Am 4. November 2026 beginnt an der Universität Münster ein Forschungsforum, das bis in den Januar hineinreicht. Die Graduate School Empirical and Applied Linguistics (GSeal) lädt im Wintersemester zu acht Gastvorträgen ein. Forschende stellen aktuelle Themen der Linguistik vor – mal mit Blick auf große Sprachmodelle, mal auf Kindertexte, Stadtsprachen oder gesprochene Sprache.

Die Veranstaltungen beginnen jeweils um 16:15 Uhr. Überwiegend finden sie vor Ort am Bispinghof 2 in Münster, Raum BB 107, statt; einige Termine werden hybrid oder online angeboten. Interessierte sind willkommen. Wer also nach einem langen Uni-Tag noch Lust auf Sprache, Daten und die manchmal erstaunlich schrägen Wege des Deutschen hat, kann einfach dazukommen.

Das Programm im Wintersemester

  • 4. November 2026: Maria Becker spricht über „Can Machines Recognize Moral Arguments? Modeling Moralizations with Large Language Models“. Der Termin findet online per Zoom statt.

  • 18. November 2026: Ronja Laamann-Quante stellt „The Litkey Corpus: Investigating Spelling and Writing Development Based on Authentic Texts Produced by German Primary School Children“ vor.

  • 25. November 2026: Linnea Weitkamp widmet sich dem Thema „zuene Türen, vorbeie Events – und die Grenzen der Wortarten. Eine (radikal) konstruktionsgrammatische Perspektive auf untypische Adjektive“.

  • 2. Dezember 2026: Maria Kunilovskaya spricht über „Translationswissenschaft und Computerlinguistik“.

  • 9. Dezember 2026: Christian Flinspach fragt in seinem Vortrag „‚Wer wo als Relativpronomen benutzt, will die deutsche Sprache auslöschen.‘ – Zu Gebrauch, Indexikalität und Stigmatisierung des Relativums wo“ nach dem Gebrauch und der Bewertung des Relativpronomens „wo“.

  • 13. Januar 2027: Peter Schlobinski untersucht „Variations- und Wandelprozesse einer Stadtsprache“. Die Veranstaltung findet in Präsenz und mit Zoom-Übertragung statt.

  • 20. Januar 2027: Ludovica Pannitto spricht über „Treebanking Spoken Language: Guidelines for Spoken Data in Universal Dependencies and the Case of Interaction in KIParla“. Dieser Termin wird online per Zoom angeboten.

  • 27. Januar 2027: Stefanie Dipper beendet die Reihe mit „Vom Text zur Erkenntnis: Korpusbasierte Annotation und formbasierte Analyse von Metaphern“.

Hinter der GSeal steht ein Promotionsprogramm der Universität Münster. Unterricht und Betreuung werden auf Deutsch und Englisch angeboten, die Studiendauer beträgt sechs Semester. Eine Zulassung ist sowohl zum Winter- als auch zum Sommersemester möglich; an der staatlichen Universität werden keine Studiengebühren erhoben.

Von Korpusanalysen bis klinische Linguistik

Inhaltlich setzt das Programm stark auf empirische Forschungsmethoden. Dazu gehören Korpusanalysen, experimentelle Phonetik und Phonologie, psycholinguistische Experimente sowie quantitative Soziolinguistik. Weitere Forschungsbereiche sind unter anderem Sprachbewertung, klinische Linguistik und die Forschung zum Sprachunterricht.

Die Zielgruppe sind Bewerberinnen und Bewerber mit abgeschlossenem Masterstudium in Linguistik, Angewandter Linguistik, Kognitionswissenschaften oder einer verwandten Fachrichtung. Wer noch keine fundierten Kenntnisse empirischer Methoden mitbringt, muss voraussichtlich zusätzliche methodische Lehrveranstaltungen absolvieren. Klingt zunächst nach Extraarbeit – ist aber bei einem Programm, in dem Sprache gezählt, getestet, verglichen und manchmal regelrecht auseinandergenommen wird, nicht ganz überraschend.

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Das Spektrum der Vorträge passt zu diesem Profil: Moralische Argumente in Large Language Models treffen auf authentische Texte deutscher Grundschulkinder, Übersetzungswissenschaft auf Computerlinguistik, Metaphern auf korpusbasierte Annotation. Auch Sprachwandel, Wortarten, Relativpronomen und die Besonderheiten gesprochener Sprache bekommen ihren Platz.

Ein Fach zwischen Klassenzimmer, Klinik und Computer

Angewandte Linguistik bewegt sich im Übergang von der Wissens- zur Informationsgesellschaft. Sie beschäftigt sich mit menschlicher verbaler und nonverbaler Kommunikation ebenso wie mit Wissensorganisation, Wissenspräsentation, Wissensmodellierung und Wissensverarbeitung. Dazu kommt die Entwicklung geeigneter sprachtechnologischer Lösungen.

Auf dem Tisch liegen damit Fragen zu Wissenstransfer und Mehrsprachigkeit, zu computergestützter Wissensmodellierung und -repräsentation, zu Sprache in neuen Medien sowie zu Methoden und Werkzeugen für den Erwerb und die Nutzung mutter- und fremdsprachlicher Informationen. Zwischen Spracherwerb und Sprachgebrauch bestehen enge Verbindungen zu Lern- und Lehrprozessen: beim Lesen- und Schreibenlernen, beim Textverstehen, in der mündlichen Kommunikation, bei Gesprächsführung und Moderation. Der Bezug zur Didaktik liegt da ziemlich offen herum.

Sprachwissen wird etwa durch Lehrbücher vermittelt und in Wörterbüchern kodifiziert. Übersetzung ist angesichts der Globalisierung ein wichtiges Arbeitsfeld und eng mit Sprach- und Kulturmittlung verbunden; vollständig automatisieren lässt sie sich nur eingeschränkt. Um Sprachbarrieren zu überwinden, untersucht die Angewandte Linguistik zweckgebundene Vereinfachungen natürlicher Sprachen wie Basic English, Grundwortschätze sowie künstliche Plansprachen wie Esperanto, Interlingua, Interlingue und Volapük.

Auch das Verhältnis von Schrift beziehungsweise Rede und nonverbalem Ausdruck gehört dazu. Texte enthalten oft Tabellen, Bilder und Diagramme, Formeln und Gleichungen, Modelle, Karten, Graphen oder Schemata – Elemente, die Inhalte besonders ökonomisch transportieren, sprachlich aber nur umständlich wiedergegeben werden können. Deshalb müssen sie erklärt und interpretiert werden. In Comics kann ein Bild die Sprache fortsetzen, sie ersetzen oder gegenüber dem Text bewusst in den Vordergrund treten.

Formulare, Fragebögen und Terminkalender stehen wiederum im Dialog mit ihren Nutzern: Felder und Spalten müssen aktiv bearbeitet werden. Die Untersuchung solcher Texte auf Klarheit, Logik und Einfachheit hat dazu beigetragen, ergonomische Mensch-Maschine-Schnittstellen in der Informatik benutzerfreundlicher zu machen. Weitere Schnittstellen gibt es bei Information Retrieval, Data-Mining, Informationsextraktion, der Beantwortung von Fragen auf Basis großer Datenbanken und der Suche nach Textstellen nach Form und Bedeutung.

Zum Arbeitsgebiet zählen außerdem Suchmaschinen, computerunterstützte Übersetzung (CAT), automatische Übersetzung, Textverarbeitungsfunktionen wie Tipp-, Grammatik- und Rechtschreibkorrektur, Thesauri sowie Spracherkennung und Sprachsynthese. Das klingt nach Bildschirm und Tastatur, reicht aber deutlich weiter.

Sprache als Zusammenarbeit vieler Fächer

Im klinisch-pathologischen Bereich geht es um die theoretischen Grundlagen von Sprachstörungen, um Diagnostik und Therapie, um psycholinguistische Grundlagen des Spracherwerbs und der Sprachverarbeitung sowie um kognitiv-neurolinguistische Zusammenhänge zwischen Sprache und Gehirn. Untersucht werden Sprachstörungen im Erwachsenen- und Kindesalter, Analyse- und Diagnoseverfahren sowie die logopädische Therapie von Sprachentwicklungsstörungen und erworbenen Sprach- und Sprechdefekten.

Die Angewandte Linguistik befasst sich außerdem mit Gestik, statischer und dynamischer Blindenschrift, den Gebärdensprachen gehörloser Menschen und der Vermittlung des Fingeralphabets. Sie ist auf Zusammenarbeit mit der Praxis und anderen wissenschaftlichen Disziplinen angewiesen. Nach der im Artikel zitierten Definition von F. Königs stellt sie Ergebnisse der theoretischen Linguistik in anwendungsbezogene Zusammenhänge und greift auf Wissenschaften zurück, die nur mittelbar mit Sprache verbunden sind.

Deshalb wird der Begriff häufig als Oberbegriff für interdisziplinäre Wissenschaften mit linguistischem Anteil verwendet. Daraus entstehen „Bindestrich-Linguistiken“ wie Psycho-, Sozio- und Pragmalinguistik, die Sprachverwendung jeweils aus bestimmten interdisziplinären Blickwinkeln untersuchen.

Die Verbindungen reichen in die Medizin – etwa bei Sprachstörungen in Logopädie, Phoniatrie und Kieferorthopädie –, in die Anatomie mit der Funktion von Lunge, Rachen, Kehlkopf, Gaumen, Zunge, Lippen und weiteren Organen bei der Lautproduktion sowie in Hirnforschung und Neurobiologie, wenn es um den Zusammenhang von Gehirn und Sprache geht.

Hermeneutik und Translatologie befassen