Grenzgänge zwischen Bocholt und Dinxperlo: Evangelische Gemeinden laden zur Veranstaltungsreihe ein
In der Region um Bocholt und Isselburg ist die Grenze kein Strich auf einer Karte, den man einmal anschaut und dann wieder vergisst. Sie verläuft teilweise entlang von Orts- und Kirchengemeindegrenzen, trennt Nachbarschaften – und verbindet sie zugleich. Viele Menschen sind zweisprachig aufgewachsen oder mit Partnerinnen und Partnern aus dem Nachbarland verheiratet. Außerdem treffen hier die westfälische und die rheinische Kirche direkt aufeinander.
Die evangelischen Kirchengemeinden Anholt, Bocholt, Suderwick und Werth nehmen diese Wirklichkeit zum Anlass für eine Veranstaltungsreihe über Grenzen, Grenzerfahrungen und das Leben im Grenzraum. Vom 25. Oktober 2026 bis zum 14. Februar 2027 geht es in Gottesdiensten, Gesprächen und Konzerten um Fragen, die ziemlich nah am Alltag liegen: Wie beeinflussen Grenzen unser Leben und Denken? Was lässt sich aus Grenzerfahrungen lernen? Erweitert der Kontakt zwischen Deutschen und Niederländern den Blick? Wo ist es wichtig, die eigenen Grenzen zu setzen? Und welche biblischen Geschichten erzählen von Grenzgängerinnen und Grenzgängern?
Auftakt in Anholt, danach acht Termine
Los geht es am 25. Oktober 2026 um 9:30 Uhr in der Friedenskirche Anholt mit einem Gottesdienst mit Dr. Volker Hemsdorf, der als Arzt der Augusta-Klinik Anholt beziehungsweise behandelnder Arzt am Augustahospital Anholt Menschen mit Parkinson und Multipler Sklerose betreut.
- 8. November 2026, 9:30 Uhr, Evangelische Kirche Suderwick: Gottesdienst mit Pfarrerin Willemien Lammers aus Dinxperlo. Sie arbeitet dort seit Kurzem als Pfarrerin, nachdem sie lange in der Schweiz tätig war. Als Niederländerin spricht sie Schweizerdeutsch.
- 15. November 2026, 9:30 Uhr, Evangelische Kirche Werth: Gottesdienst mit Nicole Visser. Sie wuchs nahe der niederländischen Grenze in Anholt auf, überquerte zahlreiche Grenzen in Afrika, lebt heute in Kenia und gründete in Ngong eine Schule.
- 6. Dezember 2026, 11:15 Uhr, Christuskirche Bocholt: Gottesdienst mit Susanne Falcke, der theologischen Vizepräsidentin der Evangelischen Kirche von Westfalen. Von 2022 bis 2026 war sie Superintendentin des Kirchenkreises Steinfurt-Coesfeld-Borken; seit dem 1. Mai 2026 ist sie Vizepräsidentin. Zuvor arbeitete sie als Gemeindepfarrerin in Dülmen.
- 10. Januar 2027, 15:30 Uhr, Evangelische Kirche Werth: Konzert mit dem chilenischen Gitarristen Vicente Moreno Cerpa. Er lebt in Düsseldorf, arbeitet am Niederrhein, studierte Gitarre an der Robert Schumann Hochschule Düsseldorf und legte sein Konzertexamen an der Universität Münster ab. Er bezeichnet sich als „musikalischen Grenzgänger“.
- 17. Januar 2027, 15:30 Uhr, Evangelische Kirche Suderwick: Musikalische und literarische Grenzgänge mit dem deutsch-niederländischen Chor Con Spirito, der Lieder zum Thema „Grenze“ präsentiert. Außerdem berichtet der Unternehmer Rudi Ostermann über eigene Grenzerfahrungen.
- 24. Januar 2027, 11:15 Uhr, Apostelkirche Bocholt: Veranstaltung mit Anne und Nikolaus Schneider. Das Paar ist seit mehr als 50 Jahren verheiratet. Anne Schneider ist Theologin und war Realschullehrerin für Mathematik und Religion. Nikolaus Schneider war Gemeindepfarrer in Moers, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland. Beide sprechen auch über Grenzerfahrungen im Zusammenhang mit dem Tod ihrer Tochter Meike.
- 14. Februar 2027, 15:30 Uhr, Dietrich-Bonhoeffer-Haus Bocholt: Diskussion mit Benedikt Kern vom Netzwerk Kirchenasyl NRW über Flucht sowie die Grenzen von Staaten und Menschen. Kern arbeitet am Institut für Theologie und Politik in Münster und berät Kirchengemeinden bei der Gewährung von Kirchenasyl.
Die Orte wechseln: Kirchen und Gemeindehäuser in Bocholt, Werth, Anholt und Suderwick werden zu Stationen einer Reihe, die nicht bei der deutsch-niederländischen Grenze stehen bleibt. Es geht auch um körperliche, politische, persönliche und religiöse Grenzen. Mal wird gesprochen, mal gesungen, mal sitzt vermutlich einfach jemand da und merkt, dass die eigene Geschichte komplizierter ist als die Linie auf dem Grenzstein.
Menschen zwischen Ländern, Kirchen und Biografien
Anne und Nikolaus Schneider bringen dabei nicht nur kirchliche Ämter und jahrzehntelange gemeinsame Erfahrung mit. Ihre Geschichte berührt auch die schmerzhafte Grenze zwischen Leben und Tod, wenn sie über den Tod ihrer Tochter Meike berichten.
Willemien Lammers steht für eine andere Art des Dazwischen: Niederländerin, lange Pfarrerin in der Schweiz, nun in Dinxperlo tätig und mit Schweizerdeutsch im sprachlichen Gepäck. Vicente Moreno Cerpa verbindet chilenische Herkunft, Düsseldorfer Alltag und Arbeit am Niederrhein mit einer Ausbildung in Münster. „Musikalischer Grenzgänger“ nennt er sich selbst – ein Begriff, der in dieser Reihe wohl nicht zufällig gut aufgehoben ist.
Auch Nicole Visser hat Grenzen nicht bloß theoretisch kennengelernt. Ihre Kindheit in Anholt, die Reisen durch Afrika und ihr heutiges Leben in Kenia führen bis nach Ngong, wo sie eine Schule gründete. Susanne Falcke wiederum kennt die kirchlichen Grenzen der Region aus verschiedenen Perspektiven: als Pfarrerin in Dülmen, als Superintendentin und inzwischen als theologische Vizepräsidentin der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Bei Benedikt Kern wird es um Flucht und Kirchenasyl gehen, bei Rudi Ostermann um persönliche Erlebnisse. Con Spirito bringt die deutsch-niederländische Perspektive musikalisch auf die Bühne. Und Anne und Nikolaus Schneider erzählen von einem langen gemeinsamen Leben, in dem Grenzen vermutlich selten dort lagen, wo sie auf dem Papier eingezeichnet waren.
Ein Grenzraum mit langem Gedächtnis
Wie sehr solche Geschichten in der Region verwurzelt sind, zeigt auch die Arbeit von euregio-history. Seit 2016 veranstaltet die Initiative zahlreiche Aktions- und Sammeltage und sammelt Geschichten aus dem Grenzraum. Dafür war sie häufig in Ortsmuseen, Stadtarchiven und bei Heimatvereinen zu Gast.
So ist ein Netzwerk kulturhistorisch und grenzübergreifend arbeitender Organisationen und Vereine entstanden. Es bildet eine Grundlage für weitere Kooperationen. Schulen und Lehrkräfte reagierten positiv auf euregio-history; die Texte werden im Unterricht eingesetzt, weil sie anschaulich vom Alltag in der Grenzregion berichten – nicht aus großer Entfernung, sondern mit den kleinen Wegen, Erinnerungen und Umwegen, die Geschichte brauchbar machen.
Eine für das Jahr 2020 geplante Zusammenarbeit mit jeweils drei deutschen und niederländischen Schulen kam wegen der Corona-Pandemie nicht zustande. Vorgesehen war, Zeitzeugeninterviews über das Ende des Zweiten Weltkriegs und die Wiederaufbauzeit zu sammeln. Anlass war der 75. Jahrestag des Kriegsendes. Nun wird in Kirchen und Gemeindehäusern weiter erzählt, gefragt und musiziert. Der erste Termin ist am 25. Oktober 2026 in Anholt.
