Gitarrenmotive auf historischen Bildpostkarten: Ausstellung der Universität Osnabrück eröffnet neue Perspektiven auf Musik und Gesellschaft um 1900
Im Osnabrücker Schloss hängen seit Freitag, dem 30. Oktober 2026, historische Gitarrenmotive in Übergröße. Die Universität Osnabrück eröffnet dort um 14 Uhr die Ausstellung „Grüße mit Gitarre. Zupfinstrumente als Motive auf historischen Bildpostkarten“ – im Foyer des zweiten Stockwerks, im Rahmen des neuen „GuitarFests“.
Zu sehen sind überwiegend Bildpostkarten aus der Zeit um 1900. Musiker, Filmstars, Mitglieder der Jugendbewegung „Wandervogel“, Werbekarten von Ensembles, Autogrammkarten und Illustrationen bestimmter Lieder zeigen, wie präsent die Gitarre damals im Alltag und in der Fantasie der Menschen war. Die vergrößerten Karten machen aus kleinen Grußbotschaften fast schon Plakate.
Gitarre und Postkarte im Aufbruch
Um 1900 erlebte die Gitarre im deutschsprachigen Raum eine Renaissance. Gleichzeitig wurde die um 1870 in den meisten europäischen Ländern eingeführte Postkarte zu einem weit verbreiteten sozialen Medium. Jährlich erschienen mehrere tausend neue Motive – darunter Karten, auf denen Gitarren nicht bloß Dekoration waren, sondern für Lebensgefühl, Geselligkeit oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen standen.
Die Karten geben Hinweise auf die gesellschaftliche Rolle und die symbolische Funktion des Instruments. Auch unterschiedliche Bauweisen lassen sich erkennen: etwa die Wandervogelgitarre mit Lautenkorpus oder die Kontragitarre, die vor allem in Schrammelkapellen verwendet wurde. Als instrumentenkundliche Quellen sind Bildpostkarten bislang nur selten wissenschaftlich untersucht worden.
Eine zentrale Rolle spielte die Jugendbewegung „Wandervogel“. Sie trug um 1900 zur Wiederentdeckung des deutschen Volkslieds bei und verbreitete unter anderem Hans Breuers Liederbuch „Der Zupfgeigenhansl“ sowie die Gitarrenlaute. Auch Blockflöte, Waldzither und Mandoline wurden im Umfeld der Bewegung wieder populär. Aus dem Singen beim Wandern und am Lagerfeuer entwickelte sich zunehmend das Ideal gemeinschaftlicher Chormusik.
Vom Lagerfeuer zur Singwoche
Umgesetzt wurde dieses Ideal in offenen Singstunden und Singwochen, häufig verbunden mit Aufenthalten in Jugendherbergen. Die Jugendmusikbewegung, auch „Singbewegung“ genannt, entstand im frühen 20. Jahrhundert unter dem Einfluss der Jugendbewegung. Ihr Ziel: Laien zum gemeinsamen Musizieren anzuregen und traditionelle Volkslieder zu pflegen.
Nach Dorothea Kolland gilt 1918 als Gründungsjahr der Jugendmusikbewegung. Damals veröffentlichte Fritz Jöde das Buch „Musikalische Jugendkultur. Anregungen aus der Jugendbewegung“. Schriften von Jöde, Walther Hensel und Hans Breuer gaben der Bewegung ihren musikalischen Schwerpunkt. Teile der Jugendbewegung vertraten und verbreiteten allerdings völkisches Gedankengut.
Walter Hensel veröffentlichte ab 1923 zahlreiche Bearbeitungen und Vertonungen von Volksliedern. In Finkenstein bei seinem Geburtsort Mährisch-Trübau veranstaltete er die erste Singwoche; später wurde Hensel der erste Autor des neu gegründeten Bärenreiter-Verlags.
Fritz Jöde gründete 1924 den Finkensteiner Bund, der den völkischen Flügel der Jugendmusikbewegung vertrat. Der Bund gab die Zeitschrift „Singgemeinde“ und sechs Hefte mit dem Titel „Die Musikanten, Lieder für die Schule“ heraus, außerdem veranstaltete er zahlreiche Singwochen. Im Hohenloher Land fanden zwischen 1929 und 1962 mehr als 50 solcher Wochen statt, die Pfarrer Heinrich Mohr de Sylva leitete oder gemeinsam mit ihm leitete. Zu den Veranstaltungen gehörten Kantatensonntage mit 300, 600 und bis zu 1.000 Teilnehmern.
Die Singwochen beeinflussten die außerschulische Musikerziehung und die deutsche Musikpädagogik bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Der nationalsozialistische Musikhistoriker Joseph Müller-Blattau schrieb 1938: „Das Dritte Reich ist nicht nur erkämpft, sondern auch ersungen worden.“ Ein Satz, der neben den fröhlichen Kartenmotiven hängen bleibt.
Ein Archiv mit 40.000 Geschichten
Grundlage der Ausstellung ist das Bildpostkartenarchiv der Universität Osnabrück. Seine Ursprünge gehen auf die Osnabrücker Musikhistorikerin Dr. Sabine Giesbrecht zurück. Sie sammelte seit den frühen 1980er-Jahren vor allem Postkarten mit Musikmotiven und übergab ihre Bestände 2010 der Universitätsstiftung Osnabrück.
Durch weitere Zustiftungen und Spenden wuchs das Archiv auf rund 40.000 Objekte in 21 Sammlungen. Die Bestände reichen von den Anfängen der Bildpostkarte im 19. Jahrhundert bis etwa 1945. Neben musikalischen Motiven gehören Feldpost und Korrespondenz aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie Darstellungen von Frauen und Männern zu den thematischen Schwerpunkten.
Genutzt wird das Archiv für universitäre und externe Forschungsprojekte, aber auch für Schulbücher, Unterrichtsmaterialien und Ausstellungen. Eine Karte schaffte es sogar in eine Folge der ZDF-Reihe „besseresser“: Sie zeigt, dass Leibniz-Butterkekse während des Ersten Weltkriegs ebenfalls mit Postkarten beworben wurden. Zwischen Gitarre, Volkslied und Kekswerbung liegt dann plötzlich ein ziemlich großes Stück Zeitgeschichte.
