenheimer verschlechterte sich dadurch die Verbindung in die Innenstadt.
Nach Angaben der FDP wurde der Ortsbeirat Laubenheim bislang nicht in die Beratungen einbezogen. FDP-Fraktionschefin Susanne Glahn nennt das einen möglichen Verfahrensmangel. Nach Paragraph 75 der Gemeindeordnung müsse der Ortsbeirat vor Entscheidungen zu wichtigen, den Stadtteil betreffenden Fragen angehört werden. Die FDP hält den geplanten Stadtratsbeschluss deshalb für rechtlich angreifbar und fordert eine Verschiebung, bis die Folgen für Laubenheim und eine Ersatzanbindung geklärt sind. Außerdem verweist sie auf frühere Mainzer Projekte mit Kostensteigerungen oder ungeklärter Finanzierung und warnt vor einer Wiederholung solcher Probleme.
Warum die Grünen trotzdem für die Bahn werben
Die frühere Verkehrsdezernentin und heutige Vorsitzende der Grünen-Landtagsfraktion, Katrin Eder, erinnert an die Mainzelbahn. Von der ersten Stadtratsentscheidung bis zur Fertigstellung seien etwa zehn Jahre vergangen. Das aktuelle Vorhaben sei schwieriger, weil noch keine Trasse im Flächennutzungsplan festgelegt sei.
Eder kritisierte die teilweise überfüllten Busse in Mainz. Nur ein schienengebundenes System könne ausreichend viele Fahrgäste aufnehmen, sagte sie. Die Mainzer Mobilität müsse das vom Stadtrat beschlossene Projekt entsprechend kommunizieren. Dabei verwies Eder auf das Prinzip, dass das Wohl vieler schwerer wiege als die Interessen Einzelner.
Stadtratsmitglied Beatrice Bednarz berichtete von Gesprächen mit der Klimabewegung über zentrale Botschaften. Mit dem Ausbau könnten nach ihrer Darstellung auch Mittel für eine Neugestaltung des Straßenraums bereitgestellt werden – etwa für neue Radwege und zusätzliche Begrünung. Fraktionsvorsitzender Jonas König bezeichnete die Straßenbahn als Instrument der Stadtentwicklung. Sorgen über Auswirkungen auf Häuser und Bäume seien berechtigt; fachliche Antworten der Mainzer Mobilität dürften aber nicht lächerlich gemacht werden.
Eine Grüne aus Hechtsheim wies darauf hin, dass Gegenargumente wegen der noch unkonkreten Planung schwer zu beantworten seien. Hilfre
