Hubert Wolf und die verborgenen Akten hinter Sant’Ambrogio
Heute, am 25.09.2026, wirkt ein Fernsehtermin aus dem Jahr 2013 fast wie ein Blick in ein gut verschlossenes Archiv: Prof. Hubert Wolf sprach am Sonntag, 22. September 2013, in der halbstündigen SRF-Sendung „Sternstunde Religion“ über sein Buch Die Nonnen von Sant’Ambrogio. Im Gespräch mit Moderator Thomas Binotto ging es um mögliche Lehren aus einem Klosterskandal des 19. Jahrhunderts – und um Wolfs Arbeit in den geheimen Vatikanischen Archiven.
Die Erstausstrahlung auf SRF 1 lief von 10:00 bis 10:30 Uhr. Wiederholt wurde die Sendung auf SRF info am Dienstag, 24. September 2013, um 11:00 Uhr sowie am Samstag, 28. September 2013, um 7:45 Uhr. Für den Blick zurück lohnt sich der Fall noch immer: In einem römischen Frauenkloster trafen Giftmorde auf vorgetäuschte Heiligkeit, Teufelsaustreibungen auf verbotene sexuelle Beziehungen. Dazu kamen Richtungs- und Machtkämpfe innerhalb der katholischen Kirche – Stoff, der selbst ohne dramatische Musik ziemlich dicht wirkt.
Ein Prozess hinter Klostermauern
Für das im Verlag C.H.Beck erschienene Buch wertete Wolf Akten eines Inquisitionsprozesses aus den 1860er-Jahren aus. Während seines einjährigen Aufenthalts als Fellow am Historischen Kolleg in München arbeitete er den Prozess auf. Ein Aktenfund bildete die Grundlage für die Darstellung des Skandals in einem römischen Kloster Mitte des 19. Jahrhunderts.
Die Reaktionen auf das Buch fielen deutlich aus. Michael Hollenbach nannte die Geschichte in Deutschlandradio Kultur am 23. Februar 2013 „unglaublich und faszinierend“. Julia Gindl bezeichnete sie auf Ö1 am 22. Februar als „grausames Sittenbild“ der Welt hinter Klostermauern. Heiner Boberski sprach in der Wiener Zeitung am 19. Februar von einem „schaurigen Un-Sittenbild“.
Rudolf Neumaier hob in der Süddeutschen Zeitung am 16. Februar 2013 die wissenschaftliche Aufarbeitung und fundierte Einordnung hervor. Zugleich seien die Ereignisse erzählerisch aufbereitet und von überraschenden Wendungen geprägt. Kurt Remele nannte die Geschichte in Die Presse am 23. März „wahr und spannender als so manchen Kriminalroman“. Sibylle Peine schrieb am 5. März für die dpa, Wolf habe eine brisante Geschichte mit überraschend drastischen Quellen ans Licht gebracht.
Auch der Ton der übrigen Besprechungen war freundlich bis begeistert: Urs Rauber bewertete das Buch in der NZZ am Sonntag am 31. März als wissenschaftlich gut fundiert. Christian Herzog hob in Christ in der Gegenwart am 26. Mai die Wirkung der nüchternen Sprache hervor. Hajo Goertz schrieb im Deutschlandfunk am 10. Juni, Wolf habe sich verpflichtet gesehen, die geschichtliche Wahrheit offenzulegen. Adam Soboczynski lobte in Die Zeit am 20. Juni, dass Wolf aus den klösterlichen Vorfällen Erkenntnisse gewinnt. Für Heribert Prantl war das Buch in der Süddeutschen Zeitung am 27. Juli spannende Ferienlektüre; Buchreport Express empfahl es am 27. Juni Italienreisenden, die sich zugleich bilden und unterhalten möchten.
Der Erfolg blieb nicht nur auf den Feuilletonseiten. Die Nonnen von Sant’Ambrogio erreichte Platz 7 der Spiegel-Bestsellerliste und stand im Mai 2013 auf Platz eins der Sachbuch-Bestenliste von Süddeutscher Zeitung und Norddeutschem Rundfunk.
Vom Münsteraner Kirchenhistoriker zum Archivreisenden
Hubert Wolf, geboren am 26. November 1959 in Wört im Ostalbkreis, ist deutscher römisch-katholischer Priester und Kirchenhistoriker. 1978 legte er am Peutinger-Gymnasium Ellwangen das Abitur ab. Danach studierte er Katholische Theologie an den Universitäten Tübingen und München, zunächst mit Schwerpunkt Mittlere und Neuere Kirchengeschichte, später auch Exegese des Alten und Neuen Testaments. 1983 bestand er die Diplomprüfung und setzte seine Ausbildung im Priesterseminar fort.
1985 wurde Wolf zum Priester geweiht. Bis 1990 war er in der Pfarrseelsorge der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig. In Tübingen promovierte er 1990 mit einer Arbeit über den Theologen Johannes von Kuhn (1806–1887); 1991 habilitierte er sich mit einer Studie zur Reichskirchenpolitik des Hauses Lothringen (1680–1715). 1992 erhielt er eine Professur an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.
1999 wechselte Wolf als C4-Professor an die Westfälische Wilhelms-Universität Münster und wurde dort Direktor des Seminars für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte. Seitdem gehört die Stadt zu seinem wissenschaftlichen Arbeitsort. 2002 wurde er Mitglied der Historischen Kommission für Westfalen und übernahm im selben Jahr die Leitung des DFG-Langzeitprojekts „Römische Inquisition und Indexkongregation“. Seit 2008 leitet er außerdem das DFG-Projekt „Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917–1929)“.
Schon ab 1992 hatte Wolf Zugang zu den Akten der Glaubenskongregation – noch vor deren offizieller Öffnung 1999. Im selben Jahr wurde er in den internationalen wissenschaftlichen Beirat des Archivs der Glaubenskongregation berufen. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Reichskirchengeschichte sowie die Erschließung römischer Archive der Inquisition und der päpstlichen Indexkongregation. Im Kollegjahr 2011/12 war er Forschungsstipendiat am Historischen Kolleg in München. Außerdem verfasste er zahlreiche Beiträge für das Biographisch-Bibliographische Kirchenlexikon.
Archive, Zölibat und offene Fragen
Wolfs Arbeit blieb nicht bei den Akten des Sant’Ambrogio-Prozesses stehen. Seit 2013 leitet er gemeinsam mit Andreas Wirsching die auf zwölf Jahre angelegte Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers. Seit März 2020 untersucht Wolf im Vatikanischen Apostolischen Archiv Unterlagen zum kirchenpolitischen Wirken Papst Pius’ XII. während des Zweiten Weltkriegs.
Das Münsteraner Forschungsprojekt „Asking the Pope for help“ nimmt dabei rund 10.000 Bittschreiben verfolgter Juden an den Papst in den Blick und soll diese veröffentlichen. Nach den Angaben im Artikel waren etwa 800 bis 900 Briefe transkribiert und rund 90 Fälle weiter rekonstruiert. Viel Papier, viele Schicksale, und dazwischen die mühsame Arbeit, aus brüchigen Spuren belastbare Geschichte zu machen.
Auch kirchenpolitisch mischt sich Wolf ein. Im Juli 2019 forderte er, verheiratete Priester neben zölibatären Priestern zuzulassen. Zur Geschichte des Zölibats erklärte er, erst 1139 sei die Ehelosigkeit zur Voraussetzung für das Priestertum gemacht worden. Damit sollten Erbansprüche von Priesterkindern verhindert und kirchliche Vermögenswerte geschützt werden. Die Regel sei lange uneinheitlich durchgesetzt worden; im Münsterland seien noch im 17. Jahrhundert Priesterämter an Söhne weitergegeben worden.
Der Begriff „Zölibat“ habe zudem verschiedene Bedeutungen gehabt, etwa sexuelle Enthaltsamkeit an Sonntagen oder ein Heiratsverbot für verwitwete Priester. Erst im 19. Jahrhundert habe sich die Bedeutung als dauerhafte sexuelle Enthaltsamkeit etabliert. Die ausdrückliche Forderung nach einem Pflichtzölibat wurde 1917 im Codex Iuris Canonici festgelegt.
Ende 2022 kritisierte Wolf Papst Franziskus wegen des Schlussdokuments zur Amazonas-Synode. Darin sei die Dreiviertelmehrheit für die Weihe verheirateter Männer zu Priestern nicht berücksichtigt worden, erklärte er. Deutschen Bischöfen, die das Frauendiakonat befürworten, empfahl Wolf, beim Papst eine Sondergenehmigung zu beantragen und bei ausbleibender oder ablehnender Antwort Konsequenzen bis hin zu Rücktrittsangeboten anzukündigen.
Ein breites Werk
Zu Wolfs Veröffentlichungen zählen Die Reichskirchenpolitik des Hauses Lothringen (1680–1715) (1994), Inquisition, Index, Zensur (
