Marburg bereitet sich auf ein großes Jubiläum vor: Die Philipps-Universität feiert im kommenden Jahr ihr 500-jähriges Bestehen. Von heute, dem 18.10.2026, aus betrachtet, liegen in den kommenden 15 Monaten rund 300 Veranstaltungen vor der Stadt und der Hochschule – zur Wissenschafts- und Universitätsgeschichte. Das dürfte volle Kalender bedeuten, vielleicht auch den einen oder anderen etwas überforderten Blick auf die Termin-App.

Gegründet wurde die Universität 1527 von Landgraf Philipp von Hessen, genannt „der Großmütige“. Sie ist die älteste Hochschule Hessens. Ihre Entstehung stand eng mit der Reformation in Verbindung, die in Hessen ab 1524 eingeführt wurde. Philipp wollte eine eigene Landesuniversität schaffen, damit sein Territorium nicht länger auf katholisch geprägte Hochschulen angewiesen war. Ausgebildet werden sollten evangelische Theologen, Beamte und Juristen für den neuen protestantischen Staat.

Von vier Fakultäten zu 25.000 Studierenden

Bei der Gründung hatte die Universität etwa 90 Studierende und elf Professoren. Angeboten wurden zunächst vier Fächer: Theologie, Jura, Medizin und Philosophie. Heute prägt die Hochschule das Stadtbild deutlich stärker. Zeitweise machten Studierende bis zu 30 Prozent der Marburger Stadtbevölkerung aus. Die höchste Studierendenzahl wurde im Wintersemester 2013 mit rund 25.000 Personen erreicht.

Auch wissenschaftlich hat Marburg eine lange Liste vorzuweisen: Insgesamt elf Nobelpreisträger studierten, forschten oder lehrten an der Universität. Der erste war Emil von Behring (1854–1917), Professor für Hygiene von 1895 bis zu seinem Tod. 1901 erhielt er den ersten Nobelpreis für Medizin – für die Entwicklung eines Heilmittels gegen Diphtherie. Sein Preisgeld investierte er in einen Gutshof in Marburg-Marbach. Daraus entwickelte sich eine Keimzelle der 1914 gegründeten Behringwerke, die heute als „Standort Behringwerke“ bestehen.

Der Chemiker Otto Hahn (1879–1968) studierte und promovierte von 1897 bis 1904 in Marburg. Später entdeckte er die Kernspaltung; eine Gedenktafel erinnert am Haus Renthof 12 an seine Verbindung zur Universität. Ebenfalls mit Marburg verbunden war Ferdinand Braun (1850–1918), der 1909 den Nobelpreis für Physik erhielt. Braun studierte in Marburg auf Lehramt und war von 1877 bis 1880 Professor für mathematische Physik an der Philipps-Universität. Er entwickelte den für die drahtlose Telegrafie wichtigen „Braunschen Sender“ sowie die „Braunsche Röhre“, die später in Fernsehgeräten und Radarempfängern eine zentrale Rolle spielte. Eine Gedenktafel befindet sich am Haus Hofstatt 2.

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Eine auffallend lange Nobelpreis-Spur

Die Reihe reicht weit über Behring und Hahn hinaus. Albrecht Kossel (1853–1927) leitete von 1895 bis 1901 das Physiologische Institut in Marburg. Seine Forschung galt Zellkern und Proteinen; er entdeckte die Nukleinbasen Adenin, Thymin und Cytosin. 1910 erhielt er den Nobelpreis für Medizin.

Hans Fischer (1881–1945) studierte von 1899 bis 1904 Chemie und Medizin in Marburg. Den Nobelpreis für Chemie bekam er 1930 für seine Forschung zur Chemie des Pyrrols und zur Synthese von Hämin. Später war er Professor an der TU München. Otto Loewi (1873–1961) arbeitete von 1898 bis 1905 als Assistent an der Philipps-Universität und habilitierte sich dort 1900. 1936 erhielt er den Nobelpreis für Medizin, nachdem er gemeinsam mit Henry H. Dale die chemische Übermittlung von Nervenimpulsen entdeckt hatte.

Adolf Butenandt (1903–1995) studierte von 1921 bis 1925 Chemie und Biologie in Marburg. Er forschte zu Sexualhormonen und zur biochemischen Wirkung der Erbfaktoren und wurde 1939 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Karl Ziegler (1898–1973) studierte und arbeitete von 1916 bis 1925 an der Universität. Gemeinsam mit Giulio Natta erhielt er 1963 den Nobelpreis für Chemie für Entdeckungen auf dem Gebiet der Polymeren.

Georg Wittig (1897–1987) begann 1920 in Marburg zu studieren, wurde anschließend Assistent und war ab 1932 außerordentlicher Professor an der Philipps-Universität. 1979 erhielt er den Nobelpreis für Chemie. Boris Pasternak (1890–1960), russischer Schriftsteller und Autor von „Doktor Schiwago“, verbrachte 1912 ein Auslandssemester in Marburg. Er nahm den Literaturnobelpreis 1958 zunächst an, lehnte ihn später jedoch auf politischen Druck der Sowjetregierung ab.

Jules Hoffmann, geboren 1941, war in den 1970er Jahren Postdoktorand in Marburg. Der französische Biologe luxemburgischer Abstammung erhielt 2011 gemeinsam mit Bruce Beutler und Ralph Steinman den Nobelpreis für Medizin. Er erforscht, wie der Körper von Menschen und Tieren Bakterien, Viren, Pilze und Parasiten abwehrt.

Virus, Röhre und ein Protein im Innenohr

Eine der bekanntesten Marburger Forschungsgeschichten begann 1967 eher düster. Im Spätsommer erkrankten 31 Menschen an schweren inneren Blutungen, sieben starben. Aus Uganda stammende Grüne Meerkatzen hatten das später nach der Stadt benannte Marburg-Virus eingeschleppt; die Tiere wurden für die Impfstoffherstellung in den Behringwerken eingesetzt. Der Marburger Virologe Werner Slenczka isolierte das Virus mithilfe einer neuen Untersuchungsmethode.

Die Braunsche Röhre, die Ferdinand Braun 1897 vorstellte, klingt heute fast wie ein Museumsstück und war doch ein entscheidender Schritt in Richtung Fernsehen. In ihr wird ein Elektronenstrahl erzeugt und durch elektrische oder magnetische Felder abgelenkt. Trifft er auf eine Leuchtstoffschicht, entsteht ein sichtbares Bild. Die Technik ermöglichte die Entwicklung des Fernsehers.

Deutlich näher an aktuellen medizinischen Fragen liegt die Entdeckung eines Marburger Forschungsteams: Das bislang unbekannte Protein TMEM145 ist ein zentraler Bestandteil der äußeren Haarzellen im Innenohr. Diese Sinneszellen verstärken Schall und machen es möglich, sehr leise Töne zu hören. Für die Diagnostik und Behandlung von Hörstörungen könnte der Fund relevant werden.

Rekorde aus Labor und Hörsaal

Auch bei technischen Leistungen gibt es eine klare Marburger Zahl. Forschende der Universität entwickelten einen Halbleiter-Scheibenlaser mit erstmals mehr als 100 Watt kontinuierlicher Ausgangsleistung. Der vorherige Rekord aus dem Jahr 2010 lag bei 40 Watt. Eingesetzt werden solche Laser unter anderem in der Spektroskopie und in der Medizintechnik.

Daneben wird in Marburg weiterhin um Preise gerungen, die nicht aus Stockholm kommen: Der Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurde bislang 14-mal an Forschende aus Marburg vergeben. Zuletzt erhielt ihn der Biologe Tobias Erb für seine Forschung zur Fotosynthese. 2022 wurde außerdem die Chemikerin Stefanie Dehnen für Arbeiten zu Metall-Atom-Clustern ausgezeichnet, die Energie übertragen und speichern können.

Wenn im Jubiläumsjahr die Veranstaltungen starten, treffen dabei ziemlich unterschiedliche Zeiten aufeinander: 90 Studierende und elf Professoren am Anfang, später 25.000 Studierende im Wintersemester 2013; ein Gutshof in Marburg-Marbach, aus dem die Behringwerke hervorgingen; ein Virus, das den Stadtnamen in die medizinische Fachsprache trug; und ein Laser, der den alten Rekord von 40 Watt weit hinter sich ließ. In Marburg liegt das alles nah beieinander – manchmal nur ein paar Häuser und eine Gedenktafel voneinander entfernt.