Akka am Gierstor vor dem Abriss: Zwischen Kneipengeschichte und Seniorenwohnen
Am Gierstor im Osten der Paderborner Innenstadt steht ein vertrauter Ort vor einem tiefen Einschnitt: Die Kneipe „Akka“ und das angrenzende Gebäude sollen abgerissen werden. Auf dem knapp 1.000 Quadratmeter großen Grundstück ist eine Anlage für Senioren- und Servicewohnen geplant. Investor ist Ralf Hemschenherm, der dafür die Gierstor Immobilien GmbH gründete.
Für Tommy Schroedter kam die Nachricht spät. Das Gebäude wurde im Juni 2024 verkauft; nach eigenen Angaben erfuhr der Gastwirt erst Ende August davon. Im September 2024 hörte er erstmals von den konkreten Plänen. Sein Mietvertrag läuft Anfang 2029 aus – nach seiner Darstellung hatte er ihn erst im Februar um fünf Jahre bis Ende 2029 verlängert, alternativ sei eine automatische jährliche Verlängerung vorgesehen. Bis dahin möchte Schroedter die Kneipe weiterführen, vielleicht sogar noch ein oder zwei Jahre länger.
28 Wohnungen, Laubengänge und ein Turm
Geplant sind 28 Wohnungen mit 45 bis 100 Quadratmetern. Die größeren Einheiten sollen für Paare gedacht sein, Dienstleistungen wären optional buchbar. Als mögliche Form des betreuten Wohnens nennt Hemschenherm eine Zusammenarbeit mit dem Wesphalenhof.
Im Zentrum der Anlage soll ein Innenhof mit Laubengängen liegen. Die denkmalgeschützten Reste der Stadtmauer bleiben sichtbar. Entlang der Giersstraße sollen sie denkmalgerecht in den Baukörper integriert und für Bewohnerinnen und Bewohner sowie die Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Auch drei historische Gewölbekeller sollen erhalten bleiben.
Der auffälligste Bauteil ist ein 18,37 Meter hoher Turm im Bereich des heutigen Akka-Biergartens. Fünf Vollgeschosse sind vorgesehen, der Haupteingang soll von der Gierswall-Seite aus erreichbar sein. Die übrigen Gebäudeteile sollen vier Vollgeschosse umfassen. Der Turm soll an die mittelalterliche Funktion des Ortes erinnern: an das Stadttor und den Zugang zum Handelszentrum.
An der südwestlichen Ecke, dort, wo heute die Akka steht, ist eine Ladenfläche geplant. Sie soll die Ecke offen halten und die Erdgeschosszone beleben. Hemschenherm nennt ein italienisches Spezialitätengeschäft oder eine Bäckerei als mögliche Nutzung. Von dort könnte auch der Zugang zu den Gewölbekellern erfolgen. Die erforderlichen Stellplätze sollen im Erdgeschoss untergebracht werden.
Die Gestaltung hat sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. Der Gestaltungsbeirat verlangte eine kleinteiligere Lösung. Aus dem ursprünglich organisch gerundeten Entwurf wurde ein Gebäude mit klaren Kanten; der Turm- und Torcharakter soll dadurch stärker hervortreten. Das weicht von früheren Überlegungen ab, bei denen moderne Gebäude mit organischen Formen und möglichst viel freigelegtem Mauerwerk im Mittelpunkt standen.
Erst muss der Bebauungsplan geändert werden
Einfach losbaggern geht ohnehin nicht. Die geplante Gebäudekante überschreitet die bislang geltenden Abstandsregeln. Entlang des Gierswalls soll künftig eine einheitliche Gebäudekante entstehen. Außerdem ragt der fünfgeschossige Turm über die derzeit zulässige Höhe von vier Vollgeschossen hinaus. Deshalb muss der Bebauungsplan geändert werden.
Zunächst ist ein qualifizierter vorhabenbezogener Bebauungsplan aufzustellen und zu beschließen. Danach kann der vorbereitete Bauantrag eingereicht und genehmigt werden. Hemschenherm rechnet mit etwa zwei Jahren, bis Abriss und Neubau beginnen können. Gespräche mit der Stadtverwaltung laufen, ein Bauantrag wurde noch nicht gestellt; in etwa vier Wochen könnten nähere Angaben möglich sein. Nach Baubeginn wird eine Bauzeit von ungefähr zwei Jahren veranschlagt.
Vorgesehen sind der KfW-40-Standard und das Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude, kurz QNG. Gleichzeitig muss das Entwässerungskonzept ein seltenes, aber heftiges Szenario berücksichtigen: Bei einem außergewöhnlichen Starkregenereignis mit 100-jährigem Hochwasser könnte das Gelände teilweise mehr als einen Meter unter Wasser stehen.
Wegen des historischen Gewölbekellers und möglicher archäologischer Funde müssen sich außerdem Denkmalschutz und Archäologie mit dem Vorhaben befassen. Schroedter rechnet deshalb mit einem längeren Planungszeitraum. Die Investitionskosten werden auf rund elf Millionen Euro geschätzt. Die Planung soll am Donnerstag, 15. Oktober, im Ratsausschuss für Stadtentwicklung und Bauen beraten werden.
Eine Kneipe mit viel Geschichte
Das „Akka“ zählt zu den ältesten Gaststätten Paderborns. In der Giersstraße 31 gibt es spätestens seit 1815 eine Schankwirtschaft. Zunächst hieß sie „Zum Zollhaus“, später „Altes Zollhaus“. Dort gab es auch einen Kolonialwarenladen; früher befand sich an dieser Stelle ein Zollhaus. Das Nachbargebäude verlor nach der Abschaffung der Schlacht- und Mahlsteuer 1848 seine Funktion als Zollhaus und wurde von der Stadt verkauft.
Die Gaststätte überstand 1965 die „Heinrichsflut“, bei der das Wasser bis zur Unterkante der Fenster stieg. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude bis auf den Keller zerstört und 1953 von Katharina „Käthe“ Schran aus Delbrück wiederaufgebaut. Frühere Namen waren „Tränendiele“ und „AKKAdemie“. Der heutige Name geht auf den Spitznamen des früheren Betreibers Hartmuth „Akka“ Brasche zurück.
Brasche eröffnete die Kneipe 1982 und führte sie bis zu seiner gesundheitsbedingten Aufgabe im September 2014. Knapp ein halbes Jahr später starb er. Von November 2014 bis 2019 war Katja Gesecus Wirtin, danach übernahm Tommy Schroedter. Er wird der letzte Akka-Wirt an diesem Standort sein.
Seit Ende 2019 betreibt Schroedter das „Akka“. Er promovierte an der Universität Paderborn in Soziologie und wird im kommenden Jahr 70 Jahre alt. Vor wenigen Jahren investierte er in einen Biergarten mit bis zu 40 Plätzen. Die zwei festangestellten Mitarbeiter der Akka UG sind wegen der unklaren Zukunft besorgt.
„Kneipen sind ohne Veranstaltungen nicht dauerhaft tragfähig“, sagt Schroedter. Bei Auftritten lokaler Bands oder Quizveranstaltungen sei die Akka voll, ansonsten schwanke die Besucherzahl. Open-Stage- und Poetry-Slam-Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit der Universität Paderborn gehören ebenfalls zum Programm. Die Kneipe sei eng mit der Nachbarschaft verbunden – und genau diese Mischung lässt sich nicht einfach in einen Neubau verpflanzen.
Eine neue Kneipe an einem anderen Ort kann sich Schroedter trotzdem vorstellen. Seine beiden festen Mitarbeitenden würden die Gastronomie ebenfalls gern fortsetzen. Dafür bräuchte es geeignete Rahmenbedingungen und die Möglichkeit, Konzerte zu veranstalten. Als möglichen Kompromiss nennt er einen Standort in der Nähe; dann erwartet er eine Beteiligung des Investors an den Renovierungskosten. Seinen Mietvertrag will er als Grundlage für Verhandlungen nutzen.
Hemschenherm erklärt, beide Seiten wollten gemeinsam eine Lösung finden. Kurzfristig sei das „Akka“ nicht gefährdet, bis zur Umsetzung möglicher Baupläne könnten etwa zwei Jahre vergehen.
Zwischen Stadtmauer und neuer Stadtstruktur
Die Stadt Paderborn beschreibt auf ihren Stadtentwicklungsseiten eine gute Stadt- und Siedlungsstruktur, die zur Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger und zur Attraktivität des Wirtschaftsstandorts beitragen soll. Zugleich verändert sich der Stadtraum laufend: durch technische Entwicklungen, neue Lebensstile sowie Veränderungen bei Einwohnerzahlen und Arbeitsplätzen.
Die Folgen reichen von neuen Wohn- und Gewerbegebieten über die Weiterentwicklung von Einzelhandels- und Bürostandorten bis zur Umnutzung ehemaliger Gewerbe-, Industrie- und Kasernenstandorte. Damit wachsen auch die Anforderungen an Freizeit- und Erholungsräume, Geschäfte, Kindergärten und weitere Infrastruktureinrichtungen.
Zur räumlichen Stadtentwicklung gehören deshalb Stadtplanung, Konversion – also die Umnutzung militärischer Flächen –, Denkmalschutz und Bodenordnung. Ihre Aufgabe ist es, Veränderungen zu beobachten und zu analysieren sowie Konzepte und Programme für raumbezogene Funktionen zu erarbeiten. Im Blick stehen Zentren, Wohnen, Gewerbe und Einzelhandel. Am Gierstor treffen diese Bereiche ziemlich dicht aufeinander: historische Mauerreste, Gastronomie, mögliche Ladenflächen und neue Wohnungen – auf einem Grundstück, das bei Starkregen nicht nur planerisch nasse Füße bekommen könnte.
