Was die Vatikanarchive über Winnetou, Galileo und Pius XII. verraten
Am Montag, 28. Januar, berichtet Prof. Hubert Wolf um 15 Uhr in der einstündigen Sendung „Planet Wissen“ über Funde in den geheimen Archiven des Vatikans. Die Ausstrahlung liegt – vom heutigen Datum, dem 25. September 2026, aus betrachtet – in der Vergangenheit; ein Jahr nennt die vorliegende Ankündigung allerdings nicht. Veranstaltungs- und Hochschulbezug: Uni Münster.
Eine Frage dürfte dabei besonders neugierig machen: Warum beschäftigten sich die für Buchzensur zuständigen Kardinäle mit Karl Mays „Winnetou“? Wolf nimmt außerdem verbreitete Mythen der Kirchengeschichte unter die Lupe – gestützt auf eigene Forschungen und Quellen aus dem Vatikanischen Geheimarchiv, den Archiven der Inquisition und der Indexkongregation.
Von den Templern bis Pius XII.
Die Sendung führt durch zentrale Konflikte der Kirchengeschichte: das Verbot des Templerordens im Mittelalter, die Krise der Kirche zur Zeit der Reformation, Hexenverfolgungen und den Inquisitionsprozess gegen Galileo Galilei. Auch die Politik Eugenio Pacellis, des späteren Papstes Pius XII., kommt zur Sprache.
Ausgestrahlt wird „Planet Wissen“ zeitgleich in den dritten Programmen von WDR und SWR sowie auf BR-alpha. Zusätzlich ist die Sendung im Livestream des WDR im Internet verfügbar.
Was früher „Vatikanisches Geheimarchiv“ hieß, trägt offiziell inzwischen den Namen Vatikanisches Apostolisches Archiv, kurz AAV. Bis Oktober 2019 war die Bezeichnung „Vatikanisches Geheimarchiv“ (ASV) gültig. „Geheim“ meinte dabei das persönliche Archiv des Papstes, nicht eine pauschale Sperre für alle anderen. Mit dem Motu Proprio „L’esperienza storica“ vom 28. Oktober 2019 wurde der Name geändert, im Alltag hält sich die alte Bezeichnung teilweise trotzdem.
Ein Gedächtnis mit 85 Regalkilometern
Das Archiv ist die zentrale Sammelstelle für vom Heiligen Stuhl erlassene Gesetze und die diplomatische Korrespondenz des Vatikans. Es umfasst etwa 85 Regalkilometer Akten und rund 35.000 bislang unvollständig inventarisierte Bände; andere Darstellungen sprechen von mehr als 85 Kilometern Regalen und Millionen von Dokumenten.
In den Beständen liegen päpstliche Bullen, Breven und offizielle Briefe, Protokolle ökumenischer Konzilien und Synoden, diplomatische Schreiben an Monarchen und Staatsoberhäupter, finanzielle und administrative Unterlagen der Kirchenstaaten, Gerichtsakten – darunter Inquisitionsverfahren – sowie persönliche Papiere von Päpsten und hohen Kirchenvertretern. Die Sammlung reicht bis in die frühen Jahrhunderte des Papsttums zurück.
Zu den bekannten Stücken gehören Briefe Michelangelos, ein Brief Heinrichs VIII. mit der Bitte um Eheannullierung, die Registereintragung der Bannbulle „Exsurge Domine“ gegen Martin Luther und das Originalregister Gregors VII. mit dem „Dictatus papae“. Hinzu kommen „Inter Caetera“ von 1493, ein Dekret zur Aufteilung Amerikas zwischen Spanien und Portugal, „Decet Romanum Pontificem“ von 1521, die Bulle zur Exkommunikation Martin Luthers, Prozessakten der Tempelritter, antike Handschriften und päpstliche Register.
Die Archivgeschichte verlief allerdings nicht schnurgerade. Mittelalterliche Quellen belegen zunächst keine systematische Organisation. Von weltlichen Herrschern ausgestellte päpstliche Urkunden wurden zunächst gemeinsam mit dem päpstlichen Schatz aufbewahrt. Papst Innozenz III. trug im frühen 13. Jahrhundert zur Formalisierung eines zentralen Archivs für Verwaltungs- und Rechtsdokumente bei; während des Avignonesischen Papsttums von 1309 bis 1377 kamen weitere Bestände hinzu, die später nach Rom zurückgebracht wurden.
Auch Plünderungen und politische Umbrüche hinterließen Spuren, unter anderem die Plünderung Roms 1404 und die französische Besetzung. Papst Sixtus IV. ließ wichtige Privilegien und Dokumente im Engelsburgarchiv, dem „Archivum Arcis“ beziehungsweise „Archivum vetus“, zusammenfassen. Sixtus V. reorganisierte die Bestände 1587 im Apostolischen Palast und schuf damit eine Grundlage der modernen Archive.
Pius IV. plante ein zentrales Kurienarchiv. Erst zu Beginn des 17. Jahrhunderts löste Paul V. das Archiv aus der Vatikanischen Bibliothek heraus und richtete es als eigene Organisationseinheit ein. Bestände des Archivs der Apostolischen Kammer und des Engelsburgarchivs kamen hinzu. Paul V. übertrug die Leitung seinem Kardinalnepoten Scipione Borghese Caffarelli, während Michele Lonigo die organisatorische Arbeit übernahm. Als offizieller Beginn gilt die Ernennung Baldassare Ansideis zum Kustoden am 31. Januar 1612.
1798 wurde das Engelsburgarchiv mit dem Vatikanischen Archiv vereinigt. Napoleon ließ das Archiv 1810 nach Paris bringen. Ludwig XVIII. ordnete im April 1814 die Rückgabe an den Papst an. Weil der Rücktransport teuer war, verfügte das Staatssekretariat im Juni 1816, vermeintlich überflüssige Dokumente auszusondern. Tausende Archivalien wurden daraufhin als Altpapier verkauft oder verbrannt – darunter die Akten des Inquisitionsprozesses gegen Giordano Bruno.
Vom verschlossenen Bestand zum Lesesaal
Die Römische Republik von 1849 beeinträchtigte das Archiv kaum. Bis ins späte 19. Jahrhundert blieben die Bestände jedoch weitgehend verschlossen, was Spekulationen über ihren Inhalt befeuerte. Einzelne Archivalien konnten Wissenschaftler auf Antrag schon seit dem frühen 17. Jahrhundert einsehen. Ludwig von Pastor war der erste Historiker, dem umfassender Zugang gewährt wurde; er nutzte das Material für seine Geschichte der Päpste seit dem Ausgang des Mittelalters.
Kardinal Jean-Baptiste Pitra legte unter Pius IX. einen Plan zur wissenschaftlichen Öffnung vor. Wirklich liberaler wurde der Zugang unter Leo XIII., der 1879 Josef Hergenröther zum Präfekten und Archivar des Apostolischen Stuhls ernannte. Im Januar 1881 öffnete das Archiv für Benutzer, 1884 wurde die Benutzungsordnung weiter liberalisiert. Die traditionelle Verbindung von Bibliothek und Archiv war zunächst beendet. Unter Kardinal Gasquet wurden die Ämter des Archivars und Bibliothekars ab 1917/1919 wieder zusammengeführt.
Heute erhalten Wissenschaftler mit einem Empfehlungsschreiben einer Forschungseinrichtung in der Regel unkompliziert Zugang. Akten bis zum Ende des Pontifikats Benedikts XV. im Jahr 1922 sind ohne zeitliche Einschränkung zugänglich. Johannes Paul II. gab 2002 die Dokumente des Staatssekretariats von 1922 bis 1939 frei, soweit sie das Deutsche Reich betreffen. Seit dem 18. September 2006 sind sämtliche Dokumente des Pontifikats Pius XI. bis zu dessen Tod 1939 zugänglich. Papst Franziskus kündigte im März 2019 an, die Bestände des Pontifikats Pius XII. von 1939 bis 1958 ab 2020 freizugeben; geöffnet wurden sie am 2. März 2020.
1968 wurde die Vatikanische Schule für Paläografie, Diplomatik und Archivkunde dem Archiv angegliedert. Die Kardinalbibliothekare waren seit 1609 zugleich Archivare der Heiligen Römischen Kirche. Kustoden und später Präfekten leiteten den Bestand unmittelbar.
Zu den genannten Archivleitern und leitenden Mitarbeitern gehören Giuseppe Garampi, Präfekt von 1751 bis 1772, Augustin Theiner, Präfekt von 1855 bis 1870, Giuseppe Cardoni, Präfekt von 1870 bis 1873, Heinrich Denifle, Unterarchivar von 1883 bis 1905, Angelo Mercati, Präfekt von 1925 bis 1955, Martino Giusti, Präfekt von 1956 bis 1984, Hermann Hoberg, Vizepräfekt von 1956 bis 1980, Josef Metzler OMI, Präfekt von 1984 bis 1995, Sergio Pagano B., Präfekt von 1995 bis 2024 und ab 2007 Titularbischof, sowie Rocco Ronzani OSA, Präfekt seit 2024. Zur Geschichte, Organisation und Nutzung des Archivs werden außerdem mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen und Übersichten geführt.
Kein Rundgang für Rom-Touristen
Für qualifizierte Gelehrte – Historiker, Akademiker und Doktoranden
