Heidelberger Projekt gibt 983 NS-Opfern ihre Namen und Lebensgeschichten zurück
In der Heidelberger Anatomie lagern nicht nur Präparate, sondern auch Geschichten, die lange kaum jemand kannte. Zwischen 1933 und 1945 wurden fast 1.000 Leichen dorthin gebracht. Das digitale Projekt „Erinnerte Opfer“ versucht nun, den Menschen hinter den Einträgen wieder Namen, Gesichter und Lebenswege zu geben. Heute, am 9.10.2026, ist die Website auch für Studierende und Interessierte aus der Region Mannheim ein wichtiges Fenster in ein düsteres Kapitel der Medizingeschichte.
Auf www.erinnerte-opfer.de ist erstmals das digitalisierte Leichenjournal des Heidelberger Instituts für Anatomie und Zellbiologie zugänglich. Es wird seit 1816 geführt und verzeichnete die Eingänge von Leichen, deren Körper für medizinische Lehre und Forschung verwendet wurden. Die Datenbank umfasst alle Personen, die zwischen 1933 und 1944 zur Heidelberger Anatomie gebracht wurden: 983 Einträge. Für 1945 sind keine Einlieferungen verzeichnet.
Ein Name gegen das Vergessen
Bislang hat das Team 84 Biografien rekonstruiert und veröffentlicht. Die Website lässt sich unter anderem nach Eingangsdatum, Namen, Beruf, Alter und Todesursache durchsuchen. Sie bündelt Fotos, persönliche Geschichten und historische Informationen zu Herkunftsorten und zur Zuteilung der Leichen. Ein digitaler Gedenkort also, aber einer, der nicht bei einer stillen Namensliste stehen bleibt.
Wie viel in einem einzelnen Eintrag stecken kann, zeigt Hannah Ahrens. Sie wurde 1944 im Alter von 42 Jahren in Bruchsal mit dem Fallbeil hingerichtet. Der Volksgerichtshof Stuttgart verurteilte sie wegen „Defätismus“, nachdem sie Zweifel am NS-Krieg geäußert hatte. In einem Abschiedsbrief bat sie ihren Mann, sie in Konstanz neben ihrer Mutter zu bestatten. Der Brief wurde nicht abgeschickt. Auf behördliche Anweisung kam ihr Leichnam stattdessen nach Heidelberg – zur Lehre und Forschung.
Betreut wird das Forschungsprojekt von Sara Doll, Präparationsassistentin am anatomischen Institut, und ihrem Team. In der Mitteilung des Universitätsklinikums wird sie als Sammlungskuratorin Dr. Sara Doll bezeichnet. Das interdisziplinäre Vorhaben des Instituts für Anatomie und Zellbiologie und des Historischen Seminars arbeitet die Institutsgeschichte auf. Finanziert wurde es vom Institut für Anatomie und Zellbiologie; die Website wurde rund ein Jahr lang vorbereitet und soll laufend erweitert werden.
Leichenwagen vor dem Gefängnis
Viele Körper gelangten während der NS-Zeit nach Hinrichtungen und ohne Wissen oder Zustimmung der Angehörigen zu Medizinern. Der Historiker Frank Engehausen erklärt, anatomische Institute hätten vom starken Anstieg der Hinrichtungen nach 1939 profitiert. Hingerichtete waren häufig jünger als Menschen, die in NS-„Heil- und Pflegeanstalten“ starben und ebenfalls ohne Zustimmung in die Anatomie gebracht wurden.
Laut dem Bericht warteten Leichenwagen oft schon vor der Hinrichtungsstätte in Stuttgart. Sara Doll berichtet außerdem, dass Organe teilweise direkt am Hinrichtungsort entnommen wurden. In einzelnen Fällen waren Menschen bereits im Leichenjournal eingetragen, bevor ihr Gerichtsverfahren abgeschlossen war. Das klingt beinahe wie ein Verwaltungsfehler, ist aber von einer ganz anderen Kälte.
Zu den dokumentierten Opfern gehörten politische Gegner, darunter Mitglieder der Widerstandsgruppe um den Mannheimer Kommunisten Georg Lechleiter. Hinzu kamen Menschen, die die NS-Justiz als „Asoziale“ oder „Volksschädlinge“ verfolgte, außerdem polnische Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene. Die Datenbank nennt auch Bewohnerinnen und Bewohner von Anstalten und Pflegeheimen, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter sowie weitere Opfer der NS-Justiz.
Bei vielen ausländischen Opfern wurden die Namen nicht vermerkt. In einzelnen Fällen konnten bisher nur durch Nummern bezeichnete Personen identifiziert werden. Unter den Betroffenen sind zahlreiche Mitglieder der regional bedeutenden Lechleiter-Widerstandsgruppe. Andere Einträge erzählen von einer Mannheimerin, die Abtreibungen vorgenommen hatte, bei denen eine junge Frau starb, oder von einer Frau, die nach einem Fliegerangriff Kleidung, Wäsche und Hausrat aus einer Wohnung gestohlen hatte.
Was bleibt – und was jetzt erforscht wird
Das Team will weitere Opfer identifizieren und dafür Archive weltweit anschreiben. Als Nächstes sollen insbesondere die Lebensgeschichten von Menschen aus den Heil- und Pflegeanstalten untersucht werden. Vor der Veröffentlichung wurden rechtliche und ethische Fragen geprüft; verwendet werden Informationen aus öffentlich zugänglichen historischen Quellen und Archiven.
Heute werden Körperspenden nur mit vorheriger Zustimmung angenommen. Freiwillig gespendete Körper werden nach der Nutzung bestattet. Sie werden nicht massenhaft verbrannt und anonym verscharrt. Einige anatomische Präparate stammen allerdings noch aus der NS-Zeit.
Der Heidelberger Blick fügt sich in eine größere Forschungslandschaft ein. Eine neue, von der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina initiierte Online-Datenbank dokumentiert Menschen, die während der NS-Zeit zu medizinischen Untersuchungen oder Eingriffen gezwungen wurden. Rund 16.000 nachweisliche Opfer von NS-Zwangsforschung sind dort erfasst: Opfer medizinischer Experimente in Konzentrationslagern, Euthanasie-Opfer, Kriegsgefangene, hingerichtete Soldaten und Zivilisten aus besetzten Gebieten, deren Organe zu Forschungszwecken entnommen wurden.
Für viele dieser Betroffenen werden erstmals Namen und biografische Angaben zugänglich. Weitere mehr als 13.000 Profile betreffen Menschen, bei denen die Forschung noch nicht abgeschlossen ist. Die auf Englisch veröffentlichte Datenbank richtet sich an Angehörige, Forschende und weitere Interessierte. Öffentlich einsehbar sind unter anderem Namen und Lebensdaten; ausgewählte Biografien zeigen einzelne Schicksale. Eine interaktive Karte macht Ausmaß und geografische Verteilung der Verbrechen sichtbar. Weiterführende Angaben, etwa zur Kranken- oder Verfolgungsgeschichte, können für Forschungs- oder Recherchevorhaben beantragt werden.
Grundlage dieser Datenbank sind Forschungen der Oxford Brookes University in England sowie Ergebnisse eines Projekts der Max-Planck-Gesellschaft zur Hirnforschung während der NS-Zeit. Nach eigenen Angaben stellte die Max-Planck-Gesellschaft seit 2017 drei bis vier Millionen Euro dafür bereit. In Heidelberg beginnt die Suche dagegen bei einem alten Journal, bei 983 Einträgen und bei der mühsamen Frage, wer diese Menschen waren.
