Amerikas Aufstieg zur Weltmacht zwischen Freiheitsversprechen und Imperialismus
Am Donnerstag, 15. Oktober 2026, geht es auf Schloss Blumenfeld um eine Frage, die weit über die US-Außenpolitik hinausreicht: Was haben die Vereinigten Staaten der Welt gegeben – im Guten wie im Schlechten? Der Vortrag „Die bipolare Nation – Was Amerika der Welt gegeben hat: Im Guten wie im Schlechten“ beginnt um 19:00 Uhr und endet um 20:30 Uhr. Der Eintritt ist kostenlos.
Prof. Dr. Philipp Gassert spricht über die Geschichte der USA von ihrer Gründung bis zur Präsidentschaft Donald Trumps und über den internationalen Einfluss des Landes. Imperialismus und Isolationismus kommen ebenso zur Sprache wie Massenkonsum und das damit verbundene Glücksversprechen, die Klimakrise und der Aufstieg der USA zur Vormacht – bis hin zu ihrer Entwicklung zu einem chaotischen Faktor. Gassert fragt, woher die amerikanischen Freiheitsimpulse, der Wohlstand und die Sicherheit kamen, aber auch, welche Konflikte, Abhängigkeiten und neuen Risiken damit verbunden waren.
Von der Isolation zum Imperialismus
Eine historische Spannung steht dabei besonders deutlich im Raum: Ende des 19. Jahrhunderts wandelte sich die ursprünglich isolationistische US-Außenpolitik zunehmend hin zum Imperialismus. Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung infolge des Bürgerkriegs führte Überproduktion, vor allem in der Stahl- und Textilindustrie, zu wachsender Arbeitslosigkeit. Weil die geografisch mögliche Landnahme an ihre Grenzen stieß, richtete sich der Blick stärker auf Märkte außerhalb der USA. Gleichzeitig konkurrierten die Vereinigten Staaten mit den kolonial expandierenden europäischen Großmächten, vor allem Großbritannien und Frankreich.
1898 besetzten die USA Kuba und erwarben die Philippinen sowie Puerto Rico. 1903 unterstützten sie die Abspaltung Panamas von Kolumbien; anschließend wurde der Panamakanal gebaut. Als Begründungen galten unter anderem Stabilität, Frieden und wirtschaftliches Gedeihen der Nachbarvölker, der Schutz vor ausländischen Gläubigern und revolutionären Unruhen sowie die Monroe-Doktrin.
Eine US-Karikatur von Louis Dalrymple aus dem Jahr 1899 brachte das Machtgefälle ziemlich unverblümt auf den Punkt. In „School Begins“ („Schulbeginn“) steht Uncle Sam als Lehrer vor neuen Schülern und zwingt ihnen im Fach „Zivilisation“ seine Lektion auf. Gemeint waren neu erworbene oder kontrollierte Gebiete.
Die Monroe-Doktrin selbst geht auf James Monroes Kongressrede vom 2. Dezember 1823 zurück. Sie trennte politisch die westliche Hemisphäre von Europa – „two spheres“ –, versprach die Nichteinmischung der USA in europäische Konflikte, lehnte weitere europäische Kolonialisierung in Amerika ab und kündigte ein US-Eingreifen bei Verstößen europäischer Mächte an. Die Forderung, die Unabhängigkeit der Staaten Lateinamerikas zu respektieren, wurde zur Parole „Amerika den Amerikanern“ verkürzt.
Ursprünglich richtete sich die Doktrin vor allem gegen europäische Eingriffe in die Souveränität amerikanischer Staaten. Im 20. Jahrhundert wurde sie jedoch zunehmend zur Begründung einer US-amerikanischen Vormachtstellung auf dem Kontinent. Sie prägte die angloamerikanische Form des Panamerikanismus. 1848 unter Präsident Polk und 1870 unter Präsident Grant wurde sie um das Prinzip des „Non-Transfer“ erweitert: Koloniale Besitzungen sollten nicht an andere Mächte übertragen werden. John Quincy Adams hatte dieses Prinzip bereits 1823 gegenüber dem russischen Zaren vertreten; Monroe übernahm es allerdings nicht in seine Kongressbotschaft.
Eine Doktrin zwischen Europa, Russland und Wahlkampf
Monroes Präsidentschaft dauerte von 1817 bis 1825 und wurde als „Era of Good Feeling“ bezeichnet. Innenpolitisch stabilisierten sich die USA, wirtschaftlich wuchs das Land. Durch den Louisiana Purchase von 1803 und den Erwerb Floridas 1819 hatte sich das US-Territorium nahezu verdoppelt; Monroe war am Kauf Louisianas als Unterhändler in Paris beteiligt.
Ganz so gut fühlte sich die Lage trotzdem nicht überall an. Im Krieg gegen Großbritannien von 1812 bis 1814 hatten die USA eine Niederlage erlitten, der Versuch einer Eroberung Kanadas war gescheitert, und Washington wurde niedergebrannt. In Europa restaurierten absolutistische Mächte zugleich ihre Herrschaft: Ludwig XVIII. wurde 1814 wieder französischer König, die „Heilige Allianz“ aus Russland, Österreich und Preußen bekämpfte republikanische und liberale Bewegungen.
Im spanischen „Trienio Liberal“ von 1820 bis 1823 wurde Ferdinand VII. im März 1820 von Revolutionären festgesetzt und eine konstitutionelle Monarchie ausgerufen. Die Heilige Allianz reagierte; Zar Alexander I. drohte mit einem russischen Truppeneinsatz. Ab April 1823 marschierte Frankreich mit Unterstützung der Allianz in Spanien ein. Französische Truppen eroberten im August 1823 Trocadero bei Cádiz und schlugen die Revolution nieder. Ferdinand VII. wurde befreit, die monarchistische Ordnung wiederhergestellt.
Großbritannien befürchtete nun, europäische Mächte könnten anschließend die früheren spanischen Kolonien in Südamerika zurückerobern. London erkannte deren Unabhängigkeit zwar nicht offiziell an, hatte dort aber erhebliche wirtschaftliche Interessen und Handelsbeziehungen. Der britische Außenminister George Canning bot den USA im August und September 1823 über den Gesandten Richard Rush ein gemeinsames Vorgehen an: Beide Länder sollten die Unabhängigkeit der südamerikanischen Republiken unterstützen und europäischen Eingriffen über Spanien hinaus entgegentreten. Anlass waren Gerüchte über eine europäische Konferenz zur Rückeroberung Südamerikas und Berichte über eine französische Flotte für den Transport spanischer Truppen.
Auch Russland machte Washington nervös. Die Russländisch-Amerikanische Kompagnie besaß ein Zarenmonopol für Besiedlung und Handel nördlich des 51. Breitengrads. Trotz russischer Zusagen von 1821 drang sie weiter nach Südosten vor und errichtete Handelsposten und Siedlungen im heutigen Alaska und Kanada. Eine Zusammenarbeit mit Großbritannien schien geeignet, russische Expansion und weitere europäische Ansprüche einzudämmen.
Richard Rush wollte dem britischen Vorschlag nicht ohne Rücksprache mit Washington zustimmen. Eine gemeinsame Erklärung machte er davon abhängig, dass Großbritannien die südamerikanischen Republiken anerkenne – und erwartete, dass Canning dies ablehnen würde. Das Angebot wurde nach Washington übermittelt und von Monroes Kabinett beraten. Monroe holte zusätzlich die Meinungen der früheren Präsidenten James Madison und Thomas Jefferson ein.
Cannings Vorschlag enthielt fünf Punkte: Spaniens Rückeroberung der südamerikanischen Kolonien sei aussichtslos; die Anerkennung der südamerikanischen Republiken nur eine Frage der Zeit und der Umstände; einer einvernehmlichen Lösung zwischen Spanien und seinen ehemaligen Kolonien solle nicht entgegengetreten werden; Großbritannien und die USA beanspruchten selbst keine Gebiete der früheren Kolonien; eine Übertragung dieser Gebiete an andere Mächte könne nicht hingenommen werden.
John Quincy Adams und Marineminister Samuel L. Southard lehnten insbesondere den Verzicht auf den Erwerb früherer Kolonialgebiete ab. Adams befürwortete eine eigenständige US-Erklärung gegenüber der Heiligen Allianz, statt gemeinsam mit Großbritannien aufzutreten. Als Bedrohungen galten eine mögliche französisch-spanische Expedition nach Südamerika, Russlands Expansion im Pazifik und die europäische Reaktion auf den griechischen Unabhängigkeitskampf. Keiner der Beteiligten bezweifelte, dass die USA reagieren mussten.
Der griechische Kampf gegen das Osmanische Reich verschärfte den Druck. Nachdem osmanische Truppen 1821 und 1822 große Teile der Aufstandsgebiete zurückerobert hatten, drängten die Griechen sie ab Herbst 1822 zurück und bauten eigene Regierungsstrukturen aus. Griechenland hatte 1821 europäische Mächte und die USA um Anerkennung gebeten; besonders republikanische und demokratische Kreise unterstützten die Sache. Auch in den Vereinigten Staaten wuchs der Wunsch, Griechenland anzuerkennen oder zu unterstützen.
Fünf Faktoren beeinflussten die Entstehung der Doktrin: wirtschaftliche Interessen, ideologische Überzeugungen, äußere Sicherheit, territoriale Expansion sowie Innenpolitik und persönliche Interessen. Der Handel der USA mit den spanischen Kolonien hatte vor deren Unabhängigkeitskämpfen weniger als zwei Prozent des US-Außenhandels ausgemacht; Kuba und Spanien waren wirtschaftlich wichtiger. John Quincy Adams erwartete 1817 zunächst nur geringe Handelsvorteile durch eine Anerkennung. Nach William Appleman Williams änderte sich seine Einschätzung bis 1823: Adams betonte gegenüber US-Gesandten in Kolumbien und La Plata die Bedeutung des freien
