Schlaganfall in Rheinland-Pfalz: Warum jede Minute und jedes Familienmitglied zählt
Heute, am 29. Oktober 2026, ist Welt-Schlaganfalltag. An der Uni Mainz richtet sich der Blick dabei nicht nur auf die Erkrankten, sondern auch auf jene, die danach oft im Hintergrund alles zusammenhalten: pflegende Angehörige. Das Motto lautet: „Ein Schlaganfall trifft nie einen Menschen allein“.
Schlaganfälle gehören zu den häufigsten Todesursachen. Sie können Menschen dauerhaft behindern und Pflegebedürftigkeit auslösen. In Rheinland-Pfalz erleiden jedes Jahr bis zu 16.000 Menschen einen Schlaganfall oder eine vorübergehende Durchblutungsstörung.
Mehr als 61.000 Betroffene in Rheinland-Pfalz
Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK waren 2024 in Rheinland-Pfalz mehr als 61.000 Menschen an einem Schlaganfall erkrankt. In dieser Zahl enthalten sind Personen ab 20 Jahren, die in den vergangenen zehn Jahren wegen eines Schlaganfalls stationär behandelt wurden. Es handelt sich also um die Zehn-Jahres-Prävalenz, nicht um die Zahl der Ereignisse innerhalb eines einzelnen Jahres.
Unter den Betroffenen waren etwa 33.700 Männer und 27.700 Frauen. Von 2017 bis 2024 blieb die Gesamtzahl nahezu konstant. Den höchsten Bevölkerungsanteil gab es in Pirmasens: 2,46 Prozent. Über zwei Prozent lagen die Anteile außerdem in den Kreisen Kusel, Cochem-Zell und Birkenfeld sowie in Zweibrücken. Unter 1,68 Prozent blieben sie in Mainz, Koblenz, Worms, Mainz-Bingen und dem Rhein-Pfalz-Kreis.
In der Altersgruppe von 55 bis 74 Jahren waren deutlich mehr Männer als Frauen betroffen. Die meisten erkrankten Männer waren 70 bis 74 Jahre alt. Ab 80 Jahren drehte sich das Verhältnis: Dann waren mehr Frauen als Männer betroffen. Bundesweit sind laut Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe rund 80 Prozent der Betroffenen älter als 60 Jahre. Gleichzeitig nehmen Schlaganfälle bei jüngeren Menschen zu.
Auch die Krankheitslaststudie Deutschland des Robert Koch-Instituts zeigt, wie stark das Alter hineinspielt. Für den Zeitraum 2017 bis 2022 wurde die Zehn-Jahres-Prävalenz anhand von AOK-Routinedaten geschätzt und nach Alter, Geschlecht und Morbidität adjustiert. 2022 lebten 1,4 Prozent der Bevölkerung mit den Folgen eines bis zu zehn Jahre zurückliegenden Schlaganfalls: 1,3 Prozent der Frauen und 1,6 Prozent der Männer.
Die Prävalenz stieg kontinuierlich mit dem Alter. Bei den 60- bis 64-Jährigen lag sie bei 1,2 Prozent der Frauen und 2,3 Prozent der Männer, bei den 90- bis 94-Jährigen bei 8,3 beziehungsweise 9,8 Prozent. Altersstandardisiert blieb sie von 2017 bis 2022 weitgehend stabil. Regional gab es Unterschiede von bis zu 60 Prozent: Niedrige Werte unter 1,1 Prozent traten vor allem in süddeutschen Regionen auf, Werte über 1,5 Prozent unter anderem in Emscher-Lippe, Saar und Südthüringen. Ein eindeutiges regionales Muster zeigte sich nicht.
Hilfe im Netzwerk – und jede Minute zählt
Das rheinland-pfälzische Schlaganfall-Netzwerk umfasst sechs überregionale Stroke Units: das Katholische Klinikum Koblenz-Montabaur, das Klinikum Idar-Oberstein, das Klinikum Ludwigshafen, das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier, die Universitätsmedizin Mainz und das Westpfalz-Klinikum Kaiserslautern.
Acht weitere Krankenhäuser mit regionalen Schlaganfallstationen nehmen am Netzwerk teil: das Krankenhaus Maria Hilf in Bad Neuenahr, das Marienhaus Klinikum Neuwied, das Gesundheits- und Pflegezentrum Rüsselsheim, das Marienhaus Klinikum Eifel in Bitburg, das Diakonie Krankenhaus Bad Kreuznach, das Krankenhaus Hetzelstift Neustadt an der Weinstraße, das Diakonissen-Stiftungs-Krankenhaus Speyer und das Nardini Klinikum St. Elisabeth in Zweibrücken.
In Worms und Wittlich gibt es ebenfalls Stroke Units, allerdings ohne Anbindung an das TemeS-RLP-Netzwerk. Regionale Kliniken sind per Telemedizin mit spezialisierten Zentren verbunden. Rund um die Uhr können Ärztinnen und Ärzte Neurologen hinzuschalten, Patienten beurteilen und CT-Bilder gemeinsam auswerten – gerade dann, wenn vor Ort keine Spezialistin und kein Spezialist verfügbar ist.
Eine Cochrane-Auswertung von 2020 ergab bessere Überlebenschancen durch die Behandlung auf einer Stroke Unit: Nach einem Jahr lebten dort pro 100 Patienten etwa zwei mehr als bei einer Behandlung außerhalb einer Stroke Unit. Deutschlandweit gibt es inzwischen mehr als 350 zertifizierte Stroke Units.
Woran lässt sich ein Schlaganfall erkennen? Der BEFAST-Test hilft beim schnellen Prüfen möglicher Warnzeichen: B steht für „Balance“, also Gleichgewichtsprobleme; E für „Eyes“, Sehstörungen oder Einschränkungen des Sichtfelds; F für „Face“, die Frage, ob die Person lächeln kann; A für „Arms“, ob sie beide Arme gleichzeitig hebt; S für „Speech“, ob sie einen einfachen Satz nachsprechen kann. T bedeutet „Time“: Auch bei nur einem Symptom sofort 112 anrufen.
Der Test ersetzt keine Diagnose, lässt sich aber schnell durchführen und kann bei der Erkennung helfen. Mögliche Anzeichen sind plötzlich auftretende Schwäche, Lähmung oder Taubheit auf einer Körperseite, Sehstörungen, Doppelbilder, verschwommenes Sehen oder Sehverlust auf einem Auge, Sprach- oder Sprachverständnisstörungen, plötzlicher Schwindel mit unsicherem Gehen sowie starke Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen.
Bei Verdacht muss sofort die 112 gewählt werden. Ist die betroffene Person bewusstlos, gehört sie in die stabile Seitenlage; außerdem muss die Atmung kontrolliert werden. Bei Herz- oder Atemstillstand sind unverzüglich Wiederbelebungsmaßnahmen einzuleiten.
Blutdruck, Bewegung, Zigaretten
Zu den beeinflussbaren Risikofaktoren zählen Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Übergewicht, Fettstoffwechselstörungen, Rauchen, Vorhofflimmern, Diabetes mellitus und Alkohol. Viele dieser Faktoren fördern Arteriosklerose. Ablagerungen machen die Gefäßwände starr und rau, wodurch sich Blutgerinnsel bilden können. Verschließt ein solches Gerinnsel eine Hirnarterie, wird es im Kopf sehr schnell eng.
Empfohlen werden mindestens drei Bewegungseinheiten pro Woche, jeweils 30 bis 45 Minuten. Der Puls und die Atmung sollen dabei steigen, man darf ruhig ins Schwitzen kommen. Auf dem Teller sind wenig Zucker, Weißmehl und tierische Fette sinnvoll, dafür viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukte, pflanzliche Öle, Nüsse und Hülsenfrüchte. Gelegentlich wird Fisch empfohlen. Dazu ausreichend trinken, vorzugsweise Wasser oder ungesüßten Tee; Alkohol nur in Maßen.
Gewichtsabnahme kann Blutdruck und Blutzucker verbessern und das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall senken. Nach dem Rauchstopp sinkt das Schlaganfallrisiko innerhalb von fünf Jahren auf das Niveau von Nichtrauchern. Ebenso wichtig ist ein achtsamer Umgang mit der eigenen Gesundheit und dem persönlichen Stressempfinden – leichter gesagt als getan, gerade im Semester, wenn sich Termine stapeln und der Kaffee schon das Mittagessen ersetzt.
Was im Gehirn passiert
Welche Folgen ein Schlaganfall hat, hängt davon ab, welches Hirnareal geschädigt wird. Häufig betroffen ist die mittlere Hirnarterie, die unter anderem Bewegungs-, Empfindungs- und Sprachregionen versorgt. Weil bei unterbrochener Blutversorgung zunehmend Hirngewebe geschädigt wird, muss der Blutfluss möglichst schnell wiederhergestellt werden.
Bei einer Thrombektomie entfernen Ärztinnen und Ärzte Blutgerinnsel mithilfe eines Katheters, meist über die Leistenarterie. Zum Einsatz kommen unter anderem Absaugkatheter oder Stent-Retriever, die das Gerinnsel erfassen und herausziehen.
Eine 2022 in „Nature“ veröffentlichte Studie unterscheidet beim Gefäßverschluss zwischen dem Infarktkern mit irreversibel geschädigten Zellen und der gefährdeten „Halbschatten“-Zone. Deren Zellen können noch über Umwege mit Sauerstoff versorgt werden. Je schneller diese Zone wieder durchblutet wird, desto mehr Hirngewebe kann erhalten bleiben.
Für Rehabilitation und Regeneration werden unter anderem Magnetstimulation, stammzellbasierte Behandlungen und künstliche Intelligenz für individuell angepasste Therapien erforscht. Parallel bleibt die Prä
