Heute, am 20. Oktober 2026, ist an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz ein neuer Band der Kritischen Friedrich-Schlegel-Ausgabe erschienen. KFSA 32,1 dokumentiert die letzten zehn Lebensjahre der Schriftstellerin Dorothea Schlegel (1764–1839), der Lebensgefährtin und späteren Ehefrau Friedrich Schlegels.

Im Mittelpunkt stehen Briefe aus der Zeit nach dem plötzlichen Tod Friedrich Schlegels. Dorothea verwaltete seinen Nachlass und setzte sich als Hauptherausgeberin für die postume Veröffentlichung seiner Werke ein. Ein großer Teil der nun edierten Briefe war bislang unveröffentlicht.

Briefe aus Frankfurt und neue Lektüren

Die Quellen zeigen Dorothea außerdem als Familienoberhaupt im Haushalt ihres Sohnes Philipp Veit in Frankfurt am Main. Veit war der erste Direktor des Städelschen Instituts. Der Band beschreibt ihren Alltag in seiner Familie – neben Nachlassfragen also auch das ganz gewöhnliche Leben, mit seinen Pflichten und vermutlich reichlich Papier auf dem Tisch.

Ihre Briefe dokumentieren Stellungnahmen zu den politischen Entwicklungen ihrer Zeit, geprägt vom Katholizismus. Zugleich setzte sich Dorothea literaturkritisch mit Neuerscheinungen auseinander: mit Karl August Varnhagens „Rahel. Ein Buch des Andenkens für ihre Freunde“, Clemens Brentanos „Das bittere Leiden unsers Herrn Jesu Christi“ und Bettina von Arnims „Goethes Briefwechsel mit einem Kinde“.

KFSA 32,1 enthält Briefe von und an Dorothea Schlegel aus den Jahren 1829 bis 1839. Die private und geschäftliche Korrespondenz des Ehepaares gehört zur dritten Abteilung „Briefe“ der Ausgabe. Der noch ausstehende zweite Teilband, KFSA 32,2, soll Supplemente mit Nachträgen aus mehr als 40 Jahren Schlegel-Forschung und neu aufgefundenen Briefen versammeln.

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Ein Langzeitprojekt an der JGU

Herausgeber der Gesamtausgabe ist Ulrich Breuer, Professor am Deutschen Institut der JGU. Unter seiner Leitung bereitet die Arbeitsstelle Friedrich und Dorothea Schlegel die verbleibenden Bände der Abteilung III für den Druck vor. Am aktuellen Briefband arbeiteten Cosima Jungk, Anke Lindemann und Tim Porzer; beteiligt war auch das Trier Center for Digital Humanities.

Die Fritz Thyssen Stiftung bewilligte Mittel für den Abschluss von Band 32. Die Förderung lief 18 Monate; die letzte Projektphase begann am 1. Oktober 2023 und dauerte bis zum 31. März 2025. Finanziert wurde die Erstellung des Bandes von der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der Fritz Thyssen Stiftung. Die Arbeiten an der KFSA sollten Ende 2025 abgeschlossen werden.

Begonnen wurde die Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe 1958 von Ernst Behler, später setzte Andreas Arndt das Vorhaben fort. Die Ausgabe umfasst abteilungsübergreifend 35 Bände mit sämtlichen Schriften Friedrich Schlegels und bildet den zentralen Quellenbestand zu Friedrich und Dorothea Schlegel. Seit 2007 wird die Gesamtausgabe an der JGU herausgegeben.

Von den Napoleonischen Kriegen bis zu Dorotheas eigener Stimme

Ein früherer Meilenstein war Band 28, der am 13. Juni 2022 unter dem Titel Während der Erhebung gegen Napoleon (1811–1814) erschien. Der von Anke Lindemann und Cosima Jungk herausgegebene Band umfasst 924 Seiten mit Briefen aus den Jahren 1811 bis 1814. Friedrich Schlegel beschäftigte sich damals unter anderem mit seiner Zeitschrift Deutsches Museum und mit dem Konzept einer historisch begründeten deutschen Nationalstaatlichkeit.

Die Briefe Dorothea Schlegels, einer Tochter Moses Mendelssohns, handeln von den Ereignissen der Napoleonischen Kriege. Ihr Sohn Philipp Veit nahm aktiv an den Kämpfen teil. Band 28 entstand mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft an der Mainzer Arbeitsstelle Friedrich und Dorothea Schlegel.

Bereits im November 2020 hatte die DFG weitere Fördermittel für zwölf Monate ab dem 1. Januar 2021 bewilligt. Sie förderte das Mainzer KFSA-Projekt schon seit 2012. Damals wurden drei verbleibende Bände der Abteilung III vorbereitet: zur Korrespondenz aus den Wiener Jahren 1811–1814 und 1823–1829 sowie zu Dorotheas Briefen aus den Jahren 1829–1839.

In diesen Briefen geht es um Friedrich Schlegels publizistische Tätigkeit, die politischen Folgen der Befreiungskriege gegen Napoleon und seine spätere Beschäftigung mit christlich-mystischen Phänomenen und religiösen Praktiken. Dorothea Schlegel stand dabei erstmals allein im Mittelpunkt einer Briefedition.

Für die kommenden Jahre ist Band 31 vorgesehen. Er soll die Briefe Friedrich und Dorothea Schlegels aus den Jahren 1823 bis 1829 enthalten – noch ein Stück Archivarbeit, noch einmal viele Seiten, auf denen sich ein Familienleben, politische Umbrüche und die Mühen des literarischen Nachlasses überlagern.