Queere Ampelpaare leuchten an der Bierstraße in Osnabrück
Osnabrück hat heute, am 3. November 2026, an der Ampel in der Bierstraße auf Höhe der Kunsthalle eine queere Ampel-Sonderedition installiert. Wer dort bei Rot wartet, sieht zwei queere Figuren, die sich an der Hand halten. Über ihnen schwebt ein Herz. Bei Grün gehen sie gemeinsam los.
Der zentrale Standort am Eingang zur Altstadt ist bewusst gewählt: Hier sind viele Menschen zu Fuß unterwegs, außerdem behandelt die nahe Kunsthalle häufig queere Themen. Die neuen Symbole sollen im Alltag auffallen, ohne den Verkehr aus dem Takt zu bringen. „Bei Rot stehen, bei Grün gehen“ muss schließlich auch mit Herz noch klar erkennbar bleiben.
Ein Ratsauftrag wird sichtbar
Die Installation setzt einen aktuellen Ratsauftrag um. Schon 2022 hatte der Rat Resolutionen zur besseren Sichtbarkeit queerer Lebensrealitäten und zur Stärkung von Schutzmechanismen verabschiedet. Gleichstellungsbeauftragte Patricia Heller erklärte, die Ampel mache queeres Leben im Stadtgebiet sichtbarer.
Begleitet wurde der Prozess vom Queerbeirat. An der Umsetzung waren unter anderem Mitglieder des Beirats, das Antidiskriminierungsbüro, der Fachbereich Geodaten und Verkehrsanlagen, Grafikerin Janin Arntzen und Patricia Heller beteiligt. Arntzen entwickelte die Darstellung; die Handhaltung und das Herz sollen die Zuneigung der Figuren zeigen. Das Bildmaterial zeigt die Figuren einmal bei Rot stehend und einmal bei Grün gehend.
Mike Bohne, Leiter des Fachbereichs Geodaten und Verkehrsanlagen, betonte, die Symbole müssten eindeutig erkennen lassen, dass die Figuren bei Rot stehen und bei Grün gehen. Romantik hin oder her: An der Kreuzung gelten weiterhin die Verkehrsregeln.
Von der politischen Idee zum Stadtbild
Grüne, SPD und Volt hatten in Osnabrück die Einführung queerer Ampelpärchen beantragt. Der Ausschuss für Personal und Chancengleichheit beriet den Antrag. Vorgesehen waren gleichgeschlechtliche Paarmotive an mehreren Fußgängerampeln in der Innenstadt sowie ein Regenbogenstreifen im Stadtbild. Die Antragsteller begründeten das Vorhaben mit einem sichtbaren Zeichen für Akzeptanz und Vielfalt.
Queere Ampelpärchen ersetzen das klassische Ampelmännchen durch zwei als Paar dargestellte Figuren. Das Konzept stammt ursprünglich aus den Niederlanden; Amsterdam führte solche Signale früh ein. Frankfurt war 2018 anlässlich des Christopher Street Day die erste deutsche Stadt mit queeren Ampelpärchen, später übernahmen unter anderem Berlin und Mainz die Idee.
Laut einem NDR-Bericht sind in Osnabrück seit Mitte Juni 2025 an 14 Ampelanlagen entsprechende Signale in Betrieb. Gegen queere Ampelsignale gab es eine Klage: Ein Stadtrat sah seine sexuelle Selbstbestimmung beeinträchtigt. Das Gericht wies die Klage laut NDR-Bericht vom 25. September 2025 ab. Auch in anderen Städten blieben rechtliche Einwände gegen solche Ampelmotive bislang erfolglos. Im Osnabrücker Stadtrat stimmten alle Parteien außer der AfD für das Vorhaben. Das Projekt soll umgesetzt werden, die queeren Ampelpärchen sollen Teil des Stadtbilds werden.
Was Osnabrück darüber hinaus anbietet
Die Stadt hat mehrere Angebote und Strukturen zu LGBTQ+-Themen aufgebaut. Das Antidiskriminierungsbüro arbeitet seit 2017 gegen Diskriminierung; LGBTIQ+-Themen gehören zum Referat Chancengleichheit. Seit 2023 berät der Queer-Beirat Stadtverwaltung und Stadtrat aus Sicht der queeren Community.
Der Rosa-Courage-Preis wird seit 1992 im Rahmen des Festivals „Gay in May“ für Engagement zugunsten der Rechte und Sichtbarkeit von LGBTIQ+-Personen verliehen. Ein queerer Stadtplan weist sichere Orte, Beratungsstellen und Treffpunkte aus, bei dessen Erstellung und Aktualisierung die Stadt unterstützt. Seit Juli 2025 gibt es außerdem eine eigenständige, niedrigschwellige queere Beratungsstelle für LGBTIQ+-Personen.
Unterstützung leisten zudem lokale NGOs und Partner im Antidiskriminierungs-Netzwerk. Durch die Mitgliedschaft im Rainbow Cities Network erhält Osnabrück internationale Ideen, Ressourcen und Kontakte. Die Ampel an der Bierstraße steht damit nicht allein herum, auch wenn sie vermutlich als einzige dieser Angebote bei jedem Umschalten so konsequent den Beziehungsstatus wechselt.
Ein Motiv mit Vorgeschichte
Wie weit die Geschichte der Ampelpärchen zurückreicht, zeigt ein Blick nach Wien. Dort wurden am 11. Mai 2015 anlässlich des Life Balls, des Eurovision Song Contests und der Regenbogenparade drei Varianten installiert: ein heterosexuelles Paar, ein lesbisches Paar und ein schwules Paar. Die Ampelsymbole mit Herz sollten zunächst nur bis Ende Juni bleiben.
Dann kam die internationale Medienaufmerksamkeit, dazu Forderungen aus der Bevölkerung. Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou beschloss am 18. Mai, die Ampelpärchen dauerhaft zu belassen. Eine Facebook-Gruppe für ihren Erhalt hatte bis zum 19. Mai rund 20.000 Mitglieder, die HOSI begrüßte die dauerhafte Installation.
Widerspruch gab es trotzdem. Die Wiener FPÖ nannte die Motive überzogen, sprach von Steuergeldverschwendung und kündigte rechtliche Schritte gegen Vassilakou wegen eines möglichen Verstoßes gegen die Straßenverkehrsordnung an. ÖVP-Stadtrat Manfred Juraczka bezeichnete die neuen Ampeln als nicht günstig und die Debatte darüber als „Volksverblödung“.
Der Austausch an 120 Fußgängerübergängen beziehungsweise 49 Ampelstandorten kostete laut Angaben 63.000 Euro. Nach Angaben der MA 33 schrieb die Straßenverkehrsordnung lediglich die Farbe der Ampelsignale vor, nicht das konkrete Motiv. Eine Evaluierung ergab später einen Rückgang der Rotgeher um knapp 20 Prozent; als mögliche Gründe galten der Überraschungseffekt und die höhere Leuchtkraft.
SPÖ-Tourismussprecher Max Unterrainer forderte Ampelpärchen für ganz Österreich. Kosten von 1.285 Euro pro Ampel hielt er für vertretbar und brachte sogar stark frequentierte Skipisten als möglichen Einsatzort ins Gespräch. Die Stadt Wien besitzt die Designrechte und schloss für die Nutzung in anderen Städten kostenlose Verträge ab.
Am 18. Juni 2015 wurden in Salzburg an Fußgängerampeln der zentralen Staatsbrücke die drei Wiener Motive installiert: ein schwules, ein lesbisches und ein heterosexuelles Paar. Linz folgte am 26. Juni 2015 an vier Übergängen der zentralen Mozartkreuzung. Dort wurden die Symbole über austauschbare Vorsatzscheiben angebracht; die Kosten von etwa 1.000 Euro finanzierten private Sponsoren. Verkehrsreferentin Karin Hörzing unterstützte die Installation als Zeichen für Offenheit und Toleranz.
Anfang Dezember 2015 ließ der neue Linzer FPÖ-Verkehrsstadtrat Markus Hein die Vorsatzscheiben entfernen. Er begründete das mit einem einheitlichen Erscheinungsbild des Stadtverkehrs. Ampeln sollten seiner Ansicht nach keine politischen oder weltanschaulichen Botschaften vermitteln. Die Grünen kritisierten die Demontage scharf, Mitinitiator Severin Mayr nannte sie beschämend. Die Sozialistische Jugend Linz protestierte und klebte Pärchen-Sticker an die betroffenen Ampelmasten.
Ein Antrag von SPÖ-Bürgermeister Klaus Luger zur Wiedermontage scheiterte am 17. Dezember im Linzer Stadtsenat: Die FPÖ stimmte dagegen, die ÖVP enthielt sich. Einen anschließenden Dringlichkeitsantrag von Grünen und KPÖ im Gemeinderat lehnten SPÖ und FPÖ ab. Ende 2015 unterstützten SPÖ, Grüne, NEOS und KPÖ die Pärchenmotive; damit gab es eine knappe Mehrheit für eine spätere Abstimmung im Gemeinderat.
In Osnabrück leuchtet das Herz nun an der Bierstraße – zwischen Altstadteingang, Kunsthalle und dem ganz normalen Warten auf Grün.
