Philipps-Universität Marburg feiert 500 Jahre Geschichte mit Festzug, Ausstellung und Fahrradstaffel
In Marburg wird es ab Mitte Oktober 2026 geschichtsträchtig – und ziemlich lebendig. Die Philipps-Universität bereitet ihr 500-jähriges Bestehen vor, das 2027 mit rund 300 Veranstaltungen gefeiert wird. Sie gilt als älteste noch bestehende protestantische Universität der Welt. Heute, am 10. Oktober 2026, ist der Auftakt zum Jubiläumsjahr also nur noch wenige Tage entfernt.
Der historische Bogen führt ins nordhessische Homberg-Efze. Dort beschloss die Homberger Synode 1526 die Einführung der Reformation. Landgraf Philipp gründete daraufhin 1527 die protestantische Universität in Marburg. Am 13. Oktober startet deshalb eine Fahrradstaffel des Collegium Philippinum in Homberg-Efze. Über Treysa geht es auf dem neuen Radweg „Philipp500“ nach Marburg. Das Wohnheim des Collegium Philippinum neben dem Landgrafenschloss wurde bereits zu Zeiten Landgraf Philipps gegründet, um mittellose, begabte Studierende zu unterstützen.
Mit dem Rad, im Festzug und auf dem Schlossvorplatz
Am 14. Oktober kommen die Studierenden in Marburg an. Von der Alten Universität ziehen sie in einem Festzug zum Schloss. Ab 15 Uhr steigt auf dem Schlossvorplatz eine Party für Studierende, Forschende und Beschäftigte der Universität – mit Musik, Begegnungen und gemeinsamem Feiern. Nach langen Vorbereitungen darf es dann ruhig einmal laut werden.
Einen Tag später, am 15. Oktober, wird im Landgrafenschloss die Ausstellung „500 Jahre Universität Marburg – was von der Geschichte übrigblieb“ eröffnet. Bis zum 28. Februar ist sie dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Gezeigt werden unter anderem das Gründungsprivileg, historische Zepter, Siegel und alte Urkunden, Dokumente zur Geschichte des Frauenstudiums, Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus und die Nobelpreisurkunde von Emil von Behring.
Die Exponate kommen aus dem Universitätsarchiv, der Universitätsbibliothek und dem Universitätsmuseum. Das Forschungsprojekt „Wissensräume“ nimmt außerdem die Gebäude der Universität in den Blick und zeigt, wie sich die Hochschule über ihre Architektur entwickelt hat.
Ein Jubiläum mit vielen Beteiligten
Für 2027 sind Vorträge und Ausstellungen, Konzerte und Gespräche, Performances und Theater sowie wissenschaftliche Konferenzen und Tagungen mit Forschenden aus aller Welt geplant. Die Universität möchte ihre Geschichte zeigen, den Austausch mit Stadt und Gesellschaft fördern und über zukünftige Entwicklungen sprechen.
Das Jubiläumsjahr soll Geschichte, Gegenwart und die Entwicklung zukünftiger Ideen miteinander verbinden. Mitgestalten sollen ehemalige, aktuelle und künftige Universitätsmitglieder, die Marburger Stadtgesellschaft, Freundinnen, Freunde und Fördernde, institutionelle Partner, die nationale und internationale Wissenschaftsgemeinschaft sowie politische Akteure.
Seit fast 500 Jahren prägt die Universität die Stadt Marburg und die Region. 2027 soll diese Verbundenheit sichtbarer werden und wachsen. Marburg soll zugleich als Standort exzellenter Forschung und interdisziplinären Austauschs stärker in den Mittelpunkt der Wissenschaftslandschaft rücken. Bestehende Partnerschaften sollen vertieft, neue Kooperationen und langfristige Netzwerke aufgebaut werden.
Eine Arbeitsgruppe bereitet das Festjahr vor. Für den Sommer 2025 war eine Veranstaltung für alle Universitätsmitglieder geplant, bei der die gemeinsame Gestaltung des Jubiläumsjahres besprochen werden sollte. Fragen und Anregungen können an Annika Pamir gerichtet werden, die das Festjahr koordiniert. Lisa Weber ist Ansprechpartnerin für die zentralen Festveranstaltungen. Weitere Informationen zur Planung, zu Beteiligungsmöglichkeiten und zu den nächsten Schritten will die Universität noch bekanntgeben. Die Mitteilung ist für das Präsidium von Präsident Thomas Nauss unterzeichnet.
Von 1527 bis zur modernen Hochschule
Landgraf Philipp gründete die Universität am 30. Mai 1527. Die feierliche Einweihung folgte am 1. Juli durch Kanzler Johann Feige; zunächst lehrten elf Professoren für 88 Studenten. Erster Rektor war der Jurist Johannes Eisermann, genannt „Ferrarius Montanus“, der die Universität bereits am 20. Mai eröffnet hatte. 1527 erhielt die Hochschule akademische Freiheiten, am 4. Oktober 1541 wirtschaftliche Selbstständigkeit. 1542 verlieh Kaiser Karl V. das Universitätsprivileg – damit war die Gründung abgeschlossen.
Die ersten Räume lagen in säkularisierten Klostergebäuden der Dominikaner, Franziskaner und Kugelherren. Philipp gewährte der Hochschule weitreichende Privilegien, darunter einen Sitz im Landtag sowie Zoll- und Abgabenfreiheit. 1529 gründete er die Hessische Stipendiatenanstalt, aus der das heutige Collegium Philippinum hervorging. Das Collegium gehört zur Universität, befindet sich im Marburger Schloss, bietet 39 Wohnheimplätze und steht heute Studierenden unabhängig von Geschlecht, Konfession, Herkunft oder Studiengang offen.
Marburg war schon früh ein Ort heftiger Debatten: 1529 trafen sich dort Martin Luther, Ulrich Zwingli und Philipp Melanchthon zum Marburger Religionsgespräch. Die theologische Fakultät zog Studierende aus der Schweiz, Dänemark, Schweden, den Niederlanden und Schottland an. Zeitweise studierten hier Patrick Hamilton und Giordano Bruno.
Ganz reibungslos lief der Hochschulbetrieb trotzdem nie. Pest und Englischer Schweiß zwangen die Universität wiederholt, nach Frankenberg, Grünberg, Gießen, Kirchhain, Homberg und Gemünden auszuweichen. Nach dem Tod des Medizinprofessors Johann Dryander 1560 blieb sein Lehrstuhl zunächst unbesetzt und wurde erst 1565 mit Georg Marius dauerhaft neu besetzt; 1566 kam eine zweite medizinische Professur hinzu. Zu den bedeutenden Lehrenden zählten Johann Lonitzer, Johann Oldendorp, Petrus Nigidius der Ältere und der Jüngere sowie Rudolf Goclenius der Ältere. 1609 erhielt Johannes Hartmann den weltweit ersten pharmazeutisch-medizinisch ausgerichteten Chemielehrstuhl.
Als Landgraf Moritz 1605 zum Calvinismus übertrat, musste die Universität das reformierte Bekenntnis übernehmen. Zahlreiche lutherische Professoren wechselten daraufhin an die 1607 gegründete Universität Gießen. Nach dem Übergang Marburgs an Hessen-Darmstadt 1624 wurden beide Hochschulen von 1625 bis 1649 vereinigt; anschließend wurde die Universität geschlossen. Wilhelm VI. von Hessen-Kassel eröffnete sie am 24. Juni 1653 wieder und verlegte den Universitätsstandort des Landes von Kassel nach Marburg.
Im 18. Jahrhundert litt die Hochschule nach der Wiedereröffnung unter konfessionellen Spannungen und Geldmangel. Der Philosoph Christian Wolff lehrte von 1723 bis 1740 in Marburg, nachdem er aus Halle vertrieben worden war. Seit 1999 findet jährlich die Christian-Wolff-Vorlesung statt. Der Siebenjährige Krieg bremste die Entwicklung zusätzlich: Hessen war wiederholt Kriegsschauplatz, Marburg diente als Festung.
1785 hatte die Universität Sitz und Stimme auf Landtagen, eigene Gerichtsbarkeit und umfangreichen Besitz an Kirchengütern. Der Landesherr war Rektor, der Etats-Minister von Fleckenbühl Kurator; der Senat wählte jährlich einen Prorektor. Ihm gehörten unter anderem drei Theologen, sechs Juristen, zwei Mediziner und neun Philosophen an. Dazu kamen Sprachlehrer, ein Stallmeister, Fecht- und Tanzmeister, ein Konzertmeister, ein Mechanikus und ein Zeichenmeister. Die Bibliothek erhielt durch eine Stiftung Johann Georg Estors rund 10.000 Bände. Ihr jährlicher Etat betrug 150 Gulden; zur Universität gehörten außerdem zwei Buchhandlungen, eine Druckerei und eine Apotheke.
Frauenstudium, Brüche und Neubeginn
1807 kam Kurhessen zum Königreich Westphalen, und Marburgs Universität war von der Schließung bedroht. Rinteln und Helmstedt wurden tatsächlich geschlossen, während Marburg, Göttingen und Halle von deren Einkünften profitierten. Die Universitätsbibliothek wurde durch Bestände aus Rinteln erweitert. 1810 verboten die Behörden studentische Landsmannschaftsabzeichen und Uniformen. Nach der Verhaftung des Studenten Stein zogen am 12. Mai 1811 etwa 200 Studenten nach Gladenbach. Sie erreichten seine Freilassung und eine Untersuchung gegen den beteiligten Gendarmen.
Nach der Rückkehr der Kurfürsten 1813 wurden viele westfälische Reformen rückgängig gemacht. 1816 gründete sich die Verbindung Teutonia; 1817 entstand daraus gemeinsam mit Landsmannschaften die Germania Marburgensis. Die Karlsbader Beschlüsse
